100 Kilo Herz im Tower, Bremen, 23.10.2021

von Alex

Ach, wie war das schön, Leute! Mein erstes Konzert seit Skindred im Schlachthof vor fast zwei Jahren (Konzertbericht hier)! Und wie kam es dazu? Nun, Felix, der sich die Tickets für 100 Kilo Herz schon vor Ewigkeiten gekauft hatte (siehe seinen Tipp aus’m Pit hier), war spontan verhindert. Und weil des einen Leid, des anderen Freud ist, nutzte ich die Gelegenheit und ging mit Marco am Samstagabend voller Vorfreude in den Tower. Dass wir etwas eingerostet waren, zeigte sich dann, als wir den Eingang der altbekannten, etliche male besuchten Location nicht gleich finden konnten: Wie sich herausstellte ist der ganze Komplex derzeit eine “eingepackte“ Baustelle und in die Heiligen Hallen des Towers kommt man nur über eine in Holz-Front eingelassene Bedarfstür:

Endlich wieder im Tower

Als die erste Hürde dann gemeistert war und wir nach erfolgten Corona-Einlassregeln tatsächlich an der Theke standen, beseelt das erste Bier in der Hand, war alles irgendwie „wie immer“, wenngleich man sich ohne Maske in Mitten so vieler fremder Menschen fühlte, als hättte man vergessen seine Hose anzuziehen. Ein komisches Gefühl!

Wir waren zeitig gekommen und konnten vom Tresen aus gut beobachten, wie sich der Laden schnell füllte. Auch die Turbojugend Heiligenrode gab sich die Ehre, liebe Grüße! Trotz der einströmenden Menschenmengen, blieben vereinzelnd auch Lücken vor der Bühne. Die Show war nicht ausverkauft. Ein bisschen schade für die Band, wobei sich Sänger Rodi später am Abend mehr als zufrieden mit der Zuschauerzahl zeigte und natürlich schade für den Tower, der am Samstag sein erst zweites Post-Corona-Konzert beherbergte.

Pensen Paletti

Da ich zu dem Ticket also kam wie die Jungfrau zum Kinde, hatte ich mich weder mit der Vorgruppe noch mit dem Haupt Act intensiver beschäftigt (außer im Rahmen von Felix‘ Tipp). Umso überraschter war ich, als Pensen Paletti die Bühne betrat: Ein junger Mann, offenkundig aus Hamburg stammend, betrat mit seiner Gitarre die Bühne und sagte sowas wie: „Hallo, ich bin die Vorband!“ Ah, okay, verstehe!

Pensen Paletti und seine fucking Bumm-Gitarre: Holy Shit!

Darauf, was dann passierte, waren Marco und ich allerdings nicht gefasst: Pensen Paletti spielte alleine Gitarre, Bass und Schlagzeug, aber nein, nicht mit einer schnöden Loop Station – das ist doch so 2010er! – nein, er hat sich dafür seine eigene sogenannte “Bumm-Gitarre“ gebastelt: Der Daumen der rechten Hand spielte den Bass und die restlichen Finger wechselten zwischen Gitarrensaiten und fett klingenden Drum-Sounds, die über runde weiße Knöpfe am unteren Gitarrenkorpus gespielt wurden (siehe Foto oben). Allein die Batterie an dafür benötigten Effektgeräten ließ mein Herz 100 Kilo höher schlagen:

Pensen Paletti sang, schrie, spielte Bass, Gitarre, Drums und tippelte mit den Füßen auf den Effekten herum. Alles gleichzeitig! Der Mann ist eine Krake – mit Mini-Gehirn in jedem Finger und Fuß. Allein das Medley mit Klassikern wie Sad but true, Billy Jean oder Killing in the Name war eine Machtdemonstration. Hier ein Riff-Jam:

Und dem nicht genug hat Pensen Paletti, der mit den Projekten Das Pack und Monsters of Liedermaching durchaus auch mit anderen Menschen zusammen musiziert, einen sehr speziellen Humor, den ich abgefeiert habe. Seine Lieder sind so trocken und abstrus witzig – wie übrigens auch seine Statements zwischen den Songs, dass man gar nicht weiß, ob man lachen, tanzen oder headbangen soll. Machen wir es wie der Künstler: Alles gleichzeitig! Irgendwie kam mir schnell der Vergleich „Helge Schneider mit Stromgitarre“ in den Kopf. Mein Favorit am Samstag war das musikalisch wie textlich verrückt witzige: Stöckelschuh!

Auch Marco war sehr angetan und hat sich gleich die EP Bumm die Welt als Vinyl gesichert. Mit Autogramm, vielen Dank dafür! Im Mai ist Pensen Paletti wieder im Tower. Dringende Empfehlung!

100 Kilo Herz

Bis hierhin hatte es sich schon absolut gelohnt, aber da war doch noch was? Ach ja, der Headliner! Auf dem Weg zur Bühne kamen mir die Jungs witzigerweise auf der Treppe entgegen: Sie runter, ich rauf. Die Band wirkte richtig gut gelaunt, lachte, scherzte und schien vor Spiel(vor)freude fast zu platzen.

