Silverstein im Tower, Bremen, 11.06.2022

von Alex

die Jungs hatten Bock: Silverstein am Samstag im Tower

Als Felix und ich am Samstag gut gelaunt Richtung Tower schlenderten, hatten wir zwar richtig Bock. Doch befürchteten wir eine des Abends nicht angemessene überschaubare Zuschauerzahl vor der Bühne. Zum einen drehen in den aktuell unsicheren, inflationären Zeiten die meisten Menschen ihre Euro notgedrungen zweimal um und zum anderen brannte schon den ganzen Tag die Sonne vom Himmel. Eher Schlachte- oder Uniseewetter als Club-Wetter also. Und dann ist da ja auch noch dieses Virus…

Gegen 19:30 Uhr trafen wir ein und unsere Befürchtungen schienen sich zu bestätigen. Erstmal zur Theke und zwischen ein paar verlorenen Menschengrüppchen ein Schreckbier verzehrt. Im Laufe der Zeit wurde es aber doch merklich voller, sodass der Bereich vor der Bühne zum Start der Supportband Shoreline gut gefüllt war. Shoreline? Sagt euch was?! Ja, Felix hatte über die aktuelle Platte der Münsteraner mit Namen Growth ein detailliertes Now Playing verfasst (lese und höre hier).

Support
Als die vier Jungs losbretterten, fiel mir als erstes der bemerkenswert dichte und kristallklare Sound auf. Nur die Textzeilen waren – zumindest von unserer Position aus – kaum zu verstehen, was bei den wichtigen Botschaften der Songs etwas schade war. Trotzdem, großen Respekt an Band und Mischer für diesen durchdringenden, satten Livesound. Und apropos Livesound: Schlagzeuger Martin Reckfort konnte mich ziemlich schnell als Fan gewinnen, war er ein verlässlicher Taktgeber auf hohem Niveau, der komplett frei von Theatralik seinen Job erledigte. Ein bisschen wie ein Fußball-Torwart, der einfach den Ball hält, anstatt eine Flugshow abzuziehen und sich danach viermal abzurollen.

Sänger und Gitarrist Hansol Seung war mit Beginn des ersten Taktes sofort da, schrie und sang, hämmerte auf Saiten ein und sprang über die Bühne. Mimik und Gestik verrieten volle Authentizität, Energie und Wut. Sein Shirt mit der Aufschrift „No one is illegal“ und der Regenbogen-Gitarrengurt verrieten die Werte des Mannes mit koreanischen Wurzeln. In einer kurzen Atempause wurde es zwischen zwei Songs gesellschaftskritisch, als Hansol sich fragte, weshalb Hardcore Shows bloß so wenig divers seien, obwohl die Szene selbst doch tolerant und für jede*n offen sei. Im Publikum weiße Männer, wohin das Auge reichte. Passenderweise hatten wir genau diese Frage vor Kurzem auch in unserem Interview mit den Punkern von Mischwald diskutiert (höre u.a. hier oder im Streaming). Wobei ich sagen muss, dass zumindest das Mann / Frau Verhältnis am Samstag nicht so vernichtend ungleich war, wie man(n) es durchaus gewohnt sein mag. Bzgl. BIPoc und Menschen mit Behinderung stimmte es allerdings. Leider.

Aber zurück zur Musik, die einen hörenswerten Mix aus Melodic Punk mit Emo-Einschlägen bereit hielt. Live fand ich die Kompositionen böser, als ich sie vom Album her erwartet hätte. Gut so! Meine persönlichen Highlights waren Distant und der rotzige Opener Sanctuary:

Ach ja, und Meat Free Youth gefällt mir allein schon inhaltlich ausgesprochen gut. Am Merch-Stand gab es das entsprechende Shirt zur Nummer: Meat is for losers!

Shoreline tourt noch bis in den Herbst hinein durch Deutschland (siehe hier). Am 21. Oktober sind sie als Headliner abermals in Bremen, Support: TIED (Location: Bürgerhaus Weserterrassen). Eine dringende Besuchsempfehlung sei hiermit ausgesprochen.

Silverstein
Dann kurz verschnaufen an der frischen Luft, während der Umbaupause. Wetter immer noch gut, Baustelle vorm Tower immer noch unschön, wieder rein. Bierchen geholt, Lob an die Tower-Crew, wie immer schnell und freundlich. Zeit für den Hauptact.

