Shoreline – Growth (2022)

Von Felix

Mit Growth brachten Shoreline ihr zweites Studioalbum auf den Markt. Dieses Album erschien vor vierzehn Tagen (04.02.2022) bei End Hits Records. Der Vorgänger Eat My Soul erschien 2019 noch bei Uncle M. Beide wurden im Kaputtmacher Studio Bochum von Jochen Stummbillig produziert. Das neue Album umfasst 12 Tracks zwischen Emo und Punk.

So viel zu den Rahmendaten, kommen wir jetzt zu den Details:

Da ich mich durchaus als Fan des Uncle M-Labels bezeichnen kann und dort immer mal nach Musik stöbere, sind mir Shoreline nicht unbekannt, allerdings hat sich die Band aus Münster bei mir auch nie wirklich nach vorne spielen können. Für mich war dieses zweite Album der Anlass, sie nochmal etwas ins Rampenlicht zu holen und ich kann vorab sagen, dass sich das durchaus gelohnt hat.

Gleich zu Beginn gibt es mit I Grew up on Easy Street eine Visitenkarte, auf der keine Augenwischerei betrieben wird: nach einem ruhigen Emo-Einstieg, steigert sich der Song in Musik und Gesang bis zum rockig geshouteten Chorus. Dieses Prinzip wiederholt sich und der Song endet konsequent in einem Up-Tempo Part garniert mit „schöner“ Gitarre. Man bekommt hier also einen gelungenen Einstieg serviert, der perfekt auf alles Weitere vorbereitet, denn die folgenden Songs sind durchaus variantenreich, bleiben aber im Grundton gleich.

Lied 2 Distant ist eines von 4 Features auf dem Album. Smile And Burn haben sich hier mit angeschlossen und stark mit eingebracht. Der Song ist eine richtig gute Melodic Punk Nummer. In meinen Augen sind das eh die stärksten Songs auf dem Album, was ich aber vielleicht auch so einschätze, weil ich ein nicht so großer Emo-Fan bin. Ich finde die melodiös rockigeren Songs wirklich sehr gelungen, weil sie modern klingen, aber gleichzeitig etwas Retro-Charme der Jahrtausendwende versprühen. Das ist auch bei Lied 3 Madre der Fall, für mich persönlich ein Highlight auf der Platte.

Meat Free Youth ist hingegen für mich etwas schwieriger, da mir da die recht reduzierten Strophen mit „Shoop Shoop Song“ Background gar nicht gefallen. Text und Approach sind dabei allerdings eine Empfehlung zum genauen Hinhören. Die Lyrics des Albums gefallen mir ohnehin sehr gut, denn ähnlich wie unser Alex bin auch ich ein Freund davon, wenn sich Bands mit relevanten Themen befassen, da muss ich die transportierte Meinung oder Haltung auch nicht immer zu einhundert Prozent teilen. Nebenbei kurz der Hinweis auf Alex Interview mit Lizal von „Die Dorks“, in dem sich die beiden unter anderem auch genau darüber austauschen (Hier zu hören).

Das folgende Western Dream erinnert am Beginn an Kettcar, wird im Verlauf aber wieder schneller und auch im Gesang rauer, fällt insgesamt aber etwas ab. Ähnlich geht es mir auch bei Lied 6 Konichiwa. Auch Lied 8 White Boys Club, Lied 9 Disconnected und Lied 10 Holy Communion haben alle insgesamt wirklich gute melodic Parts, und schöne Varianten in der Gesangsstimme von sehr klar bis ruppig, können mich aber nicht vollständig überzeugen, warum begründe ich im Fazit noch genauer.

Nebenbei: Bei diesen Liedern musste ich daran denken, dass ich mal mit jemandem sprach, der den hörbar deutschen Akzent nervig findet. Bei diesen Liedern ist mir das in einigen Passagen auch aufgefallen, mich stört das allerdings kaum bzw. spielt das in meiner abschließenden Bewertung keine Rolle.

