Teil 2 – Das Festival

Und damit wären wir dann auch beim zweiten Teil meines Berichts, in dem das Deichbrand-Festival einmal gegen den Strich gebürstet wird: Mir fällt es in diesem Jahr noch etwas schwer, Kritik anzubringen, da die Situation rund um Corona plus die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen aus dem bitteren Cocktail der Pandemie und des immer noch miesen Krieges russischer Machthaber gegen die Ukraine sicherlich das Feiern im Allgemein weiter betäuben, vor allem aber Rahmenbedingungen bieten, die mir zuerst mal ein ehrliches Hutziehen und tiefe Dankbarkeit abverlangen vor allen Menschen, die sich trotzdem trauen ein kulturelles Programm auf die Bühne zu bringen. Das geht nicht nur an die Brandstifter vom Deich, sondern an alle Veranstalter, Booker, Schauspieler, Wirte usw., die letztlich für Leute wie uns trotz großer Ungewissheit einfach immer weiter dranbleiben und durchziehen. Merci!

Und wenn ich gerade dabei bin zu loben, dann liebes Deichbrand habe ich auch im Jahr 2022 etwas zu loben, das für andere Besucher teilweise ein richtiger Dorn im Auge scheint. Euer Line Up bietet eine Genre-Vielfalt, die seines gleichen sucht. Wie ich im ersten Teil bereits erwähnte, habe ich nicht alles gesehen und fand auch nicht alles gut – der Auftritt von Apache 207 lässt mich nach wie vor verwirrt zurück. Dennoch war klar wahrzunehmen, dass ihr auch damit einen Nerv trefft und diese Buchungen sicher auch den Altersdurchschnitt auf eurem Festival senken. Die Bühnen waren bei besagten Auftritten stets rappelvoll und aus dem Grund werden wir hier im Wellenbrecherbereich sicher nicht einfach in das klassisch billige Auto-Tune-Bashing verfallen. Ich habe gesehen, dass viele Leute Bock auf diese Künstler und Künstlerinnen haben und wenn mir das nicht gefällt, dann esse ich halt ein Handbrot und freue mich auf oder über den Auftritt Afrobs oder einer anderen Band.

Gleiches gilt für eure Electronic Island. Optisch übrigens ein absoluter Kracher und musikalisch durchaus hochkarätig besetzt mit DJs, die durchgängig die Party am Laufen hielten. Nicht wenige Besucher haben sich eigens für diese Stage das Festivalticket gekauft. Ich persönlich mag dieses Konzept und bin genau aus diesem Grund auch sehr gerne beim Deichbrand, wenngleich auch ich mir in diesem Jahr noch den einen oder anderen Act aus dem Bereich Rock, Punk oder Alternative mehr gewünscht hätte.

Die explodierenden Preise auf eurem Festivalgelände haben wir ebenfalls versucht, so objektiv wie möglich zu bewerten. Aktuell steigen überall die Preise, so natürlich auch auf den Festivals. Aber leider geht diese Argumentation für mich auch nur zum Teil auf, denn da alles teurer wird, die Löhne aber lange nicht in dem gleichen Verhältnis ansteigen, beißt sich hier die Katze in den Schwanz: Ihr müsst mehr Geld verlangen, weil alles teurer wird – ich kann mir weniger bei euch kaufen, weil alles teurer geworden ist. Die Frage also, ob sich Preiserhöhungen in diesem Ausmaß wirklich lohnen, würde mich tatsächlich sehr interessieren. Für alle Menschen, die ohnehin sehr auf ihre Ausgaben achten müssen, war dieses Jahr sicher eine große Herausforderung. Die meisten aus unserer Gruppe arbeiten in Vollzeit und konnten sich so über die Tage noch etwas auf dem Gelände „gönnen“, aber auch das wesentlich reservierter und bedachter als in den Vorjahren. Wir waren uns allerdings auch einig, dass es dann zumindest in Qualität und Quantität stimmen muss und das war leider nicht überall festzustellen. Als kleiner Eindruck für alle, die nicht vor Ort waren ein Bier 0,5l kostete 6 Euro, Wodka Red Bull 0,3l z.B. 9,50, eine Currywurst mit Pommes 10,-, Bratnudeln 9,50 usw.

Es gab ausreichend Getränkestände und somit auch nur zu Stoßzeiten mal längere Schlangen, allerdings habe ich in diesem Jahr sehr wenig leckeres Fassbier bekommen. Natürlich gibt es zwischen einem Besuch in einem bayrischen Biergarten und einem Fassbier aus dem Plastikbecher auf einem Musikfestival immer einen Unterschied, dieses Jahr war das Bier aber sehr häufig richtig flaps und das fällt bei dem Preis auch mächtig auf.

Leider ist uns auch sehr negativ aufgefallen, dass es an einigen Ständen Methode hatte, sich zu verrechnen. Irgendwie verständlich, weil bei den Gästen auch die Bereitschaft Trinkgeld zu geben litt, aber sicher nicht der richtige Weg, dieses so auszugleichen.

Über die Vielfalt im Essensangebot freue ich mich immer sehr, da so für jeden Geschmack etwas Richtiges angeboten wird und die Zeiten, in denen es neben den Brezeln nur noch Pizzaklumpatsch oder Pommes gab vorbei sind. Aber auch hier gab es in der Qualität an einigen Stellen klare Abstriche. Es tut einfach weh einen Zehner in sehr mittelmäßige Imbissideen zu stecken, da hilft es auch nichts, wenn man den Gerichten tolle Namen verpasst. Das gilt nicht für alle Angebote, insbesondere einige Foodtrucks haben leckere, frische Snacks serviert, ingesamt aber mehr so „meh“.

Auch immer wieder Thema ist die Toilettensituation auf dem Gelände. Insgesamt war das noch in Ordnung und die Putzcrew hat alles gegeben. Moderne Konzepte mit mehr Urinalen für Männer und Frauen, Peefences etc. bieten hier aber noch viele Möglichkeiten der Verbesserung.

Die größtenteils ehrenamtlich tätigen Hilfs- und Sanitätsdienste waren sehr präsent. Ohne diesen bemerkenswerten Einsatz sind solche Feste nur schwer umsetzbar.

Ansonsten gab es noch allerlei Werbegedöns von einigen Märkten, Telefonanbietern, Radiosendern oder Getränkeherstellern. Das brauche ich persönlich nicht, kann es aber im Rahmen der notwendigen Sponsor-Partnerschaften akzeptieren und weitgehend ignorieren.

In Bezug auf das Gelände und die Festival-Organisation möchte ich mit einem Lob abschließen: Ich liebe es nach wie vor, dass ihr beim Deichbrand die beiden Hauptbühnen immer nacheinander bespielt und sich die Überschneidungen lediglich auf Auftritte im Palastzelt (oder ggf, der Electronic Island) beschränken. Bitte behaltet das möglichst bei!