Spätestens als die fünf Kanadier, unterstützt von Queens We Will Rock You Beat die Bühne betraten und die ersten Textzeilen aus Bad Habits, durch den Tower hallten, waren auch die letzten Zweifel, ob der Publikumszahlen beseitigt. Mit etwa 300 Zuschauern war der Tower verdammt nah an seiner Kapazitätsgrenze für Liveshows. Von jetzt auf gleich wurde die Band um Frontmann Shane Told frenetisch gefeiert. Es wurde gepogt, gesprungen, geklatscht und lauthals mitgesungen: Why do I keep chasing bad feelings? I keep breaking down. I never deal with it. Drown ‚cause I don’t wanna swim. I’m good with bad habits! Eindeutig: Die Menge war dankbar, dass Silverstein mal wieder über den großen Teich gekommen war.

hier ein „baugleicher“ Konzertstart aus Anaheim

Es dauerte nicht lange, da gestand auch Shane, wie gut es tut nach so langer Zeit zurück zu sein. Zurück in Deutschland (mit seinen, Zitat: „wertschätzenden Fans“) und überhaupt zurück auf der verdammten Bühne! „Denn dafür machen wir das!“ Und dass die Jungs Bock hatten, war zu erkennen. Musikalisch ging es tight und tief quer durch die elf Studioalben umfassende Diskographie (zählt man den Exoten „Short Songs“ mit).

Ein klares Highlight des Abends war ein ausladendes Medley, bestehend aus Passagen u.a. aus The Artist, Sacrifice, I Am the Arsonist und The Continual Condition. Über Social Media hatten sich während des Lockdowns offenbar sehr viele Fans diese und andere Songs für die nächste Setlist gewünscht und zack, wurde es knackig komprimiert umgesetzt. Hier sieht man: Die Fans werden gehört, selbst wenn sie weit, weit weg sind!

Hauptsächlich wurde jedoch das Anfang Mai frisch erschienene Album Misery Made Me bespielt, welches durchaus metal-lastiger daher kommt, als die Vorgänger. Der Stimmung war es absolut zuträglich. Stellvertretend sei hier Bankrupt genannt:

In meinen Ohren dabei absolut beeindruckend, wie präzise Shanes Stimme nach über 20 Jahren Bandgeschichte live noch immer funktioniert. Sowohl die Cleanvocals saßen – gerade in Verbindung mit der Stimme von Leadgitarrist Paul Marc Rousseau toll anzuhörenund auch die Screams sind weiterhin beeindruckend beängstigend. Hier findet ihr einen kleinen Bericht, wie Shane das Schreien erlernte.

Und da ich gerade im Lobhudelmodus bin: Paul Koehlers Schlagzeugspiel in Your Sword Versus My Dagger war naturgemäß eine unglaubliche Performance und Paul Marc Rousseaus Tapping bringt Smile In Your Sleep in meinen Augen – und Ohren – einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert.

Zwei weitere Highlights offenbarten sich in der Zugabe. Erst kam Shane ganz allein zurück auf die Bühne – eine Akustikgitarre vor dem Bauch – und lieferte eine intime Version von Aquamarine

… ehe Silversteins Musikalität und ihr breit gefächertes Songwriting als gesamte Band in der Akustikversion des Songs Where Are You? vom 2020er Album A Beautiful Place To Drown unterstrichen wurde. Eine moderne Rockballade frei von Pathos und Schmalz:

Zum Rausschmiss wurde es dann nochmal schweißtreibend. Mit dem punkigen Doubleheader My Heroine und The Afterglow gab es ein letztes Mal links wie rechts auf die Fresse. Und nach dem Verklingen der letzten Töne war an jenem Abend vom Circle of Death bis zum Crowdsurfen alles dabei gewesen. Wunderbar!

Nachdem uns Silverstein also glückselig in die lauwarme Bremer Nacht – oder besser into the afterglow – entlassen hatte, folgte unmittelbar der erste Kulturschock: Direkt vor dem Tower zog eine ungesund gut gelaunte Gruppe Menschen vorbei, die aus voller Kehle „Skandal im Sperrbezirk“ mitgrölte. Auf den unerwarteten Schreck schlossen wir das Kapitel im nächsten Irish Pub. Und so endete der Abend, wie er angefangen war: Mit einem gepflegten Schreckbier!
Auf Hardcore! Auf Rosi!
Auf Hardcore Rosi!