Lied 7 Sanctuary holt mich wieder zurück, Hier wurde die Songstruktur auch etwas abgeändert. Ein strammer Beginn, dann eine ruhige Bridge und dann wieder volle Energie. Und auch die Bass-Bridge mit anschließend kurzem Breakdown finde ich sehr gelungen und auch Track 11 Raccoon City kann mich mit bereits benannten Stilmitteln wieder mehr packen und bildet dann einen guten Kontrast zur abschließenden Titel gebenden Ballade Growth. Da war ich erst etwas enttäuscht. Der Gesang klingt phasenweise schon etwas nach Kirchensonntag mit Paul Simon, letztlich blieb es aber doch gut hängen, gerade weil es deutlich ruhiger zugeht als auf dem Rest der Platte und sich der Indie-Song als Abschluss damit gut abhebt.

Als Fazit bleibt mir zu sagen, dass mir das zweite Studioalbum Growth von Shoreline wirklich gut gefällt, ich aber auch noch Luft nach oben sehe. Anhand der Klickzahlen konnte ich feststellen, dass ich die Songs mit weniger Aufrufen mehr schätze als die häufiger abgerufenen Songs. Wie gesagt, ich bin nicht so ein großer Emo-Fan und möchte meine persönlichen Vorlieben hier zwar betonen, indem ich meine Lieblingssongs Madre, Sanctuary und Western Dream nochmal hervorhebe, aber weniger in die Gesamtbewertung mit einbeziehen, als einen Aspekt, der mir insbesondere im zweiten Drittel des Albums auffiel. Einige Lieder sind von der Komposition und Konzeption in meinen Augen unter Wert aufgenommen, da ihnen an entscheidenden Stellen einfach der Druck fehlt. In meinen Augen liegt das eher an der Abmischung, die Teile der Drums und Bässe phasenweise so zurückschraubt, dass diese den in der Songstruktur anvisierten Effekt letztlich schuldig bleiben. Das trübt bei mir das Hören des Albums, da ich dann nach der Hälfte gedanklich aussteige und die Musik und die Texte mehr oder weniger an mir vorbeiziehen.

Da würde ich mir für kommende Aufnahmen wünschen, dass das im Sinne der Musik(er) verbessert wird.

Ich muss dennoch sagen, dass sich Shoreline mit Growth bei mir weiter nach vorne gespielt haben und auch einige Songs auf meine „Februar Playlist“ gewandert sind. So bleibt unterm Strich eine gute Bewertung mit siebeneinhalb von zehn Wellenbrechern.

Besucht und folgt Shoreline auf Instagram. Für dieses Jahr sind einige Konzerte bereits terminiert, hoffen wir, dass alles stattfinden kann!

Dödsrit – Mortal Coil (2021)

Von Felix

Alter Schwede! Was für ein Brett: Christoffer Öster, der bereits mit ebenfalls nennenswerten Solo-Projekten auf sich aufmerksam machte und auch unter dem Namen Dödsrit alleine schon zwei Platten veröffentlichte, hat für den dritten Tonträger Mortal Coil dieses mal allerdings eine richtige Band um sich geschart. Das führt hierbei zu noch mehr Energie und wirkt sich absolut positiv auf das Gesamtwerk aus.

Die Platte Mortal Coil ist aufgrund der 4 Tracks eher eine EP, aufgrund der Länge von insgesamt 36 Minuten und somit fast neun Minuten pro Song hat es aber fast schon Langspieler-Länge, so spreche ich folgend auch häufiger vom „Album“.

