Soundgarden – Badmotorfinger (1991)

von Alex

So legendär wie die Songs auf dem Album ist auch das Cover

Ob es ein Jahr wie jenes vor 30 Jahren mit so viel bahnbrechenden Neuerscheinungen jemals wieder geben wird, ist mehr als fraglich. Darum widme ich mich im aktuellen Now Playing einem weiteren Album dieser Zeit. Nennt mich „rückwärtsgerichtet“, nennt mich „nostalgisch“ oder „ewiggestrig“, aber auch Badmotorfinger wird eben nur einmal dreißig und das muss gefeiert und vor allem besprochen werden. Herzlichen Glückwunsch, BMF!

Während die Alben Ten und Nevermind, so großartig sie auch sind (lest und hört hier ihren Boxkampf um die Krone), zur Kommerzialisierung des Grunge geführt haben, so ist ihr kleiner Bruder nicht minder gut, kommt aber in der globalen Wahrnehmung deutlich (!) zu kurz. Das mag zum einen am unglücklichen Erscheinungstermin gelegen haben – genau zwei Wochen nach der Nevermind-Explosion. Das mag aber auch an der Musik der Band gelegen haben. Mit Chris Cornell hatte Soundgarden zwar den (technisch betrachtet!) wohl besten Sänger seiner Zeit (sorry Ed und Layne, glaube, ihr würdet nicht widersprechen), aber die Musik ist schwerer verdaulich, als die der Kollegen von Pearl Jam oder auch Nirvana. Der Klangteppich um Cornells Ausnahmestimme herum war gewoben aus raumfüllender Dunkelheit und Melancholie. Eine brisante Mischung, die mich sofort gefangen nimmt.

Um also ein breiteres, ja authentischeres, Bild der Grunge-Szene Anfang der 90er zu zeichnen, heute der Hidden Champion des Jahres 1991: Soundgardens drittes Studioalbum, welches auch für einen Grammy* nominiert war (Best Metal Performance).

Los geht es mit Rusty Cage – ein einzigartig treibendes Kim-Chris-Gitarrenduett, das klingt wie ein gehetztes Tier. Der Song hat Power und Schnelligkeit, eine Art voranwalzende Naturgewalt. Was mir auch richtig gut gefällt, ist der von Drummer Matt Cameron implementierte Break, der den Schwung rausnimmt und von jetzt auf gleich einen unglaublichen Groove erzeugt:

Die Definition von Können: Solch ein Riff spielen und dazu noch singen – und zwar so!

Kleiner Exkurs zur Selbstgeißelung: Ich selbst lernte Rusty Cage und seine elf anderen Badmotorfinger-Kumpels erst viele, viele Jahre nach Veröffentlichung kennen. Ich nenne es das Black Hole Sun* Paradoxon. Der Über-Song der Band erschien erst 1994 auf dem bereits vierten (!) Album Superunknown und der ignorante, unerfahrene Mini-Alex dachte sich: „Ja, geiler Song, aber bestimmt so’n One Hit Wonder.“ Ja.. Nee!
Gesagt, Meinung gebildet, nicht weiter verfolgt. Black Hole Sun Paradoxon. Aber zu meiner Verteidigung: Damals war ich 11 und dieses Internetz gab es auch nicht. Heute allerdings kann es wider besseres Wissen auch passieren, dass ich mir bei Bands vorschnell eine Meinung bilde. Asche auf mein Haupt. Aber ich lasse mich gerne überzeugen. So wie es Soundgarden tat. Der besagte Über-Song jedenfalls ist nicht mal in meiner Top 3 der besten Soundgarden-Songs. Wahrscheinlich nicht mal in der Top 5. So viel also dazu!

Zurück zum Album. Nach Ausstieg von Hiro Yamamoto handelt es sich um das erste Album mit Ben Shepherd am Bass. Einige der Songs schrieb er ganz aktiv mit, so auch Jesus Christ Pose, an dem gar alle vier Bandmitglieder wesentlich beteiligt waren. Drummer Matt Cameron erinnert sich: ,,Als ich diesen Beat spielte, stürzten sich alle darauf, und innerhalb einer Stunde hatten wir den Kern des Songs. Die Herangehensweise, die wir bei diesem Song gewählt haben, war ein reiner Angriff auf die Sinne. Kanadier tanzen zu diesem Song.“ Wenn ich damals mit einem Riff wie jenem zu meiner Band gekommen wäre, die Jungs hätten mir Wadenwickel gemacht, mich auf die Couch gelegt und mir aufmunternd die Wange getätschelt: Schsch, alles wird gut, Junge! Und Soundgarden kreiert daraus einfach mal ein sechs Minuten Epos. Chris kreischt und schreit, die Gitarre flirrt. Ein Song wie ein Fiebertraum im Metal-Land. Brilliant hier die Bridge ab 4:20 Minuten, die tool-esk daherkommt und das obwohl Tool damals gerade erst gegründet war und noch gar kein Album veröffentlicht hatte. Heißt das etwa… Naja, ich behaupte mal: Keenan, Jones und Carey haben Badmotorfinger damals auch gehört:

