#15 Tipps aus’m Pit: November 2021

Wir haben uns eure Anregung zu Herzen genommen: Ab sofort ist unser Podcast in seine Einzelteile zerlegt. Das freut uns sehr, schlagen wir doch zwei Fliegen mit einer Klappe:
1.: Die Folgen sind ab sofort knackig kurz – und nur bei Bedarf mal etwas länger (gibt ja keine „nachfolgenden Sendungen“).
2.: Durch das häppchenweise Veröffentlichen hört ihr nun deutlich häufiger von uns.

Los geht unser Split mit den Tipps aus’m Pit – Novemberausgabe. In dieser Rubrik besprechen wir die musikbezogenen Dinge, mit denen sich jeder von uns gerade so beschäftigt: Was hören, lesen, schauen wir? Vielleicht ist ja auch für euch was dabei!

Jetzt auch auf den gängigen Streamingdiensten abrufbar.

Alles Besprochene gibt es zum Nachlesen und -hören auch noch einmal im Blog-Bereich für euch, siehe Reiter „Tipps aus’m Pit“. Oder klickt einfach hier.

Iron Maiden – Senjutsu (2021)

von Felix

Früher als Teenager und junger Erwachsener, der noch zu Hause wohnte, hatte ich in unregelmäßigen Abständen einen ganz spontanen Anflug eines wohligen Gefühls des Glücks über das eigene zu Hause verspürt. Meistens war das der Fall, nachdem man einige Tage sein scheinbar selbstbewusstes, spätpubertäres Ich durch verschiedene Sozialexperimente trieb und sich ein paar Nächte in Kneipen, Clubs, auf Konzerten und Partys oder einfach nur mit Freunden irgendwo draußen herumtrieb. Wenn man dann anschließend wieder zu Hause saß mit einem Kaffee in der Hand und alles um einen herum war die bekannte, gemütliche und sichere Umgebung und man dachte, den ganzen Party-Scheiß eigentlich gar nicht zu brauchen, waren das immer sehr glückliche Momente.

Was hat das jetzt bitte alles mit der neuen Iron Maiden Platte zu tun?!

Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn ich eine Iron Maiden Platte höre, dann erlebe ich einen ganz ähnlichen Moment. Ich experimentiere mich musikalisch gerne durch fast alles, was ich finden kann. Ich gebe meinen Ohren alles zu probieren und kenne nahezu keine Genre-Grenzen. Iron Maiden aber holen mich zurück. Dabei ist Metal gar nicht mal mein musikalisches Zu Hause, aber immer wenn die Stimme Bruce Dickinsons und die singende Gitarre Dave Murrays oder insgesamt der doch recht unverkennbare Maiden-Sound ertönt, dann fühle ich mich irgendwie einfach entspannt und gut.

Und so ging es mir auch beim Hören des neuen Albums. Direkt mit dem ersten Stück – gleichzeitig dem Titelstück des Albums Senjutsu wusste ich, dass ich eine Platte höre, die mich nicht enttäuschen wird. Hier werden genau die klassischen Maiden Merkmale abgerufen: die in den Strophen manchmal kehligen, etwas gepressten Vocals, im Chorus dann mitsingbar und teils hymnenartig und in der Bridge dann das verlangsamte, aber unverkennbar intonierte Rufen Bruce Dickinsons. Herrlich.

Bands, die so lange im Geschäft sind wie Iron Maiden brauchen derlei Markenzeichen. Es ist allerdings immer auch eine Gratwanderung bei neuen Aufnahmen. Man möchte die eigenen Fans nicht langweilen, aber sich auch nicht zu weit weg entwickeln und durch zu viele Experimente und Änderungen treue Hörer vergraulen.