Haake Beck Kiste hinten links! 🙂

Rodi, der übrigens nicht nur singt, sondern auch den Bass spielt (s.o.), schrie in seinem schwarzen Kettcar-Bolzenschneider-Shirt: „Oh-oh, ich will einer von den Guten sein!“ Und selbst wenn die Textzeile aus dem Opener mit zynisch-ironischem Unterton zu verstehen ist, sind 100 Kilo Herz genau das: Von den Guten! Wie auch Feine Sahne Fischfilet sind sie mehr als eine Ska-Fun-Punkrock-Band. Sie sind ein Gradmesser für Anstand in unanständigen Zeiten. Die so wichtige Gegenstimme zum Rechtsruck- und -rock, der gerade (aber nicht ausschließlich!) im Osten – der Heimat der Jungs – wuchert wie ein Geschwür. Kantige Textzeilen, deren Botschaft im Halse stecken bleibt, während E-Gitarren und Bläser zum Springen motivieren: Der erste Moshpit ließ nicht lange auf sich warten. Es folgten die Wall of Death und diverse Crowd Surfer.

Neben den Gassenhauern Pogo und Polka, der Späti an der Klinik oder Kleinstadtdisco („Bevor du auf die Welt kamst wurde hier der Hund begraben. Und niemand gräbt ihn wieder aus. Und wenn du hier Witze über Juden machst, kriegst du von überall Applaus!“) rastete der Pit auch beim Wir sind Helden Cover Denkmal so richtig aus. Ein Song, der ohne weiteres auch aus der Feder der Leipziger hätte stammen können.

Was ich mich an dem Abend noch gefragt habe: Wer hat am “Tag danach“ eigentlich weniger Stimme übrig? Sänger Rodi oder doch Claas und Flecki, die, wenn sie nicht gerade in Saxophon und Trompete blasen, jede einzelne Silbe – ohne Mikrophon – mitbrüllen?!

Nach minutenlangen Nazis-Raus-Sprechchören wechselte Rodi dann zur Zugabe auf die Akustikgitarre und gab solo die bedrückende Nummer Wenn es brennt zum Besten. Seine Musiker-Kollegen lauschten andächtig bei ‘nem Feierabend-Bierchen: „Du weißt genau ich wollte nie kämpfen. Doch wenn es brennt, passen wir auf uns auf!“

Aber was heißt „Feierabendbierchen“?! Danach mussten die Lauscher für zwei Songs auch nochmal selber ran… Und dann, nach knapp eineinhalb Stunden Show, war‘s wieder vorbei. Wie gesagt: Mein erstes “richtiges“ Konzert nach fast zwei Jahren Abstinenz! Und es war ein wunderbares! Die Band hatte Bock, natürlich! Die Stimmung war ausgelassen und friedlich. Vor und auf der Bühne wurde aufeinander geachtet so wie man es von entsprechenden Konzerten gewohnt ist. Alle waren glücklich, mit Gleichgesinnten endlich wieder Live-Musik zu hören. Um so schöner, dass Rodi auch nochmal auf die schwierige Situation der Spielstätten – wie eben dem Tower – hinwies. Ohne sie wird‘s still: Lasst die Musik an!

Die Ankündigung, dass 100 Kilo Herz im März 2022 erneut in Bremen gastiert, wurde jedenfalls frenetisch gefeiert. Dann hoffentlich vor ausverkauftem Haus! Der Location (vielleicht wieder dem Tower?) und 100 Kilo Herz wäre es zu wünschen. Last but not least sei an dieser Stelle versprochen, dass bis dahin niemand mehr ins Kino muss, um den neuen Til Schweiger Film zu sehen (höre Drei Jahre ausgebrannt). Der läuft dann zum Glück schon nicht mehr!

Skindred im Schlachthof, Bremen, 2.12.2019

die Vorfreude springt förmlich aus den Gesichern – gleich geht’s mit Gerrit und Marco ab in den (shark) Pit!

Bereits in unserem allerersten dreckigen Dutzend haben wir versucht, Euch und uns die momentane konzerttechnische Fastenzeit zu versüßen, indem wir in Erinnerung schwelgten hinsichtlich unserer Lieblings-Live-Momente.

Dieser neuen Tradition folgend möchte ich heute von meinem letzten Konzert vor dem Lockdown berichten. Ich hatte das Vergnügen, die wallisischen Ragga-Metal-Jungs von Skindred zu sehen. Eigentlich war das Konzert bereits für Februar 2019 angekündigt gewesen, „dank“ Disturbed wurde es dann aber um satte zehn Monate auf das Jahresende verschoben. Moment. Was hat denn Disturbed jetzt damit zu tun? Nun, Skindred wurde angefragt, auf der Tour der US-Amerikaner als Special Guest dabei zu sein, was Benji Webbe und Co. vermutlich nicht zuletzt aufgrund des großen Namens von Disturbed auch annahmen. Wer mag es ihnen verdenken? Unsere Enttäuschung war natürlich groß, die Vorfreude aber hatte Zeit zu wachsen.