4:20 Minuten: Listen & Repeat (!)

Natürlich wurden Lied und Video (Frau am Kreuz) heftig diskutiert und von Vielen als antichristlich verurteilt. Die Band erhielt sogar, wie bei fanatischen Christen offenbar üblich (?), Morddrohungen. MTV verbannte das Video bzw. spielte eine verkürzte, zensierte Version. Chris Cornell dazu:  „Das Programm [von MTV] funktioniert wie das eines kommerziellen Radiosenders: Je kürzer das Video ist, desto mehr Videos können sie spielen und sie dachten sich wohl, dass die Leute in der normalen Zeit, in der sie sich Videos ansehen, nicht sechs Minuten lang ein einziges Video ansehen wollen.“

Dann ist da noch Outshined. Ein Song, von dem alle sagen, wie schwierig es ist, ihn musikalisch (7/4 Takt) wie gesanglich zu covern. Viele probierten es, nur ganz wenige schafften es auf ähnlich hohem Niveau. Urteilt selbst:

Die Kommentare unter dem Video – Bsp.: “Taylor has pipes and even he shows how UTTERLY above the pack Chris Cornell was” (ROKTABULA) oder “do you realize how tough it is to cover Soundgarden?!!!” (gbwiz) – können Gerrit und ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Da diese Coverversion ein Tribute nach Chris Cornells Selbstmord war, schließe ich mich dem Kommentar von User Brian Haslip an: “It doesn’t matter if you think the tributes were good or bad, it matters that they were made with respect, and both of them [Stone Sour und Megadeth] clearly were”.

Nun sind Songs wie Rusty Cage, Jesus Christ Pose oder Outshined als Singles recht bekannt, die Single Room a Thousand years wide – ursprünglich bereits im September 1990 erschienen – geht dabei allerdings oft unter. Schade eigentlich, klingt der Song doch so unkonventionell wie der Titel philosophisch ist. Für das Album wurde extra eine neue Version eingespielt. Urheber sind Gitarrist Kim Thayil (Text) und Drummer Matt Camreron (Musik), womit Thousand years einer der ganz wenigen Songs ohne Chris Cornells Zutun im Songwriting ist. Hier zeigt sich also das musikalische Talent, sowie das Gespür für fordernde Andersartigkeit der gesamten Band. Während in Spoonman* (nicht auf diesem Album enthalten) allen Ernstes ein Löffel-Solo zu hören ist (Props to Artis the Spoonman), „ejakuliert“ in Thousand years wie aus dem Nichts ein Saxophon in die Musik hinein (gespielt von Scott Granlund vom Black Cat Orchestra aus Seattle). Freaking cool! 6/4-Takt bytheway.

Und in dem ultraschnellen Song Face Pollution zeigen Soundgarden, dass sie auch Punk können, obwohl dieses Etikett der Nummer mit seinen verqueren Takten eigentlich nicht gerecht wird (Grüße nochmal an Tool). Verrückt, was Kim Thayil und Matt Cameron hier spielen… Ihr merkt, ich könnte stundenlang über dieses Album schreiben, aber ich habe mal gelesen, Online-Artikel sollten nicht zu lang sein. Wegen der Aufmerksamkeitsspanne des Lesers. Gut, hat leider wieder nicht geklappt. Sorry dafür!

Abschließend empfehle ich jedem Fan guter Musik dieses Album zum 30. Geburtstag nochmal aufzulegen. Vielleicht zum 200. Mal, vielleicht aber auch zum ersten Mal. Wie sagt man so schön: Ich bedauere, dass ich Badmotorfinger nie wieder zum ersten Mal werde hören können.