Ich wusste nicht, was mich erwartet, als ich das Album zum ersten mal hörte und war trotzdem von der ersten Sekunde an voll im Bann. Dödsrit spielen eine kraftvolle Mischung aus verschiedenen Stilen bzw. Stilelementen. Ich bin in Bezug auf Stile auch alles andere als Purist und würde jetzt mal frei formulieren, dass man bei Dödsrit eine Art Black-Metal-Punk mit vereinzelten progressiven oder Metalcore-Elementen serviert bekommt. So hauen sie einem teilweise wütend stampfende Staccato-Akkorde um die Ohren, schreien größtenteils finstere Vocals ins Mikro und gehen dann in melodiösere und zum Teil fast schon sphärische Instrumentalparts über, in denen die Gitarren die Story des Tracks angenehm unaufdringlich weitererzählen. Das alles absolut bemerkenswert abgestimmt. Ich kann mich hier wiederholen, denn was ich bei Iron Maidens Senjutsu anmerkte, trifft auch hier – bei allen musikalsichen Unterschieden – voll und ganz zu: Songlängen von mehr als fünf Minuten erfordern einfach noch konsequenter eine gute Komposition. Auch bei dieser Platte bewundere ich das Timing der Wechsel von lauten und schnellen Teilen zu ruhigeren und langsameren Passagen. Diese markanten Strukturen verleihen jedem einzelnen Titel einen ganz eigenen Charakter. Gleich der erste Track The Third Door ist ein hervorragendes Beispiel. Mehr als 11 Minuten und keine Langeweile. Alleine die ersten 30 Sekunden zeigen gleich mal sehr eindrücklich auf was sich der Hörer eigentlich einzustellen hat.

Kritisch bleibt anzumerken, dass bei aller Abwechslung innerhalb der Songs die 4 Stücke der Platte insgesamt alle sehr ähnlich angelegt sind. Klar ist auch, dass Dödsrit keine leichte Begleitmusik zum Abendessen mit den Eltern ist, man muss für diese Gangart natürlich auch in der richtigen Laune sein. Solltet ihr z.B. in einer gestressten Phase eine Axt im Walde für unsortierte Gedanken im Kopf brauchen, dann ist Dödsrits Album Mortal Coil absolut die richtige Wahl. Und natürlich für alle, die sich ohnehin für etwas finsteren, aber nicht albern aufgesetzten Metal begeistern können. Interessierte bekommen den Tonträger in verschiedenen Formaten über Wolves of Hades.

Außerdem ist diese Kritik insofern zu relativieren, dass ich eindringlich empfehle bis zum Ende dranzubleiben, da das letzte Lied Apathetic Tounges, geschrieben von dem Gitarristen und zweitem Sänger Georgios Maxouris, auch textlich nochmal ein etwas versöhnlicheres Licht in das ansonsten wirklich finstere Album bringt. In dem leider recht kurzen aber sympathischen Interview auf metal.de erfährt man einiges über die Intention, die vor allem aus der Ermutigung, sich bei Depressionen helfen zu lassen, besteht. Mal ganz davon abgesehen, dass es hier auch nochmal musikalisch die volle Bandbreite gibt.

Mich haben Dödsrit jedenfalls voll erwischt und so gebe ich dem Album fette 8 von 10 Wellenbrechern.

#dödsrit #mortalcoil #wolvesofhades

Iron Maiden – Senjutsu (2021)

von Felix

Früher als Teenager und junger Erwachsener, der noch zu Hause wohnte, hatte ich in unregelmäßigen Abständen einen ganz spontanen Anflug eines wohligen Gefühls des Glücks über das eigene zu Hause verspürt. Meistens war das der Fall, nachdem man einige Tage sein scheinbar selbstbewusstes, spätpubertäres Ich durch verschiedene Sozialexperimente trieb und sich ein paar Nächte in Kneipen, Clubs, auf Konzerten und Partys oder einfach nur mit Freunden irgendwo draußen herumtrieb. Wenn man dann anschließend wieder zu Hause saß mit einem Kaffee in der Hand und alles um einen herum war die bekannte, gemütliche und sichere Umgebung und man dachte, den ganzen Party-Scheiß eigentlich gar nicht zu brauchen, waren das immer sehr glückliche Momente.