Instagram:
@shoreline_band
Silverstein

Die Ärzte im SO36, Berlin, 13.05.2022

von Marco

Hipp, hipp, hurra konnte man da nur sagen, als ich ein paar Tage vor dem Konzert erfahren habe, dass ich tatsächlich noch zwei Ärzte Tickets für das SO36 zum Normalpreis bekommen kann (danke Philipp!!!). Auf meiner Bucket List stand immer noch:

  • Die Ärzte einmal in Berlin sehen.
  • Einmal den traditionsreichen Punkclub SO36 besuchen.

Beides darf jetzt abgehakt werden. Felix teilt meine Punkwurzeln und er bestätigt wieder, was ich im Podcast in unserem Ärzte Spezial über ihn gesagt habe (höre hier).

In bester Laune macht sich also die Hälfte des Wellenbrecherbereichs auf nach Berlin. Schnell im Hotel eingecheckt und mit der U8 zum Kottbusser Tor. Wir reihen uns in die schon recht lange Schlange ein und bekommen unsere Bändchen. So jetzt aber rein in den Club. Ein langer Gang vor uns, gleich rechts geht`s in eine kleine Bar. Über der Tür steht „Rauchen & Saufen“; scheint uns der geeignete Ort für ein erstes Kaltgetränk zu sein. Danach geht es den Gang runter in die Konzert-Area. Eine Bar direkt am Anfang auf der linken Seite, daneben gleich Merch und der Mann, der an seinem Pult sitzt und den Abend über für das richtige Licht sorgt. Auf der rechten Seite eine Rampe und ein Podest für Rollstuhlfahrer. Ein gemütlicher, „kleiner“ Club, der wohl bis zu 800 Leute fasst. Felix und ich wollen nicht gleich ganz nach vorne in den Moshpit, sondern suchen uns eine Stelle mit super Sicht, wo wir uns noch im gemäßigten Bereich wähnen.

Dann kommen die Ärzte auf die Bühne und beginnen in typisch ironischer Ärztemanier mit dem Song Gute Nacht. Ein Song, der natürlich eher ein letzter Song ist. Gute Nacht, wir sind die Ärzte, sagt zuhause es war sehr schön. Danach kommt Noise und der Wahnsinn bricht los. Ich werde sofort von hinten nach vorne gedrückt, sehe nur noch wie Felix seinen Bierbecher verliert und schon sind wir drin im Moshpit.

Wow, mit dieser Intensität habe ich nicht gerechnet. Ich merke gerade, dass ich die Ärzte seit Ewigkeiten nicht mehr in einer kleinen Location gesehen habe und bei den großen Konzerten, muss man ja gefühlt sechs Stunden vorher da sein, um so weit vorne zu stehen. Zum Glück gibt es bei den Ärzten auch immer jede Menge spaßige Ansagen und verrückte Ideen, gut zum Luft holen. Als aus dem Publikum Geschwisterliebe gefordert wird, fängt die Band spontan an, es in einer Ska Version zu spielen. Als sie diese abbrechen, flüstert Bela mit schelmischem Grinsen Farin etwas ins Ohr und es wird die Melodie von Geschwisterliebe gespielt, aber der Text von Claudia hat ´nen Schäferhund dazu gesungen. Zitroneneis bekommt ein In- und Outro im „Da, da, da“ Stil von Trio – die Älteren werden sich noch erinnern.

Nach einem Solo von Rod an der, aufgepasst, Flöte(!!!), merkt Farin an: „Der Kerl ist der Wahnsinn, beim ersten Konzert kommen nur ein paar schiefe Töne raus und nach dem vierten Konzert ist die Flöte das beste Instrument auf der Bühne.“

Auch die Texte werden, wie für die Ärzte typisch, mit aktuellem Bezug verändert. So singt Bela in Achtung Bielefeld: Aber ich denke, dass sich eine Mutter in Mariupol auch ganz gern mal langweilen würde. Bela und Rod bauen den Text von Der Afro von Paul Breitner um und singen: Hätte ich das Konto von Boris Becker und den Geschäftssinn von Fynn Kliemann. Als Anastasia gespielt wird, geht Felix erstmal Bier holen. Wie in unserer Podcastfolge zu hören: Our Felix hates this Song (höre hier). Naja, hassen wohl nicht, aber nach seiner Meinung hätte es den Song auf dem Dunkel Album nicht gebraucht. Während der Zugaben wird noch das Lied FDJ Punks von Soilent Grün, der Band, aus der später die Ärzte hervorgingen, gecovert. Die Band bedankt sich dabei beim SO, dass sie damals auch mit Soilent Grün hier schon spielen durfte.