Als letzten Teil möchte ich nochmal einen Blick auf das Campinggelände werfen. Gelobt habe ich ja bereits die Genre-Vielfalt, die es allerdings dann auch mit sich bringt, dass man auf dem Campingplatz häufig Musik hören muss, die einem nicht gefällt. Als mein persönliches Problem resümiere ich dann auch etwas, das andere Besucher gar nicht stört bzw. für sie überhaupt den Reiz großer Festivals ausmacht: Unter dem psychosozialen Druck des Saufdiktats werden über vier Tage nur stumpfer Schlagertechno und sogenannte Party- bzw. Sauflieder aus den Boxen geballert. Nicht selten sexistisch, aber klar – ironisch. Wir haben uns da in der oben bereits verlinkten Podcastfolge schon zu ausgetauscht. Es gibt tatsächlich Leute, die nur wegen der Campingplatz-Action zu einem Festival gehen. Ich finde, dass es die Mischung macht. So wundert es mich allerdings nicht, dass je größer ein Festival wird, das Angebot an sogenannten „Green-Campings“ zunimmt. Sehr ähnlich habe ich diese Entwicklung auch schon vor Jahren beim Hurricane und bei Rock am Ring ohnehin festgestellt.

In puncto Antidiskriminierung, Miteinander oder auch Umweltbewusstsein finden sich beim Deichbrand jedoch von vornherein schon erschreckend wenige Bekenntnisse auf der Homepage oder bei den Infos zu Campingplatz und Sicherheit. Immerhin das „Panama-Konzept“ wurde wieder umgesetzt. Hier sehe ich sehr starken Nachholbedarf, zumindest sofern es das Deichbrand-Team wünscht, dass ihr Festival eine Party für alle ist, auf der keiner Angst haben muss, aus irgendwelchen Gründen ausgegrenzt oder diskriminiert zu werden.

Ich bin gespannt, wie es in den nächsten Jahren weitergeht und bin jetzt schon neugierig auf das neue Line-Up für 2023.

Wer selber einmal am Deichbrand teilnehmen möchte, der Ticketverkauf für 2023 hat bereits begonnen: LINK

Deichbrand Rückblick

von Felix

Einen Festival-Bericht zu schreiben, ist gar nicht so einfach, da es bei einem viertägigen Programm natürlich sehr viele Konzerte gibt, von denen man detailliert berichten könnte und dazu noch viele Ereignisse rund um den Campingplatz passieren, die nicht weniger berichtenswert sind. Daher werde ich mich von vornherein etwas einschränken. Ich werde nicht im Detail auf die gesehenen Konzerte eingehen, sondern werde versuchen, einen allgemeinen Überblick zu geben, über das, was ich an Bands gesehen habe und ggf. empfehlen kann und das, was mir in Anknüpfung an unsere Festival-Folge (Hier!) auf dem diesjährigen Deichbrand als Festival im Allgemeinen auffiel. Ich teile den Bericht somit auf zwei Teile auf. Im ersten Teil geht es um die Musik, im zweiten um das Deichbrand im Allgemeinen.

Vom 21. bis 24.07. fand in diesem Jahr das Deichbrand-Festival in der Nähe der Wurster Nordseeküste statt. Das Festival zählt mit seinen 60Tausend Besuchern schon seit einigen Jahren zu den größeren und etablierten Festivals. Es ist sehr erfreulich, dass sich die Veranstalter bisher über die Zeit der Pandemie gerettet haben und entsprechend groß war die Vorfreude.

In unserer Deichbrand-Gruppe bedeutete dies, dass nach zwei Jahren Deichbrand at home endlich wieder richtig gecampt und gerockt werden konnte. Man muss dazu sagen, dass wir uns 2017 zusammengeschlossen haben, um noch einmal gemeinsam zu einem Festival zu fahren und es danach aus „Altergründen“ endgültig einzustellen. Daraus hat sich allerdings recht schnell das Gegenteil entwickelt und über eine Festival-Rente wird eigentlich seit dem ersten Festivaltag 2017 gar nicht mehr gesprochen. Danke dafür liebes Deichbrand.

Das Line-Up für 2022 hat mir vorab ein wenig Sorgen bereitet, da ich auf den ersten Blick gar nicht so viele Bands fand, die ich unbedingt live sehen möchte, bzw. viele der bands bereits mehrfach live gesehen habe. Da mir aber auch gar nicht mal wenige Bands bisher nur wenig bis gar nicht bekannt waren, habe ich mich vorher nochmal konsequent durch die Liste durchgehört und so noch ein paar Künstlerinnen und Künstler aufgespürt, die es auf meine erweiterte Besuchs-Liste geschafft haben. Darüber hinaus kam nach Veröffentlichung des Timetables noch dazu, dass einige Acts auf meiner Liste zeitlich recht ungünstig angesetzt waren. Das ist aber eher ein persönliches Problem. Ich hasse z.B. den Festivalsonntag. Ich weiß nicht warum, aber ich will am Sonntag einfach nur noch nach Hause, insbesondere seitdem es normal geworden ist, bereits am Donnerstag mit dem Programm zu starten, was ich wiederum ziemlich gut finde. So sehe ich aber von Donnerstag bis Samstag viele Bands, sammle viele Eindrücke und bin dann in der Regel Sonntags so zufrieden, dass ich gar nicht mehr das Bedürfnis habe, mir weitere Acts anzusehen und mich außerdem auf die Familie zu Hause freue, die man dann ja auch für einen recht langen Zeitraum gar nicht gesehen und nur sehr wenig gesprochen hat. Also, Sonntags hab ich zu, so dass die Liste an verpassten Bands sich auch in der Hauptsache auf den Sonntag beziehen, plus den einen oder anderen Act, den ich verpasst habe, weil dieser zu früh oder zu spät für mich startete, oder weil man feststellte, dass das eine Knäckebrot im Zelt bereits 10 Stunden zurück liegt und man doch noch etwas Richtiges essen sollte und dadurch eine Band verpasst oder nur aus der Ferne wahrnimmt. Großstadtgeflüster, Danko Jones, Enter Shikari, Dropkick Murphys, sind sehr prominente Beispiele auf dieser Liste aber z.B. auch Muff Potter, Massendefekt, Zugezogen Maskulin, Querbeat, Raum27 oder Imminence habe ich aus unterschiedlichsten Gründen nicht besucht.

Was habe ich denn dann überhaupt gesehen? Ich möchte das wie gesagt ohne große Kommentierung der einzelnen Auftritte versuchen einmal in ein paar Kategorien meiner Fantasie zusammenzufassen.