Was hat das jetzt bitte alles mit der neuen Iron Maiden Platte zu tun?!

Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn ich eine Iron Maiden Platte höre, dann erlebe ich einen ganz ähnlichen Moment. Ich experimentiere mich musikalisch gerne durch fast alles, was ich finden kann. Ich gebe meinen Ohren alles zu probieren und kenne nahezu keine Genre-Grenzen. Iron Maiden aber holen mich zurück. Dabei ist Metal gar nicht mal mein musikalisches Zu Hause, aber immer wenn die Stimme Bruce Dickinsons und die singende Gitarre Dave Murrays oder insgesamt der doch recht unverkennbare Maiden-Sound ertönt, dann fühle ich mich irgendwie einfach entspannt und gut.

Und so ging es mir auch beim Hören des neuen Albums. Direkt mit dem ersten Stück – gleichzeitig dem Titelstück des Albums Senjutsu wusste ich, dass ich eine Platte höre, die mich nicht enttäuschen wird. Hier werden genau die klassischen Maiden Merkmale abgerufen: die in den Strophen manchmal kehligen, etwas gepressten Vocals, im Chorus dann mitsingbar und teils hymnenartig und in der Bridge dann das verlangsamte, aber unverkennbar intonierte Rufen Bruce Dickinsons. Herrlich.

Bands, die so lange im Geschäft sind wie Iron Maiden brauchen derlei Markenzeichen. Es ist allerdings immer auch eine Gratwanderung bei neuen Aufnahmen. Man möchte die eigenen Fans nicht langweilen, aber sich auch nicht zu weit weg entwickeln und durch zu viele Experimente und Änderungen treue Hörer vergraulen.

Ich persönlich finde, dass der Band dies auf dem neuen Tonträger durchaus gelungen ist, denn zu den eben beschriebenen immer wiederkehrenden klassischen (Erkennungs-)Merkmalen gesellt sich eine doch eher ungewöhnliche Songstruktur, die allerdings viel Platz benötigt. Diesen Platz nimmt sich Iron Maiden und das gefällt mir ausgesprochen gut. Die Songs erzählen Geschichten und diese können nicht alle in radiotauglichen dreieinhalb Minuten erzählt werden. Beim Hören hatte ich nie das Bedürfnis einen der längeren Tracks weiterzuskippen, weil ich das Gefühl hatte genug gehört zu haben, sondern – ganz im Gegenteil – ich konnte mich so gut in den einzelnen Passagen verlieren, dass ich häufiger nachschauen musste, zu welchem Lied der Teil jetzt eigentlich nochmal gehört. Gerade die längeren Stücke – und es sind alleine drei von zehn Titeln mit über zehn Minuten Länge – machen für mich den Reiz des neuen Albums aus, weil die Dramaturgie unglaublich gut getimt und abwechslungsreich ist.

Die drei längsten Songs und vier weitere stammen allesamt aus der Feder des Bassisten Steve Harris. Ich verneige mich vor diesen Kompositionen. Auch die teilweise minutenlangen Instrumentalphasen nehmen einen sofort mit in die Story des Tracks bzw. des Albums insgesamt.

Diese Kombination – Maiden-typischer Sound und durchaus anspruchsvolle Songlängen – hat für eine Rotation gesorgt, die für Iron Maiden Platten bei mir eher ungewöhnlich ist (mit Ausnahme vielleicht der A Real Live One, die habe ich damals auch rauf und runter gehört).

So bleibt Iron Maiden für mich eine Band, von der ich nie sage, dass ich ein richtiger Fan bin, die aber dennoch eine bemerkenswerte Konstante in meiner Musik-Biographie abgibt, die sich durch das neue Album Senjutsu eindrucksvoll zurückgemeldet hat und mir damit nachhaltig zu eingangs beschriebenen Glücksgefühlen verhilft. Ich möchte dies mit ebenfalls bemerkenswerten 9 von 10 Wellenbrechern bewerten.