Ich persönlich finde, dass der Band dies auf dem neuen Tonträger durchaus gelungen ist, denn zu den eben beschriebenen immer wiederkehrenden klassischen (Erkennungs-)Merkmalen gesellt sich eine doch eher ungewöhnliche Songstruktur, die allerdings viel Platz benötigt. Diesen Platz nimmt sich Iron Maiden und das gefällt mir ausgesprochen gut. Die Songs erzählen Geschichten und diese können nicht alle in radiotauglichen dreieinhalb Minuten erzählt werden. Beim Hören hatte ich nie das Bedürfnis einen der längeren Tracks weiterzuskippen, weil ich das Gefühl hatte genug gehört zu haben, sondern – ganz im Gegenteil – ich konnte mich so gut in den einzelnen Passagen verlieren, dass ich häufiger nachschauen musste, zu welchem Lied der Teil jetzt eigentlich nochmal gehört. Gerade die längeren Stücke – und es sind alleine drei von zehn Titeln mit über zehn Minuten Länge – machen für mich den Reiz des neuen Albums aus, weil die Dramaturgie unglaublich gut getimt und abwechslungsreich ist.

Die drei längsten Songs und vier weitere stammen allesamt aus der Feder des Bassisten Steve Harris. Ich verneige mich vor diesen Kompositionen. Auch die teilweise minutenlangen Instrumentalphasen nehmen einen sofort mit in die Story des Tracks bzw. des Albums insgesamt.

Diese Kombination – Maiden-typischer Sound und durchaus anspruchsvolle Songlängen – hat für eine Rotation gesorgt, die für Iron Maiden Platten bei mir eher ungewöhnlich ist (mit Ausnahme vielleicht der A Real Live One, die habe ich damals auch rauf und runter gehört).

So bleibt Iron Maiden für mich eine Band, von der ich nie sage, dass ich ein richtiger Fan bin, die aber dennoch eine bemerkenswerte Konstante in meiner Musik-Biographie abgibt, die sich durch das neue Album Senjutsu eindrucksvoll zurückgemeldet hat und mir damit nachhaltig zu eingangs beschriebenen Glücksgefühlen verhilft. Ich möchte dies mit ebenfalls bemerkenswerten 9 von 10 Wellenbrechern bewerten.

100 Kilo Herz im Tower, Bremen, 23.10.2021

von Alex

Ach, wie war das schön, Leute! Mein erstes Konzert seit Skindred im Schlachthof vor fast zwei Jahren (Konzertbericht hier)! Und wie kam es dazu? Nun, Felix, der sich die Tickets für 100 Kilo Herz schon vor Ewigkeiten gekauft hatte (siehe seinen Tipp aus’m Pit hier), war spontan verhindert. Und weil des einen Leid, des anderen Freud ist, nutzte ich die Gelegenheit und ging mit Marco am Samstagabend voller Vorfreude in den Tower. Dass wir etwas eingerostet waren, zeigte sich dann, als wir den Eingang der altbekannten, etliche male besuchten Location nicht gleich finden konnten: Wie sich herausstellte ist der ganze Komplex derzeit eine “eingepackte“ Baustelle und in die Heiligen Hallen des Towers kommt man nur über eine in Holz-Front eingelassene Bedarfstür:

Endlich wieder im Tower

Als die erste Hürde dann gemeistert war und wir nach erfolgten Corona-Einlassregeln tatsächlich an der Theke standen, beseelt das erste Bier in der Hand, war alles irgendwie „wie immer“, wenngleich man sich ohne Maske in Mitten so vieler fremder Menschen fühlte, als hättte man vergessen seine Hose anzuziehen. Ein komisches Gefühl!

Wir waren zeitig gekommen und konnten vom Tresen aus gut beobachten, wie sich der Laden schnell füllte. Auch die Turbojugend Heiligenrode gab sich die Ehre, liebe Grüße! Trotz der einströmenden Menschenmengen, blieben vereinzelnd auch Lücken vor der Bühne. Die Show war nicht ausverkauft. Ein bisschen schade für die Band, wobei sich Sänger Rodi später am Abend mehr als zufrieden mit der Zuschauerzahl zeigte und natürlich schade für den Tower, der am Samstag sein erst zweites Post-Corona-Konzert beherbergte.

Pensen Paletti

Da ich zu dem Ticket also kam wie die Jungfrau zum Kinde, hatte ich mich weder mit der Vorgruppe noch mit dem Haupt Act intensiver beschäftigt (außer im Rahmen von Felix‘ Tipp). Umso überraschter war ich, als Pensen Paletti die Bühne betrat: Ein junger Mann, offenkundig aus Hamburg stammend, betrat mit seiner Gitarre die Bühne und sagte sowas wie: „Hallo, ich bin die Vorband!“ Ah, okay, verstehe!