Teil 1 – Konzerte

Da wäre als Erstes und ganz ehrlich mein persönliches Highlight Der beste Festival-Opener 2022: Clowns – Punkrock aus Australien. Die ersten Takte habe ich verpasst, aber als ich am sogenannten Palastzelt ankam, liefen die drei Leute vor mir los, ich lief ihnen hinterher direkt in den Moshpit und Abfahrt. Die Band hat so viel Energie und Witz, dass ich wirklich jedem, der die Gelegenheit hat, empfehlen kann, ein Konzert dieser Truppe zu besuchen. Vor einigen Tagen habe ich erfreut zur Kenntnis genommen, dass die Bassistin Hanny J Tee jetzt auch Teil der sehr lobenswerten Bassists against Racists Kampagne ist.

Ebenfalls im Palastzelt gab es am Samstag den besten schlechtbesuchtesten Auftritt 2022: The Lytics – Hip Hop aus UK. Überschneidungen gibt es immer irgendwie bei Festivals, zum Glück entschied ich mich dieses Jahr, nach ein paar Takten der Mighty Oaks rüber in das Zelt zu gehen, um eine sehr straighte nach modernem Old-School klingende Formation zu sehen, die leider (quantitativ) nicht das Publikum hatte, welches sie verdient gehabt hätten, aber dieses (qualitativ) durchaus die Songs der Band würdigte und die Lytics auch nie den Anschein erweckten, als hätten sie kein Bock vor so wenig Leuten zu spielen, sie haben sehr sympathisch abgeliefert und sind ein neuer fester Bestandteil meiner Hip Hop Playlists.

Den besten mit Entspannungsbier im Liegen den Texten zuhören Auftritt 2022 lieferten: OK Kid – Kategorie weiß ich nicht – Pop-Post-Elektro-Hip-Hop, Alternativ-Pop oder so?! Im jeden Fall eine der vielleicht-mal-reingucken-Bands, die mich durch ihren Auftritt ein ganzes Stück näher an sich heranholen konnten. Ich war gelegentlich etwas an Sperling erinnert, wenngleich das, was bei Sperling rockt, dann bei OK Kid eher pumpt. Aber egal, beides geil und wie gesagt, ich habe gerne den Texten der Band zugehört und mich daran erfreut, dass es auch im populären Musikbereich noch Bands gibt, die nicht nur in der auf die Dauer belanglosen Ich-Perspektive fischen, sondern sich auch gesellschaftspolitischen Themen widmen.

Den besten Headliner-Auftritt 2022 lieferten dann doch: Kraftklub – Muss man nichts zu sagen, kennen alle, haben alle schon mal gesehen. Ich war mir erst gar nicht sicher, ob ich Kraftklub wirklich sehen möchte, da ich sie schon häufiger gesehen habe und ja nun auch nicht viel Neues an Material dazukam. Aber, ich fasse mich kurz, sie haben wieder abgeliefert. Solider Rock zwischen Tanzbar und Circle Pit. Es war auf jeden Fall eine richtige Entscheidung mir Kraftklub erneut anzusehen.

Bester Nostalgie-Auftritt 2022 – Puh ganz schwer, denn das Deichbrand bot für meine Generation gleich eine ganze Reihe alter Haudegen, von denen ich zum Teil nicht mal wusste, dass sie noch unterwegs sind. Für mich gab es da zwei Gewinner: Afrob und die H-Blockx, wobei Afrob ja noch äußerst aktiv ist und der Nostalgie-Faktor somit nur zum Teil zutrifft, aber bei dem Auftritt auch voll bedient wurde. Sehr spät am Abend hat Afrob gezeigt, warum er seit über zwanzig Jahren konsequent im Spiel ist. Der Freitag hat durch den Auftritt einen herrlichen Abschluss gefunden und Afrob bleibt im deutschen Hip Hop einer meiner absoluten Lieblingsrapper.

Die H-Blockx haben mich sehr positiv überrascht und da muss ich mich bei meiner Truppe bedanken, dass sie mich überzeugten, ihnen am Donnerstagabend dorthin zu folgen, denn ich hätte mir das vermutlich gar nicht angesehen, aus Angst mir die Erinnerungen an die Auftritte der Neunziger zu versauen. Aber auch die H-Blockxx haben wirklich überzeugt und die Masse im rappelvollen Zelt war noch sehr textsicher. Hut ab!

Hier zu sehen: https://www.instagram.com/p/CgTtD4wK8D2/

Beste Ein-Mann-Kapelle 2022: Passenger – Liedermacher mit Gitarre. Ich habe immer großen Respekt davor, dass sich einige Künstlerinnen und Künstler nur mit einer Gitarre und ihrer Stimme auf die Bühne trauen. In unserer nächsten Folge im Podcast tauschen wir uns darüber auch etwas intensiver aus. Gerade auf Festivalbühnen ist das ein Konzept, das sehr mutig ist. Passenger hat seine schön poppig-melodiösen Lieder gespielt und mich vor allem in den Ansagen zwischendurch mit seinem ironischem Humor überzeugt. Cooler Typ.

Bester mittelmäßig abgemischter Auftritt im Zelt 2022: Callejon – Metalcore zu später Stunde. Geile Idee und auch insgesamt ein guter Auftritt, allerdings war hier die Abmischung nicht optimal, oder ich stand sehr ungünstig zur Bühne. Sicher ist es eine große Herausforderung für eine Zeltbühne dieser Größe einen vernünftigen Sound hinzubekommen, aber der Hall überlagerte bei Callejons gewohntem Tempo einfach sehr viel, so dass Musik und Gesang doch etwas litten. Die Band hat vor ihrem Auftritt jedenfalls für einen meiner Lieblings awkward-moments des Wochenendes gesorgt, als sie sich in einem Moment vermutlich unbeobachtet fühlten und zum, vom Zelt-DJ aufgelegten Disco-Song von Christian Steifen in ihren Skelett-Suits warm tanzten, herrlich.

Beste Pop-Rock-Performance 2022: Deine Cousine – Pop-Rock aus dem Norden. Sehr eingängige Melodien, live etwas rockiger und vor allem gut im Sound. Der Auftritt der Sängerin Ina Bredehorn, die ihre wirklich guten Texte überzeugend und mitreißend abrockt, war voll Dynamik. Musik dieser Art darf gerne häufiger im Radio laufen.

Bester Frühsport 2022 Le Fly: Sehr fleißige Rap-Reggae-Ska-Dancehall Combo aus Hamburg, die mit ihrem Sound und ihrer positiven Stimmung einfach zum Mittanzen animiert. Nach ihrem Auftritt ist man bereit für den Rest des Tages, der Kreislauf wieder in Schwung und die Nachwirkungen des Vortages (fast) vergessen.