Apropos Zugaben, ich stehe tatsächlich die meiste Zeit vorne drin, merke aber auch bei dem Song Junge, dass ich mehr oder weniger nur noch die Hände vorm Gesicht habe und rechts wie links einstecken muss, wie einst Axel Schulz in der 12. Runde. Nach 2,5 Stunden verabschiedet sich die beste Band der Welt mit Dauerwelle vs Minipli. Trotz allem ertappe ich mich dabei, wie ich denke: Ach schade, jetzt schon?! Ähnlich dem, was mein 8-jähriges Ich sagte, wenn meine Eltern mit mir nach sieben Stunden im Heide Park Soltau so langsam mal nach Hause wollten.

Die Setlist war für so ein kleines Clubkonzert genau richtig. Eine gute Mischung aus Hits, neuen Songs und unbekannteren Sachen. Waren alle Hits dabei? Einige haben sie bei den Setlists der Konzerte durchgetauscht, auf Schrei nach Liebe, Westerland und Zu Spät wurde komplett verzichtet. Vollkommen egal. Felix und ich sind zufrieden.

Ich merke nur, wie er mich etwas mitleidig anguckt, wahrscheinlich will er mir sagen, dass ich fertig aussehe, aber er verkneift es sich, denn Worte haben Kraft. Auch einer der neuen Songs, die heute wirklich richtig Spaß gemacht haben. Etwas kaputt ziehen wir unsere Jacken über unsere verschwitzten T-Shirts und verschwinden in das Dunkel der Kreuzberger Nacht.

ZSK im Schlachthof, Bremen, 25.03.2022

Support: Blaufuchs

großartiges Bild von moin.manon via ZSK Instagram

Corona wird uns alle noch lange begleiten. Umso wichtiger also, dass man wieder Möglichkeiten und Räume schafft, in denen Clubs, Kneipen, Theater – einfach alle Kulturschaffenden – wieder Programme stattfinden lassen können.

Hygienekonzepte und Statusüberprüfungen am Einlass werden in nächster Zeit zum Alltag gehören. Das heißt also auch, dass wir uns künftig am Einlass häufiger ans Schlangestehen gewöhnen müssen, also denkt dran, euch zum Wegbier noch ein Schlangenbier einzupacken, wenn ihr künftig zu Konzerten aufbrecht.

Ich nutze das jetzt direkt mal, um der gesamten Schlachthof-Crew ein großes Lob auszusprechen, denn eigentlich verlief am vergangenen Freitag schon ziemlich viel bereits wieder ziemlich gut. Euer Team hat immer eine sehr angenehme und trotzdem verbindliche Art – da könnten sich manch andere Teams gerne etwas abgucken!

Beim ZSK Konzert war leider auch deutlich zu spüren, dass sich viele noch unsicher sind, oder sich bei dem Gedanken in einer größeren Menschenmenge in einem geschlossenen Raum zu sein, unwohl fühlen und die Kesselhalle so leider nur zu etwa einem Drittel gefüllt war. Da hat einfach jeder Mensch aktuell noch sein eigenes Tempo.

Außerdem werden wir wohl auch noch eine Zeit lang mit weiteren Absagen rechnen müssen. So wie an diesem Abend leider mit der Absage von Smile and Burn, die aufgrund positiver Tests absagen mussten, was ich persönlich sehr bedauerlich fand, weil ich sie sehr gerne live erlebt hätte. Aber gut, es wird sicher nicht die letzte Gelegenheit gewesen sein.

Jetzt aber endlich zum Abend: Eröffnet haben den Abend Blaufuchs mit einer Mischung aus Emo und Pop-Punk. Das war ein ordentlicher Einstieg und der Wellenbrecherbereich behält euch auch im Auge. Als Support-Act hat man ja häufig keinen sehr leichten Stand, da man weiß, die weit überwiegende Mehrheit ist wegen einer anderen Band gekommen, trotzdem würde ich dem Sänger Johannes etwas Mut zusprechen: Es ist nicht nötig, sich selbst auf der Bühne so klein zu reden, auch wenn die eigenen Songs nicht straighten Punkrock bieten, sondern gelegentlich etwas ruhiger oder poppiger daherkommen. Am 20. Mai erscheint Blaufuchs‘ Album Daran Wird Es Nicht Scheitern und das darf man auch vor ZSK-Publikum mit breiter Brust repräsentieren. Als Vorgeschmack kann man schon Songs wie Scheitern oder das textlich sehr starke Mauern antesten. Von der EP Ein Teil Von Uns sind mir die Titel Bilder und Paris im Programm besonders aufgefallen – Blaufuchs hat zumindest schon mal Bewegung ins Publikum gebracht.