Pensen Paletti und seine fucking Bumm-Gitarre: Holy Shit!

Darauf, was dann passierte, waren Marco und ich allerdings nicht gefasst: Pensen Paletti spielte alleine Gitarre, Bass und Schlagzeug, aber nein, nicht mit einer schnöden Loop Station – das ist doch so 2010er! – nein, er hat sich dafür seine eigene sogenannte “Bumm-Gitarre“ gebastelt: Der Daumen der rechten Hand spielte den Bass und die restlichen Finger wechselten zwischen Gitarrensaiten und fett klingenden Drum-Sounds, die über runde weiße Knöpfe am unteren Gitarrenkorpus gespielt wurden (siehe Foto oben). Allein die Batterie an dafür benötigten Effektgeräten ließ mein Herz 100 Kilo höher schlagen:

Pensen Paletti sang, schrie, spielte Bass, Gitarre, Drums und tippelte mit den Füßen auf den Effekten herum. Alles gleichzeitig! Der Mann ist eine Krake – mit Mini-Gehirn in jedem Finger und Fuß. Allein das Medley mit Klassikern wie Sad but true, Billy Jean oder Killing in the Name war eine Machtdemonstration. Hier ein Riff-Jam:

Und dem nicht genug hat Pensen Paletti, der mit den Projekten Das Pack und Monsters of Liedermaching durchaus auch mit anderen Menschen zusammen musiziert, einen sehr speziellen Humor, den ich abgefeiert habe. Seine Lieder sind so trocken und abstrus witzig – wie übrigens auch seine Statements zwischen den Songs, dass man gar nicht weiß, ob man lachen, tanzen oder headbangen soll. Machen wir es wie der Künstler: Alles gleichzeitig! Irgendwie kam mir schnell der Vergleich „Helge Schneider mit Stromgitarre“ in den Kopf. Mein Favorit am Samstag war das musikalisch wie textlich verrückt witzige: Stöckelschuh!

Auch Marco war sehr angetan und hat sich gleich die EP Bumm die Welt als Vinyl gesichert. Mit Autogramm, vielen Dank dafür! Im Mai ist Pensen Paletti wieder im Tower. Dringende Empfehlung!

100 Kilo Herz

Bis hierhin hatte es sich schon absolut gelohnt, aber da war doch noch was? Ach ja, der Headliner! Auf dem Weg zur Bühne kamen mir die Jungs witzigerweise auf der Treppe entgegen: Sie runter, ich rauf. Die Band wirkte richtig gut gelaunt, lachte, scherzte und schien vor Spiel(vor)freude fast zu platzen.

Haake Beck Kiste hinten links! 🙂

Rodi, der übrigens nicht nur singt, sondern auch den Bass spielt (s.o.), schrie in seinem schwarzen Kettcar-Bolzenschneider-Shirt: „Oh-oh, ich will einer von den Guten sein!“ Und selbst wenn die Textzeile aus dem Opener mit zynisch-ironischem Unterton zu verstehen ist, sind 100 Kilo Herz genau das: Von den Guten! Wie auch Feine Sahne Fischfilet sind sie mehr als eine Ska-Fun-Punkrock-Band. Sie sind ein Gradmesser für Anstand in unanständigen Zeiten. Die so wichtige Gegenstimme zum Rechtsruck- und -rock, der gerade (aber nicht ausschließlich!) im Osten – der Heimat der Jungs – wuchert wie ein Geschwür. Kantige Textzeilen, deren Botschaft im Halse stecken bleibt, während E-Gitarren und Bläser zum Springen motivieren: Der erste Moshpit ließ nicht lange auf sich warten. Es folgten die Wall of Death und diverse Crowd Surfer.

Neben den Gassenhauern Pogo und Polka, der Späti an der Klinik oder Kleinstadtdisco („Bevor du auf die Welt kamst wurde hier der Hund begraben. Und niemand gräbt ihn wieder aus. Und wenn du hier Witze über Juden machst, kriegst du von überall Applaus!“) rastete der Pit auch beim Wir sind Helden Cover Denkmal so richtig aus. Ein Song, der ohne weiteres auch aus der Feder der Leipziger hätte stammen können.