Beste Band, die nächstes Jahr sicher auf größerer Bühne spielt Auftritt: The Struts – Glamrock aus UK und eigentlich auch hinlänglich bekannt. Ich muss zugeben, dass ich mit mehr Andrang rechnete, aber alle die ihren Auftritt im Zelt gesehen haben, dürften ähnlich zufrieden gewesen sein. Etwas alte Rock-Schule in einem neuen Gewand, ein sehr starker Stimmungstransport, eine sehr starke und verdammt gut aufgelegte Live-Band.

Auch hier eine schöne Anekdote: Die Band verschenkte nach dem Auftritt die üblichen Utensilien (Plektrum, Drumsticks, Setlist etc.). Marco griff Millimeter am Plektrum des Gitarristen vorbei, um dann beim Herausgehen aus dem Zelt festzustellen, dass das ersehnte Relikt einfach mal direkt in dem Bierbecher landete, der in der Seitentasche der Cargo-Hose steckte. Glück muss man haben.

Bester Dauerbrenner-Auftritt 2022: Rogers – klassischer deutscher Punkrock und zumindest gefühlt jedes Jahr auf dem Deichbrand zugegen. Und jedes mal, wenn ich sie dort sehe, denke ich, dass ich sie gerne mal auf einer ihrer Clubshows sehen möchte, habe es bis jetzt aber noch nicht geschafft – wird sicher noch nachgeholt.

Bester Trink-schnell-aus-wir-müssen-rüber-Auftritt 2022: Anti-Flag – Punkrock-Veteranen aus den USA, die ebenfalls sehr früh am Nachmittag auf der Hauptbühne spielten, das aber sehr souverän und somit schon mal ordentlich Bewegung in den ersten Wellenbrecherbereich brachten. Anti-Flag sind auch so eine feste Größe auf diversen Festivals, die sich über die Jahre aufgrund ihrer durchaus beachtlichen Diskographie in meinen Augen auch etwas mehr Spielzeit verdient hätten. US Punk ist immer ein spezialgelagerter Sonderfall, aber meiner persönlichen Einschätzung nach sind Anti-Flag durchaus authentisch.

Bester Es muss nicht immer Pogo sein Auftritt 2022: Flogging Molly – Irish Folk Punk und stets allererste Live-Sahne. Diese Band bringt einfach soviel Spielfreude auf die Bühne, dass man kaum glauben kann, dass sie im Sommer an beinahe jedem Tag eine andere Festivalbühne bespielen. Sicher eine der fleißigsten Festivalbands diesen Sommer. Flogging Molly in diesem Jahr ein weiteres persönliches Highlight für mich persönlich. Aktuell ist dieser Auftritt neben einigen anderen noch hier als Re-Live des Streams nachzusehen: Hier klicken!

Bester Mag ich selber nicht so, guck ich mi aber trotzdem an Auftritt 2022: Maximo Park – Indie-Pop-Rock, den ich privat nicht so gerne höre, aber wenn Freunde gerne eine Band sehen wollen, die mir nicht so zusagt, nehme ich das gerne als Anlass, etwas über meinen Tellerrand zu gucken. Und ganz knapp zusammengefasst: Maximo Park ist weit mehr als nur Books and Boxes.

Bester Spontan-Auftritt 2022: Madsen – das tröstet sicher jeden Veranstalter, wenn eine Band (Milky Chance) kurzfristig absagen muss und du dafür aber noch kurzfristiger einen Ersatz organisiert bekommst. Für mich war Madsen auch gleichzeitig der Abschluss des Deichbrands 2022, da ich im Anschluss die Rückfahrt angetreten habe. Bei Sonnenuntergang wirkte ihr Konzert aber alles andere als schnell improvisiert – Hut ab und Danke für diese Schlussakkorde: Lass die Musik an!

Es bleiben ein paar Auftritte unerwähnt, die ich zwar (zumindest teilweise) gesehen habe, aber über die ich nicht weiter schreiben möchte, da es auch in der Regel Auftritte von Künstlern waren, die nicht meinem Musikgeschmack entsprechen (Bausa, Apache 207, Rin, Steve Aoki), die ich aus oben schon mal genannten Gründen nur am Rande verfolgt habe (z.B. Bosse, Die Orsons) oder die mich in dem Moment nicht so gepackt haben (z.B. Guano Apes, Drunken Masters). Das gilt im Übrigen auch für die Electronic Island in diesem Jahr. Diese war ebenfalls hochkarätig besetzt, stand aber bei mir in diesem Jahr nicht so hoch im Kurs. Im zweiten Teil möchte ich dann auf das gesamte Drumherum zurückblicken.

Für Musikmenschen wie mich, ist das Deichbrand also auch 2022 absolut einen Besuch wert gewesen.

“Look in their eyes, Ma – you’ll see me!” Literatur in der Musik

von Alex

Als Marco in unserem Ärzte Spezial den Song Clown aus dem Hospiz lobpreiste, fragte ich, ob sich der Komponist Bela hier vielleicht an Joey Goebels Roman Torture the Artist aus dem Jahre 2004 erinnert haben mochte (deutsche Übersetzung: Vincent). Es reifte in mir die Idee, mal einen Artikel zu schreiben, wie und zu welchem Grad schriftstellende Literaten die Musikwelt beeinflusst haben und bis heute beeinflussen. Und da die Musik – so viel sei an dieser Stelle schon verraten – nur so von Literaturverweisen wimmelt, ja, gewissermaßen ins Schwingen gerät, bietet sich natürlich der ideale Nährboden für eine solche Betrachtung. Dabei reicht die Bandbreite von ganz offensichtlicher und unwidersprochener Inspiration – wie z.B. in der epischen Progrock-Nummer Tom Sawyer von The Rush

coole Live-Version des Songs – inklusive selbstironischer Parodie von South Park im Intro.

… bis hin zu subtileren Beispielen, auf die ich gleich gerne zu sprechen komme.

Die Symbiose aus Musik und Literatur
Doch bevor es losgeht, steigen wir mit ein paar allgemeinen Worten in das spannende Thema ein. Schon immer galt: Wer in der Kunst etwas Neues schaffen möchte, sollte wissen, was vorher da war. Nichts entsteht aus dem Nichts! Oder um im Bild zu bleiben: Musiker*innen, die sich anschicken, ein neues Kapital zu schreiben, sollten die vorherigen gründlich “gelesen“ haben. Nicht um zu kopieren, sondern um zu verstehen. Und um sich inspirieren zu lassen. So kommt es nicht selten auch zu Überschneidungen mit anderen Künsten (siehe weiter unten), wobei gerade die Literatur der Musik ihre einzigartige Stimme (ver)leiht.