Dann legten nach einer kurzen Pause ZSK los. Lichter aus, Intro an und ich gebe zu, nach drei Jahren ohne Konzert, war ich doch etwas aufgeregt. Dann Kopfsprung in die Eröffnung: Alles Steht Still, Die Kids Sind Okay, Punkverrat! Was für ein geiler Start – danach waren spätestens alle wach und voll dabei. Zumindest vor der Bühne sah es auch aus wie immer, die Ränge waren, wie oben bereits geschrieben, leider recht leer, doch die Band hat es vorbildlich in den Hintergrund gespielt. ZSK waren gut aufgelegt und haben sympathisch und humorvoll durch den Abend geführt. Gelegentliche Animationen, ein wenig Interaktion mit Menschen aus dem Publikum („Er hat ein Tattoo auf dem Rücken!“). So kann man sagen, dass es ein insgesamt sehr kurzweiliger Konzertbesuch war. Ich persönlich habe auch keinen speziellen Titel vermisst. Logischerweise ist Alerta ZSKs Bett im Kornfeld und kam natürlich auch als abschließende Zugabe – Haltung zum Mitgrölen – geht immer. Etwas schade fand ich, dass das Anstimmen der Alerta-Rufe von Publikumsseite sich durch den ganzen Abend zogen, was ausgerechnet bei Joshis erklärender Ankündigung zum sehr persönlichen Song Stuttgart doch ziemlich deplatziert wirkte. Für mich ein weiteres Highlight des Abends. Genauso wie der im Ska-Rhythmus gespielte Titel Machs Gut und die ebenfalls sehr zum Mitsingen einladenden Stücke Alle Meine Freunde und Unser Herz, die dann wieder viel Bewegung in die Bude brachten.

Es war sehr schön, mal wieder so richtig Livemusik zu erleben und nicht nur sitzend mit Abstand oder gar nur am heimischen Bildschirm via Stream zu konsumieren. ZSK und Blaufuchs hätte ich eine vollere Bude gegönnt und trotzdem bin ich an dem Freitagabend sehr zufrieden nach Hause gegangen (also erst noch auf ein Entspannungsbier in die Kneipe – aber das tut nix zur Sache)

Am Ende noch ein kleiner Hinweis: Die geschätzten Kollegen von Away From Life haben hier das sehr erwähnenswerte Projekt Protest Sounds des Blaufuchs-Sängers Johannes einmal vorgestellt. Auf jeden Fall reinklicken!

100 Kilo Herz im Tower, Bremen, 23.10.2021

von Alex

Ach, wie war das schön, Leute! Mein erstes Konzert seit Skindred im Schlachthof vor fast zwei Jahren (Konzertbericht hier)! Und wie kam es dazu? Nun, Felix, der sich die Tickets für 100 Kilo Herz schon vor Ewigkeiten gekauft hatte (siehe seinen Tipp aus’m Pit hier), war spontan verhindert. Und weil des einen Leid, des anderen Freud ist, nutzte ich die Gelegenheit und ging mit Marco am Samstagabend voller Vorfreude in den Tower. Dass wir etwas eingerostet waren, zeigte sich dann, als wir den Eingang der altbekannten, etliche male besuchten Location nicht gleich finden konnten: Wie sich herausstellte ist der ganze Komplex derzeit eine “eingepackte“ Baustelle und in die Heiligen Hallen des Towers kommt man nur über eine in Holz-Front eingelassene Bedarfstür:

Endlich wieder im Tower

Als die erste Hürde dann gemeistert war und wir nach erfolgten Corona-Einlassregeln tatsächlich an der Theke standen, beseelt das erste Bier in der Hand, war alles irgendwie „wie immer“, wenngleich man sich ohne Maske in Mitten so vieler fremder Menschen fühlte, als hättte man vergessen seine Hose anzuziehen. Ein komisches Gefühl!