Was ich mich an dem Abend noch gefragt habe: Wer hat am “Tag danach“ eigentlich weniger Stimme übrig? Sänger Rodi oder doch Claas und Flecki, die, wenn sie nicht gerade in Saxophon und Trompete blasen, jede einzelne Silbe – ohne Mikrophon – mitbrüllen?!

Nach minutenlangen Nazis-Raus-Sprechchören wechselte Rodi dann zur Zugabe auf die Akustikgitarre und gab solo die bedrückende Nummer Wenn es brennt zum Besten. Seine Musiker-Kollegen lauschten andächtig bei ‘nem Feierabend-Bierchen: „Du weißt genau ich wollte nie kämpfen. Doch wenn es brennt, passen wir auf uns auf!“

Aber was heißt „Feierabendbierchen“?! Danach mussten die Lauscher für zwei Songs auch nochmal selber ran… Und dann, nach knapp eineinhalb Stunden Show, war‘s wieder vorbei. Wie gesagt: Mein erstes “richtiges“ Konzert nach fast zwei Jahren Abstinenz! Und es war ein wunderbares! Die Band hatte Bock, natürlich! Die Stimmung war ausgelassen und friedlich. Vor und auf der Bühne wurde aufeinander geachtet so wie man es von entsprechenden Konzerten gewohnt ist. Alle waren glücklich, mit Gleichgesinnten endlich wieder Live-Musik zu hören. Um so schöner, dass Rodi auch nochmal auf die schwierige Situation der Spielstätten – wie eben dem Tower – hinwies. Ohne sie wird‘s still: Lasst die Musik an!

Die Ankündigung, dass 100 Kilo Herz im März 2022 erneut in Bremen gastiert, wurde jedenfalls frenetisch gefeiert. Dann hoffentlich vor ausverkauftem Haus! Der Location (vielleicht wieder dem Tower?) und 100 Kilo Herz wäre es zu wünschen. Last but not least sei an dieser Stelle versprochen, dass bis dahin niemand mehr ins Kino muss, um den neuen Til Schweiger Film zu sehen (höre Drei Jahre ausgebrannt). Der läuft dann zum Glück schon nicht mehr!

Soundgarden – Badmotorfinger (1991)

von Alex

So legendär wie die Songs auf dem Album ist auch das Cover

Ob es ein Jahr wie jenes vor 30 Jahren mit so viel bahnbrechenden Neuerscheinungen jemals wieder geben wird, ist mehr als fraglich. Darum widme ich mich im aktuellen Now Playing einem weiteren Album dieser Zeit. Nennt mich „rückwärtsgerichtet“, nennt mich „nostalgisch“ oder „ewiggestrig“, aber auch Badmotorfinger wird eben nur einmal dreißig und das muss gefeiert und vor allem besprochen werden. Herzlichen Glückwunsch, BMF!

Während die Alben Ten und Nevermind, so großartig sie auch sind (lest und hört hier ihren Boxkampf um die Krone), zur Kommerzialisierung des Grunge geführt haben, so ist ihr kleiner Bruder nicht minder gut, kommt aber in der globalen Wahrnehmung deutlich (!) zu kurz. Das mag zum einen am unglücklichen Erscheinungstermin gelegen haben – genau zwei Wochen nach der Nevermind-Explosion. Das mag aber auch an der Musik der Band gelegen haben. Mit Chris Cornell hatte Soundgarden zwar den (technisch betrachtet!) wohl besten Sänger seiner Zeit (sorry Ed und Layne, glaube, ihr würdet nicht widersprechen), aber die Musik ist schwerer verdaulich, als die der Kollegen von Pearl Jam oder auch Nirvana. Der Klangteppich um Cornells Ausnahmestimme herum war gewoben aus raumfüllender Dunkelheit und Melancholie. Eine brisante Mischung, die mich sofort gefangen nimmt.

Um also ein breiteres, ja authentischeres, Bild der Grunge-Szene Anfang der 90er zu zeichnen, heute der Hidden Champion des Jahres 1991: Soundgardens drittes Studioalbum, welches auch für einen Grammy* nominiert war (Best Metal Performance).