Soundgarden – Badmotorfinger (1991)

von Alex

So legendär wie die Songs auf dem Album ist auch das Cover

Ob es ein Jahr wie jenes vor 30 Jahren mit so viel bahnbrechenden Neuerscheinungen jemals wieder geben wird, ist mehr als fraglich. Darum widme ich mich im aktuellen Now Playing einem weiteren Album dieser Zeit. Nennt mich „rückwärtsgerichtet“, nennt mich „nostalgisch“ oder „ewiggestrig“, aber auch Badmotorfinger wird eben nur einmal dreißig und das muss gefeiert und vor allem besprochen werden. Herzlichen Glückwunsch, BMF!

Während die Alben Ten und Nevermind, so großartig sie auch sind (lest und hört hier ihren Boxkampf um die Krone), zur Kommerzialisierung des Grunge geführt haben, so ist ihr kleiner Bruder nicht minder gut, kommt aber in der globalen Wahrnehmung deutlich (!) zu kurz. Das mag zum einen am unglücklichen Erscheinungstermin gelegen haben – genau zwei Wochen nach der Nevermind-Explosion. Das mag aber auch an der Musik der Band gelegen haben. Mit Chris Cornell hatte Soundgarden zwar den (technisch betrachtet!) wohl besten Sänger seiner Zeit (sorry Ed und Layne, glaube, ihr würdet nicht widersprechen), aber die Musik ist schwerer verdaulich, als die der Kollegen von Pearl Jam oder auch Nirvana. Der Klangteppich um Cornells Ausnahmestimme herum war gewoben aus raumfüllender Dunkelheit und Melancholie. Eine brisante Mischung, die mich sofort gefangen nimmt.

Um also ein breiteres, ja authentischeres, Bild der Grunge-Szene Anfang der 90er zu zeichnen, heute der Hidden Champion des Jahres 1991: Soundgardens drittes Studioalbum, welches auch für einen Grammy* nominiert war (Best Metal Performance).

Los geht es mit Rusty Cage – ein einzigartig treibendes Kim-Chris-Gitarrenduett, das klingt wie ein gehetztes Tier. Der Song hat Power und Schnelligkeit, eine Art voranwalzende Naturgewalt. Was mir auch richtig gut gefällt, ist der von Drummer Matt Cameron implementierte Break, der den Schwung rausnimmt und von jetzt auf gleich einen unglaublichen Groove erzeugt:

Die Definition von Können: Solch ein Riff spielen und dazu noch singen – und zwar so!

Kleiner Exkurs zur Selbstgeißelung: Ich selbst lernte Rusty Cage und seine elf anderen Badmotorfinger-Kumpels erst viele, viele Jahre nach Veröffentlichung kennen. Ich nenne es das Black Hole Sun* Paradoxon. Der Über-Song der Band erschien erst 1994 auf dem bereits vierten (!) Album Superunknown und der ignorante, unerfahrene Mini-Alex dachte sich: „Ja, geiler Song, aber bestimmt so’n One Hit Wonder.“ Ja.. Nee!
Gesagt, Meinung gebildet, nicht weiter verfolgt. Black Hole Sun Paradoxon. Aber zu meiner Verteidigung: Damals war ich 11 und dieses Internetz gab es auch nicht. Heute allerdings kann es wider besseres Wissen auch passieren, dass ich mir bei Bands vorschnell eine Meinung bilde. Asche auf mein Haupt. Aber ich lasse mich gerne überzeugen. So wie es Soundgarden tat. Der besagte Über-Song jedenfalls ist nicht mal in meiner Top 3 der besten Soundgarden-Songs. Wahrscheinlich nicht mal in der Top 5. So viel also dazu!