Wir waren zeitig gekommen und konnten vom Tresen aus gut beobachten, wie sich der Laden schnell füllte. Auch die Turbojugend Heiligenrode gab sich die Ehre, liebe Grüße! Trotz der einströmenden Menschenmengen, blieben vereinzelnd auch Lücken vor der Bühne. Die Show war nicht ausverkauft. Ein bisschen schade für die Band, wobei sich Sänger Rodi später am Abend mehr als zufrieden mit der Zuschauerzahl zeigte und natürlich schade für den Tower, der am Samstag sein erst zweites Post-Corona-Konzert beherbergte.

Pensen Paletti

Da ich zu dem Ticket also kam wie die Jungfrau zum Kinde, hatte ich mich weder mit der Vorgruppe noch mit dem Haupt Act intensiver beschäftigt (außer im Rahmen von Felix‘ Tipp). Umso überraschter war ich, als Pensen Paletti die Bühne betrat: Ein junger Mann, offenkundig aus Hamburg stammend, betrat mit seiner Gitarre die Bühne und sagte sowas wie: „Hallo, ich bin die Vorband!“ Ah, okay, verstehe!

Darauf, was dann passierte, waren Marco und ich allerdings nicht gefasst: Pensen Paletti spielte alleine Gitarre, Bass und Schlagzeug, aber nein, nicht mit einer schnöden Loop Station – das ist doch so 2010er! – nein, er hat sich dafür seine eigene sogenannte “Bumm-Gitarre“ gebastelt: Der Daumen der rechten Hand spielte den Bass und die restlichen Finger wechselten zwischen Gitarrensaiten und fett klingenden Drum-Sounds, die über runde weiße Knöpfe am unteren Gitarrenkorpus gespielt wurden (siehe Foto links). Allein die Batterie an dafür benötigten Effektgeräten ließ mein Herz 100 Kilo höher schlagen (siehe unten):

Pensen Paletti sang, schrie, spielte Bass, Gitarre, Drums und tippelte mit den Füßen auf den Effekten herum. Alles gleichzeitig! Der Mann ist eine Krake – mit Mini-Gehirn in jedem Finger und Fuß. Allein das Medley mit Klassikern wie Sad but true, Billy Jean oder Killing in the Name war eine Machtdemonstration. Unten ein Riff-Jam:

Und dem nicht genug hat Pensen Paletti, der mit den Projekten Das Pack und Monsters of Liedermaching durchaus auch mit anderen Menschen zusammen musiziert, einen sehr speziellen Humor, den ich abgefeiert habe. Seine Lieder sind so trocken und abstrus witzig – wie übrigens auch seine Statements zwischen den Songs, dass man gar nicht weiß, ob man lachen, tanzen oder headbangen soll. Machen wir es wie der Künstler: Alles gleichzeitig! Irgendwie kam mir schnell der Vergleich „Helge Schneider mit Stromgitarre“ in den Kopf. Mein Favorit am Samstag war das musikalisch wie textlich verrückt witzige: Stöckelschuh!

Auch Marco war sehr angetan und hat sich gleich die EP Bumm die Welt als Vinyl gesichert. Mit Autogramm, vielen Dank dafür! Im Mai ist Pensen Paletti wieder im Tower. Dringende Empfehlung!

100 Kilo Herz

Bis hierhin hatte es sich schon absolut gelohnt, aber da war doch noch was? Ach ja, der Headliner! Auf dem Weg zur Bühne kamen mir die Jungs witzigerweise auf der Treppe entgegen: Sie runter, ich rauf. Die Band wirkte richtig gut gelaunt, lachte, scherzte und schien vor Spiel(vor)freude fast zu platzen.

Haake Beck Kiste hinten links! 🙂

Rodi, der übrigens nicht nur singt, sondern auch den Bass spielt (s.o.), schrie in seinem schwarzen Kettcar-Bolzenschneider-Shirt: „Oh-oh, ich will einer von den Guten sein!“ Und selbst wenn die Textzeile aus dem Opener mit zynisch-ironischem Unterton zu verstehen ist, sind 100 Kilo Herz genau das: Von den Guten! Wie auch Feine Sahne Fischfilet sind sie mehr als eine Ska-Fun-Punkrock-Band. Sie sind ein Gradmesser für Anstand in unanständigen Zeiten. Die so wichtige Gegenstimme zum Rechtsruck- und -rock, der gerade (aber nicht ausschließlich!) im Osten – der Heimat der Jungs – wuchert wie ein Geschwür. Kantige Textzeilen, deren Botschaft im Halse stecken bleibt, während E-Gitarren und Bläser zum Springen motivieren: Der erste Moshpit ließ nicht lange auf sich warten. Es folgten die Wall of Death und diverse Crowd Surfer.