Los geht es mit Rusty Cage – ein einzigartig treibendes Kim-Chris-Gitarrenduett, das klingt wie ein gehetztes Tier. Der Song hat Power und Schnelligkeit, eine Art voranwalzende Naturgewalt. Was mir auch richtig gut gefällt, ist der von Drummer Matt Cameron implementierte Break, der den Schwung rausnimmt und von jetzt auf gleich einen unglaublichen Groove erzeugt:

Die Definition von Können: Solch ein Riff spielen und dazu noch singen – und zwar so!

Kleiner Exkurs zur Selbstgeißelung: Ich selbst lernte Rusty Cage und seine elf anderen Badmotorfinger-Kumpels erst viele, viele Jahre nach Veröffentlichung kennen. Ich nenne es das Black Hole Sun* Paradoxon. Der Über-Song der Band erschien erst 1994 auf dem bereits vierten (!) Album Superunknown und der ignorante, unerfahrene Mini-Alex dachte sich: „Ja, geiler Song, aber bestimmt so’n One Hit Wonder.“ Ja.. Nee!
Gesagt, Meinung gebildet, nicht weiter verfolgt. Black Hole Sun Paradoxon. Aber zu meiner Verteidigung: Damals war ich 11 und dieses Internetz gab es auch nicht. Heute allerdings kann es wider besseres Wissen auch passieren, dass ich mir bei Bands vorschnell eine Meinung bilde. Asche auf mein Haupt. Aber ich lasse mich gerne überzeugen. So wie es Soundgarden tat. Der besagte Über-Song jedenfalls ist nicht mal in meiner Top 3 der besten Soundgarden-Songs. Wahrscheinlich nicht mal in der Top 5. So viel also dazu!

Zurück zum Album. Nach Ausstieg von Hiro Yamamoto handelt es sich um das erste Album mit Ben Shepherd am Bass. Einige der Songs schrieb er ganz aktiv mit, so auch Jesus Christ Pose, an dem gar alle vier Bandmitglieder wesentlich beteiligt waren. Drummer Matt Cameron erinnert sich: ,,Als ich diesen Beat spielte, stürzten sich alle darauf, und innerhalb einer Stunde hatten wir den Kern des Songs. Die Herangehensweise, die wir bei diesem Song gewählt haben, war ein reiner Angriff auf die Sinne. Kanadier tanzen zu diesem Song.“ Wenn ich damals mit einem Riff wie jenem zu meiner Band gekommen wäre, die Jungs hätten mir Wadenwickel gemacht, mich auf die Couch gelegt und mir aufmunternd die Wange getätschelt: Schsch, alles wird gut, Junge! Und Soundgarden kreiert daraus einfach mal ein sechs Minuten Epos. Chris kreischt und schreit, die Gitarre flirrt. Ein Song wie ein Fiebertraum im Metal-Land. Brilliant hier die Bridge ab 4:20 Minuten, die tool-esk daherkommt und das obwohl Tool damals gerade erst gegründet war und noch gar kein Album veröffentlicht hatte. Heißt das etwa… Naja, ich behaupte mal: Keenan, Jones und Carey haben Badmotorfinger damals auch gehört:

4:20 Minuten: Listen & Repeat (!)

Natürlich wurden Lied und Video (Frau am Kreuz) heftig diskutiert und von Vielen als antichristlich verurteilt. Die Band erhielt sogar, wie bei fanatischen Christen offenbar üblich (?), Morddrohungen. MTV verbannte das Video bzw. spielte eine verkürzte, zensierte Version. Chris Cornell dazu:  „Das Programm [von MTV] funktioniert wie das eines kommerziellen Radiosenders: Je kürzer das Video ist, desto mehr Videos können sie spielen und sie dachten sich wohl, dass die Leute in der normalen Zeit, in der sie sich Videos ansehen, nicht sechs Minuten lang ein einziges Video ansehen wollen.“

Dann ist da noch Outshined. Ein Song, von dem alle sagen, wie schwierig es ist, ihn musikalisch (7/4 Takt) wie gesanglich zu covern. Viele probierten es, nur ganz wenige schafften es auf ähnlich hohem Niveau. Urteilt selbst:

Die Kommentare unter dem Video – Bsp.: “Taylor has pipes and even he shows how UTTERLY above the pack Chris Cornell was” (ROKTABULA) oder “do you realize how tough it is to cover Soundgarden?!!!” (gbwiz) – können Gerrit und ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Da diese Coverversion ein Tribute nach Chris Cornells Selbstmord war, schließe ich mich dem Kommentar von User Brian Haslip an: “It doesn’t matter if you think the tributes were good or bad, it matters that they were made with respect, and both of them [Stone Sour und Megadeth] clearly were”.