Die Reise der Familie Joad
Die Textzeile aus der Artikelüberschrift stammt ebenfalls aus so einem Song, dessen im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Buchvorlage sogar verfilmt wurde und in meinem Now Playing über Fin the Chaefs Album Spaß war gestern kurz Erwähnung findet.
Der Roman Früchte des Zorns von John Steinbeck (erschienen 1939) ist auch heute aktueller denn je, beschreibt er den Leidensweg der Amerikanischen Farmerfamilie Joad, die in den 1930er Jahren aufgrund einer ökologischen Katastrophe (menschengemachte Dürren in Oklahoma und Arkansas) und ökonomischen Krise (die Große Depression) ihr Hab und Gut an die Bank verliert. In der Hoffnung auf Arbeit und ein menschenwürdiges Leben zieht die Familie um den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Tom Joad in Richtung Westen. Dort erleben sie Ausbeutung, Fremdenfeindlichkeit, Erniedrigung. Die Parallelen zu heutigen Gesellschaften sind frappierend.
Bruce Springsteen greift in seinem Song The Ghost of Tom Joad die Thematik des Buches und die Mentalität des Hauptprotagonisten in eindrücklicher Weise auf:

Kurzer Textauszug:
Now Tom said; „Ma, whenever ya see a cop beatin‘ a guy
Wherever a hungry new born baby cries
Wherever there’s a fight against the blood and hatred in the air
Look for me, Ma,
I’ll be there

Wherever somebodies strugglin‘ for a place to stand
For a decent job or a helpin‘ hand
Wherever somebody is strugglin‘ to be free
Look in their eyes, Ma,
You’ll see me!

Die auf dem Album Renegades erschienene Coverversion von Rage against the Machine ist ebenso beeindruckend und explodiert geradezu vor blanker Wut und Leidenschaft:

bei ca. 4:50 Minuten hört ihr für mich eine der wütendsten und aufrüttelndsten Musikpassagen der Geschichte!

Eine Waise ohne Geruch
Doch nicht nur der Boss bediente sich bei Literaten. Auch ein gewisser Kurt Cobain baute einem seiner Lieblingsbücher ein musikalisches Denkmal. 1985 erschien Patrick Süskinds Roman das Parfum – ein Welterfolg. Es war die erste und bis heute einzige Romanveröffentlichung des bayrischen Schriftstellers. Die Handlung spielt im Frankreich des 18. Jahrhunderts.

Das Waisenkind Jean-Baptiste Grenouille ist mit einem extem sensiblen Geruchssinn „gesegnet“, während er selbst keinerlei Körpergeruch verströmt. Mit diesen Besonderheiten ausgestattet, wird Grenouille Lehrling eines Parfümeurs und geht dabei – seinem auffallend komplexen Charakter folgend – auch unkonventionelle Wege der Dufterforschung. Süskinds Beschreibungen des Gestanks zu der Zeit sind atemberaubend. Beinahe glaubt man beim Lesen den Geruch in den Gassen selbst wahrnehmen zu können. Cobain gefiel das Buch so sehr, dass er es auf Touren oft dabei hatte.

Untypischerweise kam nun während einer Bandprobe im Jahr 1992 Dave Grohl mit einem neuen Gitarrenriff um die Ecke, welches Cobain eigentlich zu klischeehaft war. Um seinen Freund aber nicht vor den Kopf zu stoßen, jammte die Band herum, bis die Nummer allen gefiel. Als nur noch ein Text fehlte, erinnerte Cobain sich an sein Lieblingsbuch. Es entstand Scentless Apprentice vom letzten Album In Utero:

Like most babies smell like butter
His smell smelled like no other
He was born scentless and senseless
He was born a scentless apprentice

„Who wants flowers when you’re dead?“ – Holden Caulfield, der Vorbote des Grunge
Doch gibt es in der Musik nicht nur bewusste Literaturanspielungen in einzelnen Songs. Manchmal entwickelt sich gar eine ganze Szene, die sich – natürlich nur aus der Retrospektive ersichtlich – in Büchern bereits ankündigte. Im Jahre 1951 – also vor über 70 Jahren – veröffentlichte der US-amerikanische Autor J.D. Salinger das Buch der Fänger im Roggen. Aufgrund seiner für diese Zeit sehr derben Sprache war es in seinem Heimatland lange verboten.

Der Hauptprotagonist Holden Caulfield ist so sehr grunge, dass es wirklich verblüffend ist. Ich wiederhole: 1951 – etwa 35 Jahre vorm „Seattle-Sound'“! Bei näherer Betrachtung gar nicht verwunderlich, wird die Teenage Angst seit jeher von Generation zu Generation weitergegeben – nur mit neuen Nuancen bestückt.

Die Handlung spielt kurz vor Weihnachten des Jahres 1949. Der im Buch 16-jährige Holden (Ich-Erzähler) ist eine sensible Seele, die sich in den gängien Normen und Gepflogenheiten nicht zurecht finden kann und will. Er flog bereits von mehreren Schulen, raucht und trinkt zu viel. Wie viele Menschen der Generation Grunge hat auch Holden depressive Züge und empfindet die genannten Zukunftsängste. Aus Furcht vor der Reaktion der Eltern, irrt er tage- und nächtelang verloren durch das im wahrsten Sinne des Wortes kalte New York. Er hasst alles, was phony ist – in der deutschen Übersetzung mit dem wunderbaren Wort piefig beschrieben, gemeint sind verlogene, ignorante Menschen, zumeist Erwachsene (höre hierzu: Mr. Moustache, Do the evolution, Blow up the outside world…). Kinder liebt er hingegen sehr, vor allem seine kleine Schwester Phoebe, mit der er über alles reden kann. Kinder sind für ihn das Gegenteil von phony, nämlich unschuldig, pur und beschützenswert (höre hierzu: Polly, Jeremy, Daughter…). Er möchte sie, in Anlehnung an ein Gedicht von Robert Burns, davor bewahren, dieses Echte zu verlieren. In seinen Gedanken ist er der „Fänger im Roggen“, der die ausgelassen in einem Getreidefeld spielenden Kinder bevor beschützt, von einer nahen Klippe zu stürzen.

Im Internet wimmelt es nur so vor Holden Caulfield Playlists. Was würde der junge Mann aus der Nachkriegszeit heute hören? Hier eine Vermutung.

Visualisierung
Doch nicht nur die Textschreiber*innen lassen sich gerne und häufig inspirieren. Auch Musikvideos triefen geradezu vor literarischen Bezügen. Allen voran sei hier der “Erfinder“ des modernen Horrors genannt (neben bzw. chronologisch nach Edgar Allan Poe): Der amerikanische Schriftsteller H.P. Lovecraft. Wer den Mann und dessen Gedankenwelt nicht kennt, schaue einfach mal bei Tool vorbei. Hier werden seine Albträume gewissermaßen zum Leben erweckt:

die Videos zu „Prison Sex“, „Sober“ oder „Schism“ hätten ähnlich gut als Referenz herhalten können

Zu Lebzeiten weitgehend unbekannt, erfreuten sich seine Werke und Kreaturen erst nach Lovecrafts Tod großer Beliebtheit. So wurde das von ihm entworfene Necronomicon von Tocotronic im Song das böse Buch besungen.