Auch nach drei Dekaden ist dieses Album nicht nur „noch immer hörbar“, sondern ein absolutes Meisterwerk, welches an Aktualität, Authentizität und Power gar nichts verloren hat. Durch Chris‘ Selbstmord wirken Text und Musik heute noch dunkler, teils beklemmender. No one sings like you anymore!

Wir vermissen dich und deine Stimme!

9/10 Wellenbrechern

* ich persönlich bin kein großer Fan von Preisverleihungen, die sich hauptsächlich auf Subjektivität, Geschmack, Bekanntheitsgrad, Standing und damit auch “Nasenfaktor” gründen, aber der Vollständigkeit halber: Soundgarden erhielt zwei Grammys (für Black Hole Sun und für Spoonman) und Chris Cornell als Solokünstler einen (für When Bad Does Good).

Marilyn Manson – We are Chaos (2020)

von Alex

Gemalt von Warner selbst: Hält das Album, was das Cover verspricht?

Vorweg:
Heute möchte ich aus gegebenem Anlass mal anders anfangen. Ich war nie ein großer Marilyn Manson Fan, wenngleich ich einzelne Songs wie den Fight Song, The beautiful people oder I dont like the drugs (but the drugs like me) schon stark fand. Doch nach einer inzwischen 20 Jahre alten Aussage des Mannes hinter dem Kunstprodukt, befasste ich mich mehr mit Brian Hugh Warner. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center hatte Warner Menschen getroffen, die gerade ihre Liebsten verloren hatten. Anschließend wurde er – der Mensch, nicht die Kunstfigur – gefragt, was er den Trauernden denn gesagt habe. Seine Antwort: „Gar nichts! Ich habe ihnen zugehört.“ Seit diesem emphatischen und intelligenten Satz sind Brian und ich Freunde. Er weiß nur nichts davon.

Auch deshalb haben mich die jüngsten Anschuldigungen der sexuellen Gewalt erschüttert, hätte ich Warner hinter der dicken Schminke als sehr philanthropisch eingeschätzt. Doch wie die allermeisten anderen Menschen habe ich keine weiteren Hintergrundinformationen zu den Vorwürfen, also springe ich – seht es mir nach – zu dem Teil, den ich beurteilen kann: Dem Musikalischen!

Im letzten Jahr hat Marilyn Manson, also die Band, nach unzähligen Mitgliederwechseln – Warner selbst blieb natürlich die Konstante – ihr inzwischen elftes Studioalbum We are Chaos vorgelegt, mitproduziert von Country-Sänger Shooter Jennings, der auch an den Songs mitschrieb. Der Erscheinungstermin der Platte war – vielleicht ein Zufall, vielleicht auch nicht – der 11. September 2020.

Auf geht’s:
Direkt im Intro des Openers Red, black and blue fühlte ich mich an Dee Snider’s Strangeland erinnert: Düster, unheilvoll, bizarr – wir hören 100% Manson, keine Marilyn weit und breit. Auch der sich daraus entwickelte Song bleibt dem Schema treu. Purer Drumbeat, harter Basslauf, charakteristisches Manson Gehauche und Geschreie. Gelungener Einstieg.

Anschließend verändert sich die Stimmung mit der titelgebenden Ballade We are Chaos. Dieser Track fasziniert mich. Auf der einen Seite kann ich mir sofort vorstellen, dass die ruhige, melodiöse Nummer auch im Popradio stark rotiert, auf der anderen Seite ist er doch so manson-durchtränkt, melancholisch und speziell, dass sich hier eine schön glänzende Perle in einer unscheinbaren Muschel versteckt. Sollte ich einem Blinden beschreiben müssen, wie ein Betty Boop Striptease aussieht (passiert ja ständig!), ich würde sagen, so wie We are Chaos klingt:

Interessanterweise zieht sich die melancholisch melodiöse Stimmung durch weite Teile des Albums. Der aggressive Manson zieht sich in tiefer Verbeugung und mit gezücktem Zylinder zurück und macht Platz für die zauberhafte Marilyn. So klingen Paint you with my love, Broken Needle oder auch das klavier-getragene (sehr starke!) Half-way & one step forward als träfe Trent Reznor auf The Cure.