Zurück zum Album. Nach Ausstieg von Hiro Yamamoto handelt es sich um das erste Album mit Ben Shepherd am Bass. Einige der Songs schrieb er ganz aktiv mit, so auch Jesus Christ Pose, an dem gar alle vier Bandmitglieder wesentlich beteiligt waren. Drummer Matt Cameron erinnert sich: ,,Als ich diesen Beat spielte, stürzten sich alle darauf, und innerhalb einer Stunde hatten wir den Kern des Songs. Die Herangehensweise, die wir bei diesem Song gewählt haben, war ein reiner Angriff auf die Sinne. Kanadier tanzen zu diesem Song.“ Wenn ich damals mit einem Riff wie jenem zu meiner Band gekommen wäre, die Jungs hätten mir Wadenwickel gemacht, mich auf die Couch gelegt und mir aufmunternd die Wange getätschelt: Schsch, alles wird gut, Junge! Und Soundgarden kreiert daraus einfach mal ein sechs Minuten Epos. Chris kreischt und schreit, die Gitarre flirrt. Ein Song wie ein Fiebertraum im Metal-Land. Brilliant hier die Bridge ab 4:20 Minuten, die tool-esk daherkommt und das obwohl Tool damals gerade erst gegründet war und noch gar kein Album veröffentlicht hatte. Heißt das etwa… Naja, ich behaupte mal: Keenan, Jones und Carey haben Badmotorfinger damals auch gehört:

4:20 Minuten: Listen & Repeat (!)

Natürlich wurden Lied und Video (Frau am Kreuz) heftig diskutiert und von Vielen als antichristlich verurteilt. Die Band erhielt sogar, wie bei fanatischen Christen offenbar üblich (?), Morddrohungen. MTV verbannte das Video bzw. spielte eine verkürzte, zensierte Version. Chris Cornell dazu:  „Das Programm [von MTV] funktioniert wie das eines kommerziellen Radiosenders: Je kürzer das Video ist, desto mehr Videos können sie spielen und sie dachten sich wohl, dass die Leute in der normalen Zeit, in der sie sich Videos ansehen, nicht sechs Minuten lang ein einziges Video ansehen wollen.“

Dann ist da noch Outshined. Ein Song, von dem alle sagen, wie schwierig es ist, ihn musikalisch (7/4 Takt) wie gesanglich zu covern. Viele probierten es, nur ganz wenige schafften es auf ähnlich hohem Niveau. Urteilt selbst:

Die Kommentare unter dem Video – Bsp.: “Taylor has pipes and even he shows how UTTERLY above the pack Chris Cornell was” (ROKTABULA) oder “do you realize how tough it is to cover Soundgarden?!!!” (gbwiz) – können Gerrit und ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Da diese Coverversion ein Tribute nach Chris Cornells Selbstmord war, schließe ich mich dem Kommentar von User Brian Haslip an: “It doesn’t matter if you think the tributes were good or bad, it matters that they were made with respect, and both of them [Stone Sour und Megadeth] clearly were”.

Nun sind Songs wie Rusty Cage, Jesus Christ Pose oder Outshined als Singles recht bekannt, die Single Room a Thousand years wide – ursprünglich bereits im September 1990 erschienen – geht dabei allerdings oft unter. Schade eigentlich, klingt der Song doch so unkonventionell wie der Titel philosophisch ist. Für das Album wurde extra eine neue Version eingespielt. Urheber sind Gitarrist Kim Thayil (Text) und Drummer Matt Camreron (Musik), womit Thousand years einer der ganz wenigen Songs ohne Chris Cornells Zutun im Songwriting ist. Hier zeigt sich also das musikalische Talent, sowie das Gespür für fordernde Andersartigkeit der gesamten Band. Während in Spoonman* (nicht auf diesem Album enthalten) allen Ernstes ein Löffel-Solo zu hören ist (Props to Artis the Spoonman), „ejakuliert“ in Thousand years wie aus dem Nichts ein Saxophon in die Musik hinein (gespielt von Scott Granlund vom Black Cat Orchestra aus Seattle). Freaking cool! 6/4-Takt bytheway.