Auch gehen unfassbar viele Metal-Texte und -Songtitel auf die Ausgeburten Lovecrafts zurück. Der geschätzte Blog Loudwire hatte vor einigen Jahren mal eine kleine Liste zusammengestellt (siehe hier).

Und sogar TV-Serien wie Stranger Things oder Twin Peaks können Parallelen kaum leugnen. Ebenso wenig wie Zeichentrick-Genie Matt Groening, der bei Charakteren wie Dr. Zoidberg (Futuruma) oder Kang und Kodos, den beiden grünen Außerirdischen aus den Simpsons, Cthulhus Ruf „gehört“ haben wird. Und wer kennt noch Davy Jones aus Fluch der Karibik?
Auch die „neunte Kunst“ – der Comic – verneigt sich vor Lovecraft: Der Ort Arkham (Asylm) aus der Batman-Reihe geht klar auf sein Schaffen zurück.

Bandnamen
Aber genug Exkurs – zurück zur Musik: Denn neben den Songs gibt es auch viele Bandnamen, die ursprünglich den Synapsen eines kreativen Schriftstellers entsprungen sind.

Da wäre zum Beispiel die US-amerikanische Metalcore-Band Atreyu, deren Benennung auf Michael Ende zurückgeht. Atreyu (deutsch: Atréju; „Sohn von allen“) ist der loyale und unerschütterliche Held aus Die Unendliche Geschichte – ein junger Jäger vom Volk der Grünhäute vom Gräsernen Meer.

Oder die Deutschrockband Muff Potter, die sich nach einem wichtigen Charakter aus Die Abenteuer des Tom Sawyer von Mark Twain benannt hat – schon wieder dieser Tom Sawyer. An der Figur des zu unrecht des Mordes angeklagten Muff Potters darf im Roman besichtigt werden, wie wichtig es ist, das Richtige zu tun, auch unter Vernachlässigung der eigenen Unversehrtheit (Stichwort Zivilcourage), wenn Tom und Huck vor Gericht aussagen, was in der Tatnacht wirklich geschah und wer der eigentliche Mörder ist. Falls noch nicht gelesen, unbedingt nachholen.

Bekanntere Beispiele für literarische Bandnamen sind u.a. Steppenwolf (nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse) und The Doors (in Anlehung an das Buch The Doors of Perception – dt.: Die Pforten der Warhnehmung – vom britischen Philosophen Aldous Huxley). Hier berichtet Huxley von seinen Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Drogen… Girl, we couldn’t get much higher! Come on, baby, light my fire!

Bandnamen, Musikvideos, Songtexte und -titel… es gibt so viele Beispiele, wie Literatur die Musik bereichert, dass einem schwindelig werden kann. Von daher, bleibt mir abschließend nur zu sagen: To be continued?! #alexliederatursolo

Terror – Pain into Power (2022)

von Felix

In diesem Now Playing wurden Teile unseres Interviews (WBB) mit Terror-Vocalist Scott Vogel (SV) integriert. Wir belassen die Fragen und die Statements zum Album, zur Szene und der Welt drumherum im Original, da eine Übersetzung den Antworten die Dynamik raubt. Viel Spaß! Thanks for taking your time Scott Vogel! We’re looking forward to seeing Terror live in June.

Ich bin vielen Musikgenres zugeneigt. Dabei gibt es Wellen und Phasen, in denen man den einen oder anderen Stil bevorzugt hört. Hardcore und hier insbesondere der U.S. Hardcore brandete seit meiner Jugend immer wieder auf. Jetzt (am 06. Mai 2022) veröffentlichen Terror ihr neues Album Pain into Power bei End Hits Records. Reden wir nicht groß drum herum: Mit dem neuen Album bügeln Terror im Schnelldurchlauf alles platt, was sich in den letzten Jahren anschickte, einen Platz auf dem Hardcore-Thron zu ergattern.

Ja, zwanzig Minuten sind für das erste Studioalbum seit vier Jahren eine überschaubare Länge und ich persönlich hätte auch drei bis vier weitere neue Songs auf der Platte vertragen, aber andererseits ist nach diesen zwanzig Minuten auch einfach mal alles gesagt. Ich habe direkt nach dem ersten Hören gedacht, dass die Länge tatsächlich ausreicht und musste feststellen, dass genau hier drin eine der Stärken der neuen Scheibe liegt: Die Songauswahl und die jeweilige Kürze geben dem Album eine Dynamik, die mein Hardcore-Herz schneller schlagen und die Vorfreude auf Vollkontakt-Engtanz-Feten im Sommer wachsen lässt.

WBB: The Songs are (very) short, but sound quite self-contained. However, were there any discussions / plans to expand them to a more popular length?

SV: Nope. The discuss was to keep them short. Brutal. As hard hitting as possible and for the songs And record to never let up.  At all 110 percent start to finish. Thinking about a “ popular length “ was the furthest thing from out mind to be honest

WBB: The covid-19 situation is slightly relaxing, will there be any more Tour-Dates for Europe in 2022 / 2023?

SV: Yes there fucking will be!!!!* [siehe unten!]

Nimmt man zum Beispiel direkt den titelgebenden Opener Pain into Power, dann kann man exemplarisch festmachen, wofür das ganze Album steht. Selbst bei Songs unter einer Minute sind durchaus Variationen von Tempo und Takt integriert, der Gesang und die Texte werden so unmissverständlich von Scott Vogel herausgebrüllt, dass am Ende eines jeden Titels einfach keine Fragen offen bleiben. Der „Gesang“ gefällt mir insgesamt sehr gut und damit meine ich sowohl den Vortrag wie auch die Abmischung. Kritiker von Hardcore-Musik betonen häufiger, dass sie die Mucke an sich ganz geil finden, aber bei dem „Gebrülle“ nichts vom Text verstehen. Das ist natürlich auch bei nicht wenigen Hardcore-Bands (zumindest teilweise) zutreffend, bei diesem Album kann man die Lyrics aber hervorragend mithören. Und in meinen Augen lohnt es sich auf dieser Platte mal wieder so richtig, den Worten Gehör zu schenken.

WBB: In an interview from 2018 you said, it's not hard to find new topics to write lyrics about, it's more hard to find a fresh way to say something / finding fresh terms. Can you tell us something about the process of writing the lyrics for your new record? Was there any struggling finding new terms? Cause for me, the topics aren't new for sure, but it all sounds very fresh and very pure.

SV: I think the times we are all living in and the fucking nightmare the world has become has definitely given me reason to write and to be interceptive. So much is going on in this world and the way it separates and eats people alive is devastating and nothing like I’ve never seen before. Adding the brutal music we wrote was a great recipe for true aggressive hardcore.