Mit Infinite Darkness, das vom Titel her eine unheilvoll düstere Rockexplosion vermuten lässt, klopft man nochmal zaghaft an Mansons Tür, um den Aggressor zurück auf die Scheibe zu holen, aber der macht nicht auf. Und so gehört der Rest der Platte vollends der lieblichen Marilyn. Das Albumcover (siehe oben) ist in meinen Augen deshalb ziemlich irreführend, hätte ich mir eine andere Härte vorgestellt. Gedanklich bin ich immer bei Marcy Playgrounds Single Cover zu Sex and Candy (siehe hier – das hätte gepasst). Vielleicht ist aber gerade das mein “Problem”: Die Erwartungshaltung. Denn die Diskrepanz zwischen Cover und Musik passt in ihrer Ambivalenz wiederum zu Künstler und Band.

Fazit:
Das Album lässt mich ein wenig ratlos zurück, was – zugegeben – schlecht ist für eine Rezension. Die balladesken Lieder sind handwerklich sehr gut umgesetzt, aber auf Dauer war mir das zu wenig. Auf einen Langzeit-Aha-Effekt und einen wütenden Manson warte ich noch immer. Viele Lieder klingen zu ähnlich, zu zahm. Mit We are Chaos macht Marilyn Manson einen großen Schritt in Richtung “künstlerische Freiheit” und das gefällt mir. Jedoch werden längst nicht alle Facetten der Freiheit ausgeschöpft, die möglich gewesen wären. Free Manson!

6,5/10 Wellenbrechern

#14 Das dreckige Dutzend (Guilty Pleasure)

Immer mal wieder sprachen wir On Air und Off Air inoffiziell über unsere Guilty Pleasures, also Musik, für die man sich ein bisschen schämt, dass man sie gerne hört. Bands und Künstler wie “Deine Freunde” oder “Heinz Rudolf Kunze” waren ja schon mal Thema. Heute konnten wir uns nun endlich genug Mut antrinken, um euch auch offiziell unsere 4×3 liebsten Guilty Pleasures zu präsentieren: Bands, Künstler, Songs… Seid stark und hört rein! Aber bitte verurteilt uns nicht – wir sind doch auch nur Menschen!
Ach ja, natürlich interessieren wir uns auch brennend für eure peinlichsten oder skurrilsten Guilty Pleasures. Lasst uns und die Community gerne daran teilhaben.

#13 Sauna & Croissants – unsere Festival-Diskussion

Leider fielen auch 2021 die meisten Musikfestivals coronabedingt ins Wasser. Grund genug für uns, in der heutigen Folge in Erinnerungen zu schwelgen. Dazu hatten wir bereits im Vorfled nach euren Anekdoten, Likes und Dislikes gefragt. Freut euch auf eine Episode voller Spaß, Vorfreude, aber auch – wie ihr es gewohnt seid – kritischer Töne, wenn wir die Festivalkultur und – Landschaft beleuchten.

Natürlich haben wir auch wieder die Tipps aus’m Pit für euch dabei, die dieses Mal in einer hitzigen Diskussion enden.

In der Albumbesprechung widmen wir uns heute Instrument – dem Debütalbum des deutschsprachigen Post-Metalcore Projekts Bed and Breakdown.

Im abschließenden Schnell-Ratespiel geht es knallhart auf Zeit. Denn es kann nur Einen geben! Welche Strafe erwartet den Verlierer heute? Und nun, auf geht’s! Push the button:

“Tipp aus’m Pit” zum Nachbetrachten (aus #13)

Felix: Disarstar – Deutscher Oktober (LP, 2021)

Eine erfrischende neue Stimme am deutschen Hip Hop Himmel mit intelligenten Texten von gesellschaftlicher Relevanz. Tickets für die kommende Tour sind schon “auf Täsch”!

Alex: Gus & ich von Keith Richards

Heute mal keine Musiik, sondern ein sehr empfehlenswertes Kinderbuch. Stones Gitarrist Keith Richards erzählt hier die Geschichte, wie er dank seines Opas Gus zum Gitarre spielen kam. Die Illustrationen sind von Richards’ Tochter. Eine CD, auf der der Mann mit der Raucherstimme die Geschichte vorliest und auf seiner Akustikgitarre klampft, liegt dem Buch bei.

bei Interesse: SUPPORT YOUR LOCAL DEALER

Marco: KIZ – Rap über Hass (LP, 2021)

Ja, ja… kaum eine deutsche Combo polarisiert wie KIZ – auch im Wellenbrecherbereich (höre #13). Die neue Scheibe jedenfalls, die nach langer Funkstille jüngst erschien, wurde von Fans sehnlichst erwartet. Derbe Punchlines, wohin das Ohr auch hört!