Nun sind Songs wie Rusty Cage, Jesus Christ Pose oder Outshined als Singles recht bekannt, die Single Room a Thousand years wide – ursprünglich bereits im September 1990 erschienen – geht dabei allerdings oft unter. Schade eigentlich, klingt der Song doch so unkonventionell wie der Titel philosophisch ist. Für das Album wurde extra eine neue Version eingespielt. Urheber sind Gitarrist Kim Thayil (Text) und Drummer Matt Camreron (Musik), womit Thousand years einer der ganz wenigen Songs ohne Chris Cornells Zutun im Songwriting ist. Hier zeigt sich also das musikalische Talent, sowie das Gespür für fordernde Andersartigkeit der gesamten Band. Während in Spoonman* (nicht auf diesem Album enthalten) allen Ernstes ein Löffel-Solo zu hören ist (Props to Artis the Spoonman), „ejakuliert“ in Thousand years wie aus dem Nichts ein Saxophon in die Musik hinein (gespielt von Scott Granlund vom Black Cat Orchestra aus Seattle). Freaking cool! 6/4-Takt bytheway.

Und in dem ultraschnellen Song Face Pollution zeigen Soundgarden, dass sie auch Punk können, obwohl dieses Etikett der Nummer mit seinen verqueren Takten eigentlich nicht gerecht wird (Grüße nochmal an Tool). Verrückt, was Kim Thayil und Matt Cameron hier spielen… Ihr merkt, ich könnte stundenlang über dieses Album schreiben, aber ich habe mal gelesen, Online-Artikel sollten nicht zu lang sein. Wegen der Aufmerksamkeitsspanne des Lesers. Gut, hat leider wieder nicht geklappt. Sorry dafür!

Abschließend empfehle ich jedem Fan guter Musik dieses Album zum 30. Geburtstag nochmal aufzulegen. Vielleicht zum 200. Mal, vielleicht aber auch zum ersten Mal. Wie sagt man so schön: Ich bedauere, dass ich Badmotorfinger nie wieder zum ersten Mal werde hören können.

Auch nach drei Dekaden ist dieses Album nicht nur „noch immer hörbar“, sondern ein absolutes Meisterwerk, welches an Aktualität, Authentizität und Power gar nichts verloren hat. Durch Chris‘ Selbstmord wirken Text und Musik heute noch dunkler, teils beklemmender. No one sings like you anymore!

Wir vermissen dich und deine Stimme!

9/10 Wellenbrechern

* ich persönlich bin kein großer Fan von Preisverleihungen, die sich hauptsächlich auf Subjektivität, Geschmack, Bekanntheitsgrad, Standing und damit auch „Nasenfaktor“ gründen, aber der Vollständigkeit halber: Soundgarden erhielt zwei Grammys (für Black Hole Sun und für Spoonman) und Chris Cornell als Solokünstler einen (für When Bad Does Good).

Marilyn Manson – We are Chaos (2020)

von Alex

Gemalt von Warner selbst: Hält das Album, was das Cover verspricht?

Vorweg:
Heute möchte ich aus gegebenem Anlass mal anders anfangen. Ich war nie ein großer Marilyn Manson Fan, wenngleich ich einzelne Songs wie den Fight Song, The beautiful people oder I dont like the drugs (but the drugs like me) schon stark fand. Doch nach einer inzwischen 20 Jahre alten Aussage des Mannes hinter dem Kunstprodukt, befasste ich mich mehr mit Brian Hugh Warner. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center hatte Warner Menschen getroffen, die gerade ihre Liebsten verloren hatten. Anschließend wurde er – der Mensch, nicht die Kunstfigur – gefragt, was er den Trauernden denn gesagt habe. Seine Antwort: „Gar nichts! Ich habe ihnen zugehört.“ Seit diesem emphatischen und intelligenten Satz sind Brian und ich Freunde. Er weiß nur nichts davon.