WBB: For me Hardcore always stands for the most genuine type of respect. You don't judge people because of their outward appearance, you show respect and you get respect. Still a lot of people are afraid of Hardcore- Music / -artists / -fans or at least misunderstand it / them. Is it possible to live a hardcore attitude without being a real fan of this music?

SV: Hmm. That’s interesting.  I guess it could be. Maybe there are people that would not connect with the music and speed and all out aggressiveness of the music but would love the lyrics and thought process and could read zines and learn all about the hardcore mindset and become part of that while still not loving the music.

WBB: Dylan Slocum (vocalist of Spanish Love Songs) once said during a concert that living in L.A. has nothing to do with the bright and shiny movie version of this city. Everybody's struggling for or worried about money. As one who lived in NY and in LA - is there a difference in the city-society? and do you have to be (or at least had to be) part of this society / (sub-)culture to do true hardcore music? Or is it also possible for young people from the suburbs or the rural area to create a real hardcore sound?

SV:I grew up in a smaller city ( buffalo ny ) and lived way outside the city till I became a teenager. So yes it’s very possible. I lived in Los Angeles for 20 years but recently moved back to Buffalo. I like the small city and not being so trapped in life and all it human insanity.

WBB: What has changed in the scene during the last years / decades? Or what's left from the spirit of the late 1980s / early 1990s?

SV: Hardcore will always have the foundation and spirit from the seeds it grew from.  There will always be people holding on to the traditions kept and respecting  the roots but it has to grow and expand and change and ebb and flow. Just like all of us And everything in the world. For better or for worse the changes come and there is just no way to stop that. The internet and social media was the huge turning point for hc just like it affected all things and again it’s wonderful and terrible at the same time.

Neben klassischen Way of Life-Songs befinden sich auch wieder Texte aus dem Bereich Gesellschaft und Politik unter den zehn Songs. Diese schaffen es anzuklagen, zu schimpfen, zu kritisieren und Fassungslosigkeit über gesellschaftliche Begebenheiten auszudrücken, ohne dass sie dabei zu sehr das Klischee des hilflosen Unterdrückten versprühen, sondern ganz im Sinne des U.S.-amerikanischen old-school-Hardcores ein (ver)zweifelndes, aber kämpferisches Selbstbewusstsein zu verkörpern.

Bestes Beispiel und einer meiner Lieblingssongs auf Pain into Power ist On The Verge of Violence:

Racial tension at an all time high. / Have we learned nothing in these desperate times. / We hate each other – cause we hate ourselves. / So much blood, on our hands,In this man made hell.[…] / Violence -destroying humanity / Violence -it’s taken our sanity / Violence -watch the youth disappear / this is reality- face your fears

WBB: Reading News here in Germany you get the impression, that the society in the US was continuously separated during the last years. Poor people with three or four jobs still have to fear for their existence, super rich people and lobbying keeps holding them down, racism, unjust laws and politics and a deadlocked Democracy that seems like it hasn't developed since decades. Is this a correct image of american society or is it over exaggerated? And if yes - why isn't everybody listening Hardcore Music or living the way? Are there still too many people, who just don't care - who just don't give a fuck as long as they are getting along?

SV: These are my favorite lyrics on the record and I think they are important. I saw people I love choosing opposite side and fully being torn apart by all the things you saw. So many times, I myself was unsure and feeling hopeless and fearing the unknowing. I think we all know the gov is not trying to save us all And doesn’t have our best interest at heart in so many ways. I tried to navigate the best I knew how and focus on finding some hope in such a fucked up time. Hardcore isn’t for everyone but I’m very grateful I found it and never let go. Music has to be your hope and the scene has to be your bridge to the hope.  Lyrics have to make you think and explore and feel. And the scene has to take you in and protect you and teach you and show you some sort of light and reason to believe in life and humanity.

Das auch die kürzesten Songs eine runde Sache sind, zeigt Outside The Lies. Mit 44 Sekunden der kürzeste Track. Mir fällt das beim Hören kaum auf, da ich auf dieser Platte wirklich beeindruckt bin, wie Terror es geschafft haben, jedem Text eine musikalische Struktur im Rahmen des Repertoires einer glasklaren Hardcore-Band zu geben, die jedes einzelne Stück zu einer runden Sache abschließt – egal ob bei 50 oder 150 Sekunden Länge.

 WBB: Very strong lyrics (probably my favorite on the new record): Born on the bottom / United by our shattered dreams /Tested in these damaged times / Don’t you fucking question me

We all have an imagination of what's meant with this lyrics / song, but I'd like to hear what drove or motivated you writing the lyrics of OUTSIDE THE LIES?

SV: During the pandemic and the death of George Floyd I saw everyone I know be tested and made to show who they are.  In these trying times and through all the anger and uncertainty these lyrics came out to say to myself that I will have to decide for myself who I am and what I stand for.

Ähnlich nur ganz anders (Jo, isso) als ich das bei meiner Rezension zu Iron Maidens Senjutsu Album im letzten Jahr schrieb (hier nachzulesen): jeder Song muss je nach Band und Stil den Rahmen bekommen, der nötig ist, um die Geschichte und die beabsichtigten Emotionen zu vermitteln und das geht nicht immer in gewöhnlichen dreieinhalb radioverträglichen Minuten und gewohnten 4/4 Strophe-Chorus-Strophe-Chorus Strukturen.

Das gelingt Terror hervorragend und somit bin ich völlig zufrieden und komme zum Abschluss mit einem genialen Life-Hack: Sind Alben nur 20 Minuten lang, muss man sie einfach drei mal hintereinander hören und schon ist eine Stunde rum. Verrückt oder?!

Ich bin mir allerdings total unsicher, wie ich diese Platte jetzt bewerte, denn wie ihr merkt, feiere ich das (je nach Zählweise) 9. Studioalbum der Amerikaner ziemlich ab. Mein um Objektivität bemühtes Kritiker-Ich denkt aber auch, dass es sich ja „nur“ um Hardcore handelt und hier ja keine handwerklich perfekte Musik-Kunst serviert wird… Aber scheiß drauf: Weil ich wirklich jeden Song geil finde und diese Platte schon etwa hundert mal gehört habe und meine Freude immer weiter daran wächst und ich jetzt wieder weiß, welche Art von Hardcore ich am meisten mag, ist diese Platte unter vielen guten Veröffentlichungen in diesem Jahr bisher mein persönliches Highlight. Ich gebe hier jetzt völlig subjektive und Hardcore-verliebte 9 von 10 Wellenbrecher! Aber so ist das, wenn eine alte Liebe völlig unerwartet wieder zum Leben erweckt wird.

