Mit dem Einzelhandel durch das Amazonasgebiet

Unlängst offenbarte ich einem Mitzwanziger, dass ich weder Spotify noch Amazon Music nutze. Kurz zuckte Verunsicherung durch sein Gesicht. Dann ein wissendes Lächeln: „itunes?“ Doch als ich auch dies verneinte, war die Ungläubigkeit groß. Nach einer kurzen, bedeutungsschweren Pause, die drängende Frage: „Und wie hörst du dann Musik?“

Ja, Freundinnen und Freunde, es ist wie es ist: Die fetten Jahre der Tonträger sind vorbei. Ziehen wir einen Vergleich zur Automobilbranche könnte man wie folgt konstatieren:

Die Kassette ist der Trabant: Zweckmäßig, aber defizitär. Deshalb längst von der Bildfläche verschwunden.

Die Schallplatte ist der Oldtimer: Alte Technik erhält neue Aufmerksamkeit. Für Hipster und/oder Nostalgiker

Die CD ist der Diesel: Noch voll funktionstüchtig, aber niemand will sie/ihn.

Streaming (oder anders: Musik-Tinder) ist hingegen auf dem Vormarsch. Auch im Podcast sprachen wir in Session #1 über die Transformation. Mit dieser Erkenntnis wurde ich doch etwas sentimental und dachte an früher (Stichwort Nostalgiker). Wie schön war es, in Plattenläden zu stöbern: Unbedarft zum Trenn-Schildchen “F Sonstige“ gehen, die Tonträger mit den Fingern durchblättern wie die Jungs aus der Big Bang Theory ihre Comics („hab ich, hab ich, hab ich, hab ich…“), eine Scheibe völlig irrational aufgrund des ansprechenden Covers herauspicken (Wer ist das? Flaw? Nie gehört. Through the eyes?) und einfach mal reinhören (Bäm!). Nichts von wegen Algorithmus, nichts mit „das könnte Ihnen auch gefallen“. Wenn mir jemand gesagt hat, was mir auch gefallen könnte, dann höchstens meine Kumpels. Und sonst niemand.

Also entschied ich, kurz vor Corona, den so wichtigen Erhalt des Einzelhandels zu unterstützen, indem ich meine in diesem Fall bewusst ausgewählten CDs eben nicht emotionslos im Netz bei Amazon bestelle, sondern beim kleinen Laden nebenan kaufe.

Doch dann die erste Enttäuschung: Der Plattendealer meines Vertrauens, der nebenbei bemerkt nicht so ganz nebenan ist, weshalb ich vorsichtshalber vorher anrief, hatte beide Scheiben nicht vor Ort. Es handelte sich um das Debütalbum der Black Pumas (mehr dazu im Podcast Session 2 und im Blog-Bereich Tipp aus’m Pit) und um die Teskey Brothers (Half Mile Harvest). Foto: siehe unten. Zugegeben, weit weg vom Mainstream, aber auch wenig experimentell. Mir wurde prompt empfohlen, das Online-Bestellsystem zu durchforsten. Toll, dass es ein solches gibt, dachte ich gleich begeistert. Aber: Auch hier Fehlanzeige.

Zweiter Anruf. Mein Plattendealer hätte die CDs zwar “extra für mich“ bestellen können, aber da ich bisher kein offiziell registrierter Kunde war, sollte ich mir vorab im Laden ein Konto anlegen und mich – wie es sich für einen gewöhnlichen CD-Käufer gehört – ausweisen (!). Mein Vorschlag, beide Alben einfach per Vorkasse zu bezahlen, zog nicht. Also fragte ich Marco, der bereits ein registrierter Kunde ist und deutlich näher dran wohnt, ob er die CDs für mich bestellen könnte, was er netterweise tat. Dann eineinhalb Wochen lang Funkstille. Diese Ungewissheit nagte an mir, bis Marco endlich die erlösende Nachricht bekam. Es hatte ein bisschen was von: „Möchtest du diese Rose?“ Ja, verdammt! Die (Vor-)Freude war groß. Als er in den Laden ging, um die Bestellung abzuholen, war zur allgemeinen Enttäuschung nur eine CD angekommen. Die zweite kam eine weitere Woche später. Hieß, Beine in die Hand und nochmal hin. Also Marco jetzt.

Das Warten hat sich gelohnt: Die beiden Objekte der Begierde

Was hab ich mich gefreut, als ich die CDs erstmals einschieben durfte. Das Ganze hatte also auch etwas Gutes und das meine ich völlig ironiefrei:

Erstens lernte ich neu, den Wert von Dingen zu schätzen (The Everything Store hin oder her: Nicht alles auf der Welt ist zu jeder Tag- und Nachtzeit binnen Stunden verfügbar, yippie!).

Zweitens habe ich eine heute oft verloren gegangene Tugend wieder erlangt: Geduld.

Und die Moral von der Geschicht‘? Trotz dessen ich weiterhin glühender Verfechter des vor-Ort-Plattenladen-Stöberns bin, sollte der Einzelhandel, wenn ich als Kunde doch mal etwas Spezielles suche, weniger auf Tante Amazon und Co. schimpfen, sondern vielmehr vom Onlinehandel lernen. Denn der Kunde kauft gewiss nicht dort, weil der Name des Flusses so schön klingt.

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