Auch deshalb haben mich die jüngsten Anschuldigungen der sexuellen Gewalt erschüttert, hätte ich Warner hinter der dicken Schminke als sehr philanthropisch eingeschätzt. Doch wie die allermeisten anderen Menschen habe ich keine weiteren Hintergrundinformationen zu den Vorwürfen, also springe ich – seht es mir nach – zu dem Teil, den ich beurteilen kann: Dem Musikalischen!

Im letzten Jahr hat Marilyn Manson, also die Band, nach unzähligen Mitgliederwechseln – Warner selbst blieb natürlich die Konstante – ihr inzwischen elftes Studioalbum We are Chaos vorgelegt, mitproduziert von Country-Sänger Shooter Jennings, der auch an den Songs mitschrieb. Der Erscheinungstermin der Platte war – vielleicht ein Zufall, vielleicht auch nicht – der 11. September 2020.

Auf geht’s:
Direkt im Intro des Openers Red, black and blue fühlte ich mich an Dee Snider’s Strangeland erinnert: Düster, unheilvoll, bizarr – wir hören 100% Manson, keine Marilyn weit und breit. Auch der sich daraus entwickelte Song bleibt dem Schema treu. Purer Drumbeat, harter Basslauf, charakteristisches Manson Gehauche und Geschreie. Gelungener Einstieg.

Anschließend verändert sich die Stimmung mit der titelgebenden Ballade We are Chaos. Dieser Track fasziniert mich. Auf der einen Seite kann ich mir sofort vorstellen, dass die ruhige, melodiöse Nummer auch im Popradio stark rotiert, auf der anderen Seite ist er doch so manson-durchtränkt, melancholisch und speziell, dass sich hier eine schön glänzende Perle in einer unscheinbaren Muschel versteckt. Sollte ich einem Blinden beschreiben müssen, wie ein Betty Boop Striptease aussieht (passiert ja ständig!), ich würde sagen, so wie We are Chaos klingt:

Interessanterweise zieht sich die melancholisch melodiöse Stimmung durch weite Teile des Albums. Der aggressive Manson zieht sich in tiefer Verbeugung und mit gezücktem Zylinder zurück und macht Platz für die zauberhafte Marilyn. So klingen Paint you with my love, Broken Needle oder auch das klavier-getragene (sehr starke!) Half-way & one step forward als träfe Trent Reznor auf The Cure.

Mit Infinite Darkness, das vom Titel her eine unheilvoll düstere Rockexplosion vermuten lässt, klopft man nochmal zaghaft an Mansons Tür, um den Aggressor zurück auf die Scheibe zu holen, aber der macht nicht auf. Und so gehört der Rest der Platte vollends der lieblichen Marilyn. Das Albumcover (siehe oben) ist in meinen Augen deshalb ziemlich irreführend, hätte ich mir eine andere Härte vorgestellt. Gedanklich bin ich immer bei Marcy Playgrounds Single Cover zu Sex and Candy (siehe hier – das hätte gepasst). Vielleicht ist aber gerade das mein „Problem“: Die Erwartungshaltung. Denn die Diskrepanz zwischen Cover und Musik passt in ihrer Ambivalenz wiederum zu Künstler und Band.

Fazit:
Das Album lässt mich ein wenig ratlos zurück, was – zugegeben – schlecht ist für eine Rezension. Die balladesken Lieder sind handwerklich sehr gut umgesetzt, aber auf Dauer war mir das zu wenig. Auf einen Langzeit-Aha-Effekt und einen wütenden Manson warte ich noch immer. Viele Lieder klingen zu ähnlich, zu zahm. Mit We are Chaos macht Marilyn Manson einen großen Schritt in Richtung „künstlerische Freiheit“ und das gefällt mir. Jedoch werden längst nicht alle Facetten der Freiheit ausgeschöpft, die möglich gewesen wären. Free Manson!

6,5/10 Wellenbrechern