Neben den Gassenhauern Pogo und Polka, der Späti an der Klinik oder Kleinstadtdisco („Bevor du auf die Welt kamst wurde hier der Hund begraben. Und niemand gräbt ihn wieder aus. Und wenn du hier Witze über Juden machst, kriegst du von überall Applaus!“) rastete der Pit auch beim Wir sind Helden Cover Denkmal so richtig aus. Ein Song, der ohne weiteres auch aus der Feder der Leipziger hätte stammen können.

Was ich mich an dem Abend noch gefragt habe: Wer hat am “Tag danach“ eigentlich weniger Stimme übrig? Sänger Rodi oder doch Claas und Flecki, die, wenn sie nicht gerade in Saxophon und Trompete blasen, jede einzelne Silbe – ohne Mikrophon – mitbrüllen?!

Nach minutenlangen Nazis-Raus-Sprechchören wechselte Rodi dann zur Zugabe auf die Akustikgitarre und gab solo die bedrückende Nummer Wenn es brennt zum Besten. Seine Musiker-Kollegen lauschten andächtig bei ‘nem Feierabend-Bierchen: „Du weißt genau ich wollte nie kämpfen. Doch wenn es brennt, passen wir auf uns auf!“

Aber was heißt „Feierabendbierchen“?! Danach mussten die Lauscher für zwei Songs auch nochmal selber ran… Und dann, nach knapp eineinhalb Stunden Show, war‘s wieder vorbei. Wie gesagt: Mein erstes “richtiges“ Konzert nach fast zwei Jahren Abstinenz! Und es war ein wunderbares! Die Band hatte Bock, natürlich! Die Stimmung war ausgelassen und friedlich. Vor und auf der Bühne wurde aufeinander geachtet so wie man es von entsprechenden Konzerten gewohnt ist. Alle waren glücklich, mit Gleichgesinnten endlich wieder Live-Musik zu hören. Um so schöner, dass Rodi auch nochmal auf die schwierige Situation der Spielstätten – wie eben dem Tower – hinwies. Ohne sie wird‘s still: Lasst die Musik an!

Die Ankündigung, dass 100 Kilo Herz im März 2022 erneut in Bremen gastiert, wurde jedenfalls frenetisch gefeiert. Dann hoffentlich vor ausverkauftem Haus! Der Location (vielleicht wieder dem Tower?) und 100 Kilo Herz wäre es zu wünschen. Last but not least sei an dieser Stelle versprochen, dass bis dahin niemand mehr ins Kino muss, um den neuen Til Schweiger Film zu sehen (höre Drei Jahre ausgebrannt). Der läuft dann zum Glück schon nicht mehr!

Skindred im Schlachthof, Bremen, 2.12.2019

die Vorfreude springt förmlich aus den Gesichern – gleich geht’s mit Gerrit und Marco ab in den (shark) Pit!

Bereits in unserem allerersten dreckigen Dutzend haben wir versucht, Euch und uns die momentane konzerttechnische Fastenzeit zu versüßen, indem wir in Erinnerung schwelgten hinsichtlich unserer Lieblings-Live-Momente.

Dieser neuen Tradition folgend möchte ich heute von meinem letzten Konzert vor dem Lockdown berichten. Ich hatte das Vergnügen, die wallisischen Ragga-Metal-Jungs von Skindred zu sehen. Eigentlich war das Konzert bereits für Februar 2019 angekündigt gewesen, „dank“ Disturbed wurde es dann aber um satte zehn Monate auf das Jahresende verschoben. Moment. Was hat denn Disturbed jetzt damit zu tun? Nun, Skindred wurde angefragt, auf der Tour der US-Amerikaner als Special Guest dabei zu sein, was Benji Webbe und Co. vermutlich nicht zuletzt aufgrund des großen Namens von Disturbed auch annahmen. Wer mag es ihnen verdenken? Unsere Enttäuschung war natürlich groß, die Vorfreude aber hatte Zeit zu wachsen.

Ich hatte das Quintett bereits einmal live gesehen – 2011 auf dem Reload Festival, ihr Album Union Black damals frisch im Gepäck. Lief die Platte bei mir seinerzeit ohnehin schon in Heavy Rotation, war ich auch sehr beindruckt gewesen von der Live-Show der Ragga-Racker.