*Pünktlich zum Release wurden erste Tour-Daten für Europa angekündigt:

Bildquelle: Instagram Terror

Cancer Bats – Psychic Jailbreak (2022)

von Felix

Nach 4 Jahren melden sich die sympathischen Kanadier mit einem neuen Album zurück. Vorab gab es bereits einige Singles und Videos, die wie im Falle von Lonely Bong mit einer recht ordentlichen Prise Selbstironie / Humor gedreht wurden. Wie auch bei uns im Podcast schon das eine oder andere mal thematisiert, wird auch hier das Alter der Bandmitglieder aufgegriffen und anhand der Frage, inwieweit Bands vom Format der Cancer Bats versuchen müssen, neue Wege zu gehen, um auch jüngere Menschen verstärkt anzusprechen, spaßig verarbeitet.

Dabei steht die Band keineswegs für altbackene Rockmusik, sondern präsentiert sich auf dem Album zwar durchaus gewohnt im Klang, aber modern im Sound.

Die elf Tracks sind eine angenehm reduzierte, gut arrangierte Auswahl an schnelleren Hardcore- / Alternative-Brettern mit sehr vereinzelten etwas ruhigeren, melodiöseren Parts.

Schon beim Opener Radiate geht es ordentlich nach vorne: Bass und Gitarre voll Distortion in den Strophen, ein einfacher Chorus zum Springen und Mitsingen, Bridges und Soli sorgen für leichte Tempowechsel und der Gesang Liam Corniers auf Anschlag – Das macht direkt Bock auf mehr!

Und es geht auch direkt weiter mit The Hoof, einem Song bei dem sich im Intro der Pit in meinen Gedanken beginnt im Kreis zu bewegen, um dann mit Beginn der ersten Strophe zu explodieren. Auch hier fällt mir auf, dass auf diesem Album die Bässe unglaublich fett wirken und das kann man insgesamt festhalten, hier liegt eine wirklich starke Produktion vor, die in einigen Passagen durch den Bass (Jaye Schwarzer) und die Bass Drum von Mike Peters für einen drückenden Sound sorgt. Wenngleich ich gerade dazu durchaus schon andere Meinungen vernommen habe, die vor allem das Fehlen des ehemaligen Gitarristen Scott Middleton heraushören. Das Gründungsmitglied hatte zweifelsohne großen Einfluss auf den Sound der Vorgänger, aber ich kann für mich feststellen, dass die neue Platte erfreulicherweise auch ohne Scott richtig gut funktioniert. Mir gefällt der Sound auf Psychic Jailbreak wirklich gut.

Aber zurück zu The Hoof: My life was saved by a Skateboard! Die Texte kommen also – wie oben bereits schon mal erwähnt – auch weiter mit einem ironisch-nostalgischen Humor herüber, der aber eben ohne einen ernsten Background wirkungslos bleibt und genau den integriert Liam Cornier beim Songwriting sehr bewusst. In einem Beitrag des Kerrang-Magazins (also hier!) kann man seine direkten, kurzen Statements zu jedem einzelnen Stück der Platte nachlesen.

Das Tempo bleibt ziemlich hoch und hat damit bei mir gerade voll den Nerv getroffen. Kann sein, dass es am eintretenden Frühling liegt und den zunehmenden Öffnungen und Möglichkeiten im Freizeitbereich, ich verspüre gerade jedenfalls eine Menge Bock und dieser Umstand lässt sich durch die zum Teil echt krachenden Stücke des neuen Albums aber mal so richtig anfeuern: Nur ein weiteres Beispiel sei hier der Song Friday Night, in dem es zwar textlich etwas ernster zur Sache geht, der aber der treibenden Eröffnung der Platte in Nichts nachsteht. Der Eindruck soll auch nicht entstehen, Cancer Bats sind bei aller Ironie keine Suppenkasper. Sie haben etwas zu sagen und das transportieren sie auch deutlich. Diese Mischung aus ernsteren und etwas sarkastischen Textpassagen haben die drei hier insgesamt gut angerührt, bei Friday Night ist es am deutlichsten zu spüren. Der Titel des Songs ist einfach entstanden, weil der Bassist diesen an einem einizgen Freitagabend komplett komponierte und hat überhaupt gar nichts mit einem TGIF-Feiersong zu tun.

Aber wie sieht es mit den zumindest etwas ruhigeren oder langsameren Titeln aus? So eine richtig klassische, radiotaugliche Ballade findet sich so schnell gar nicht. Hammering On ist vom Tempo her ein wenig reduziert, behält sich aber auch härtere Parts vor. Der Gesang wird hier passend durch die Sängerin Brooklyn Doran ergänzt. Da würde mich wirklich interessieren, wie es zu der Zusammenarbeit kam, denn Brooklyn Doran ist eine klassische, wenngleich anspruchsvolle Songwriterin, die ich aber – außer der Tatsache, dass sie auch aus Kanada stammt – niemals mit den Cancer Bats in Verbindung gebracht hätte. Aber die Überraschung ist durchaus gelungen. Eigentlich war es das dann aber auch schon mit ruhigeren Songs. Die übrigen Stücke gehen zwar nicht alle so direkt nach vorne (zumindest nicht durchgehend), bringen aber ebenfalls klar zum Ausdruck: Cancer Bats haben Bock zu rocken! Gute Beispiele sind dafür auch die Songs Pressure Mind und Rollin Threes. Bei Pressure Mind gibt es etwas weniger Tempo in den Strophen und Instrumental-Parts, dafür dann im Refrain wieder Gelegenheit zum raumgreifenden Ausdruckstanz, Rollin Threes gefällt mir vom Songkonstrukt her ausgesprochen gut, da er eher eine Geschichte erzählt und so mit längeren Strophen und kurzen Chorusphasen für Abwechslung sorgt.

Ich neige im Podcast ja dazu, Bands bzw. Alben in alltagstaugliche Kategorien zu stecken, bei Psychic Jailbreak fällt mir das etwas schwerer, denn wie gesagt, trifft das Album gerade absolut meinen Geschmack. Deshalb lief es bei mir auch bereits zu vielen Gelegenheiten: beim Putzen, beim Arbeiten, beim Duschen, beim Joggen und beim bewussten Konsumieren im Ohrensessel.

Es kann gut sein, dass ich in anderen Lebensphasen noch stärker bemängelt hätte, dass mir das Album zu wenig Kontraste bietet und der Gesang über die Länge des gesamten Albums zu gleichförmig ist, in meiner aktuellen Verfassung bleiben so aber starke 7,5 von 10 Wellenbrecher. Plattenkritiken sind also nicht einfach nur subjektiv sondern unterliegen auch noch intraindividuellen Schwankungen – und auf meiner aktuellen Schwankung skaten die Cancer Bats stabil in meine Playlists – kannst machen nix…