Ich hatte das Quintett bereits einmal live gesehen – 2011 auf dem Reload Festival, ihr Album Union Black damals frisch im Gepäck. Lief die Platte bei mir seinerzeit ohnehin schon in Heavy Rotation, war ich auch sehr beindruckt gewesen von der Live-Show der Ragga-Racker.

Nun also der Schlachthof in Bremen. Unsere Gruppe zählte fünf; Gerrit und Marco waren auch mit dabei. Wir trafen uns – extra zu früher Stunde – auf ein entspanntes Abendessen (ja, der Sex des Alters!) im integrierten Kneipen-Restaurant-Bistro-Etablissement, um auf keinen Fall die norwegische Vorband Blood Command zu verpassen. Leider dauerte es mit dem Zubereiten des Essens an diesem Abend aber derart lange, dass wir gerade noch rechtzeitig für den Haupt-Act kamen (vielleicht auch deshalb dieser Gesichtsausdruck).

Eine Idee von der elektrisierten Stimmung bekamen wir dann unmittelbar, als vor dem Konzert zu „Blitzkrieg Bob“ aus der Konserve plötzlich ein Moshpit losbrach. Trotz ausverkauftem Haus fanden wir unseren Weg direkt vor die Bühne. Die Show konnte beginnen.

Seid mir nicht böse, aber ich kann mich zehn Monate nach dem Konzert leider nicht mehr erinnern, mit welchem Song der Gig eröffnet wurde. Marco? Gerrit? Irgendwer? Was ich nicht vergessen habe, ist die unfassbare Energie und Überzeugung, mit der die Jungs auf die Bühne kamen. Webbe – in schillernde Boxermantel-Mode gehüllt – hatte die Menge mit seiner lässigen Arroganz – oder nennen wir es coolen Unnahbarkeit – von Sekunde eins an komplett im Griff. Stimmgewaltig und stilsicher zwischen Raggae-, Shout- und Clean-Vocals varierend, tanzte sich Webbe sofort in unsere Herzen. Trotz cooler Unnahbarkeit. On point wie ein Schweizer Uhrwerk taten auch die Musiker Mikey Demus (Gitarre), Arya Goggin (Drums), Daniel Pugsley (Bass) und DJ Dan Sturgess das ihre, um den markanten Skindred-Sound in die Körper der Fans zu schießen. Kaum Lückenfüller, kaum Erholung. Nobody gets out of dis shark pit alive, Nobody, nobody gets out alive. Selten habe ich so einen resoluten, aber auch ausdauernden Moshpit erlebt wie an jenem Abend im Schlachthof.

Nachenklich und emotional wurde es dann, als Webbe eine der wenigen Verschnaufpausen nutzte, um von seinem Freund zu erzählen. Er sei seit längerer Zeit sehr krank und Benji wollte ihn unbedingt mal wieder besuchen, verschob dies aber jedes mal aus fadenscheinigen Gründen (wer kennt das nicht?). Als er sich dann tatsächlich auf den Weg machen wollte, kam ein Anruf, dass sein Freund verstorben sei. Eine kleine Anekdote mit Strahlkraft, die zum einen zeigt, dass Webbe auf der Bühne nicht immer unnahbar ist und die ermahnt, nichts auf die lange Bank zu schieben, wenn es um Menschen geht, die einem wichtig sind. Nach dieser Geschichte spielte die Band den Song Saying it now vom aktuellen Album Big Tings, eine für Skindred ungewohnt balladeske Komposition, die genau dieses Thema behandelt. Und die Fans holten – ganz nostalgisch – ihre Feuerzeuge heraus und nicht ihre Taschenlampen-App. Großartig! Insgesamt ein erinnerungswürdiger Gänsehaut-Moment (hey, wäre auch was für das erste dreckige Dutzend gewesen, verdammt!).

Danach gab es wieder auf die Fresse. Kurz vor Feierabend hatten wir dann doch noch das Vergnügen Karina Ljone, die Sängerin von Blood Command live zu sehen und zu hören, als sie zu den Jungs auf die Bühne kam und der Menge inbrünstig den One-Word-Refrain aus Warning entgegenschrie. Kein einfacher Job, wenn man eigentlich Webbes Monster-Stimme gewohnt ist. Und dabei belassen wir es an dieser Stelle.

Den Rausschmiss gab es dann mit dem traditionellen Helicopter, als die (zumeist?) männlichen Fans zum eben genannten Song ihre Shirts auszogen und diese dann – oben ohne – über ihren Köpfen kreisförmig in der Luft umherwirbelten. Der eine oder andere WBB-ler mag auch mit dabei gewesen sein.

zur Visualisierung: Der Helicopter – hier aus 2011

Ein unvergessliches (vorerst letztes) Konzert. That’s my jam!

Wellenbrecherbereich-Faktor: 10/10
(unser Indikator, wie rockbar ein Konzert war)

Grundsatzbewertung: 8/10
(wie war das Konzerterlebnis allgemein, unabhängig vom WBB-Faktor:
Stimmung, Leistung der Band, Sound, Location usw.)