Nun also der Schlachthof in Bremen. Unsere Gruppe zählte fünf; Gerrit und Marco waren auch mit dabei. Wir trafen uns – extra zu früher Stunde – auf ein entspanntes Abendessen (ja, der Sex des Alters!) im integrierten Kneipen-Restaurant-Bistro-Etablissement, um auf keinen Fall die norwegische Vorband Blood Command zu verpassen. Leider dauerte es mit dem Zubereiten des Essens an diesem Abend aber derart lange, dass wir gerade noch rechtzeitig für den Haupt-Act kamen (vielleicht auch deshalb dieser Gesichtsausdruck).

Eine Idee von der elektrisierten Stimmung bekamen wir dann unmittelbar, als vor dem Konzert zu „Blitzkrieg Bob“ aus der Konserve plötzlich ein Moshpit losbrach. Trotz ausverkauftem Haus fanden wir unseren Weg direkt vor die Bühne. Die Show konnte beginnen.

Seid mir nicht böse, aber ich kann mich zehn Monate nach dem Konzert leider nicht mehr erinnern, mit welchem Song der Gig eröffnet wurde. Marco? Gerrit? Irgendwer? Was ich nicht vergessen habe, ist die unfassbare Energie und Überzeugung, mit der die Jungs auf die Bühne kamen. Webbe – in schillernde Boxermantel-Mode gehüllt – hatte die Menge mit seiner lässigen Arroganz – oder nennen wir es coolen Unnahbarkeit – von Sekunde eins an komplett im Griff. Stimmgewaltig und stilsicher zwischen Raggae-, Shout- und Clean-Vocals varierend, tanzte sich Webbe sofort in unsere Herzen. Trotz cooler Unnahbarkeit. On point wie ein Schweizer Uhrwerk taten auch die Musiker Mikey Demus (Gitarre), Arya Goggin (Drums), Daniel Pugsley (Bass) und DJ Dan Sturgess das ihre, um den markanten Skindred-Sound in die Körper der Fans zu schießen. Kaum Lückenfüller, kaum Erholung. Nobody gets out of dis shark pit alive, Nobody, nobody gets out alive. Selten habe ich so einen resoluten, aber auch ausdauernden Moshpit erlebt wie an jenem Abend im Schlachthof.

Nachenklich und emotional wurde es dann, als Webbe eine der wenigen Verschnaufpausen nutzte, um von seinem Freund zu erzählen. Er sei seit längerer Zeit sehr krank und Benji wollte ihn unbedingt mal wieder besuchen, verschob dies aber jedes mal aus fadenscheinigen Gründen (wer kennt das nicht?). Als er sich dann tatsächlich auf den Weg machen wollte, kam ein Anruf, dass sein Freund verstorben sei. Eine kleine Anekdote mit Strahlkraft, die zum einen zeigt, dass Webbe auf der Bühne nicht immer unnahbar ist und die ermahnt, nichts auf die lange Bank zu schieben, wenn es um Menschen geht, die einem wichtig sind. Nach dieser Geschichte spielte die Band den Song Saying it now vom aktuellen Album Big Tings, eine für Skindred ungewohnt balladeske Komposition, die genau dieses Thema behandelt. Und die Fans holten – ganz nostalgisch – ihre Feuerzeuge heraus und nicht ihre Taschenlampen-App. Großartig! Insgesamt ein erinnerungswürdiger Gänsehaut-Moment (hey, wäre auch was für das erste dreckige Dutzend gewesen, verdammt!).

Danach gab es wieder auf die Fresse. Kurz vor Feierabend hatten wir dann doch noch das Vergnügen Karina Ljone, die Sängerin von Blood Command live zu sehen und zu hören, als sie zu den Jungs auf die Bühne kam und der Menge inbrünstig den One-Word-Refrain aus Warning entgegenschrie. Kein einfacher Job, wenn man eigentlich Webbes Monster-Stimme gewohnt ist. Und dabei belassen wir es an dieser Stelle.

Den Rausschmiss gab es dann mit dem traditionellen Helicopter, als die (zumeist?) männlichen Fans zum eben genannten Song ihre Shirts auszogen und diese dann – oben ohne – über ihren Köpfen kreisförmig in der Luft umherwirbelten. Der eine oder andere WBB-ler mag auch mit dabei gewesen sein.

zur Visualisierung: Der Helicopter – hier aus 2011

Ein unvergessliches (vorerst letztes) Konzert. That’s my jam!