Und in dem ultraschnellen Song Face Pollution zeigen Soundgarden, dass sie auch Punk können, obwohl dieses Etikett der Nummer mit seinen verqueren Takten eigentlich nicht gerecht wird (Grüße nochmal an Tool). Verrückt, was Kim Thayil und Matt Cameron hier spielen… Ihr merkt, ich könnte stundenlang über dieses Album schreiben, aber ich habe mal gelesen, Online-Artikel sollten nicht zu lang sein. Wegen der Aufmerksamkeitsspanne des Lesers. Gut, hat leider wieder nicht geklappt. Sorry dafür!

Abschließend empfehle ich jedem Fan guter Musik dieses Album zum 30. Geburtstag nochmal aufzulegen. Vielleicht zum 200. Mal, vielleicht aber auch zum ersten Mal. Wie sagt man so schön: Ich bedauere, dass ich Badmotorfinger nie wieder zum ersten Mal werde hören können.

Auch nach drei Dekaden ist dieses Album nicht nur „noch immer hörbar“, sondern ein absolutes Meisterwerk, welches an Aktualität, Authentizität und Power gar nichts verloren hat. Durch Chris‘ Selbstmord wirken Text und Musik heute noch dunkler, teils beklemmender. No one sings like you anymore!

Wir vermissen dich und deine Stimme!

9/10 Wellenbrechern

* ich persönlich bin kein großer Fan von Preisverleihungen, die sich hauptsächlich auf Subjektivität, Geschmack, Bekanntheitsgrad, Standing und damit auch „Nasenfaktor“ gründen, aber der Vollständigkeit halber: Soundgarden erhielt zwei Grammys (für Black Hole Sun und für Spoonman) und Chris Cornell als Solokünstler einen (für When Bad Does Good).

Marilyn Manson – We are Chaos (2020)

von Alex

Gemalt von Warner selbst: Hält das Album, was das Cover verspricht?

Vorweg:
Heute möchte ich aus gegebenem Anlass mal anders anfangen. Ich war nie ein großer Marilyn Manson Fan, wenngleich ich einzelne Songs wie den Fight Song, The beautiful people oder I dont like the drugs (but the drugs like me) schon stark fand. Doch nach einer inzwischen über 20 Jahre alten Aussage des Mannes hinter dem Kunstprodukt, befasste ich mich mehr mit Brian Hugh Warner. Nach dem entsetzlichen Amoklauf an der Columbine High School im Jahre 1999 wurden Schuldige gesucht und “natürlich“ war auch Marilyn Manson bzw. dessen Musik, die wohl von den Tätern gehört wurde, ein leichtes Ziel. Darauf angesprochen, was er denn den Menschen der Columbine Community zu sagen habe, antwortete er sinngemäß: „Gar nichts, ich würde zuhören, was sie zu sagen haben, denn das hat bisher offenbar niemand getan.“ Seit diesem emphatischen und intelligenten Satz sind Brian und ich Freunde. Er weiß nur nichts davon.

Auch deshalb haben mich die jüngsten Anschuldigungen der sexuellen Gewalt erschüttert, hätte ich Warner hinter der dicken Schminke als sehr philanthropisch eingeschätzt. Doch wie die allermeisten anderen Menschen habe ich keine weiteren Hintergrundinformationen zu den Vorwürfen, also springe ich – seht es mir nach – zu dem Teil, den ich beurteilen kann: Dem Musikalischen!

Im letzten Jahr hat Marilyn Manson, also die Band, nach unzähligen Mitgliederwechseln – Warner selbst blieb natürlich die Konstante – ihr inzwischen elftes Studioalbum We are Chaos vorgelegt, mitproduziert von Country-Sänger Shooter Jennings, der auch an den Songs mitschrieb. Der Erscheinungstermin der Platte war – vielleicht ein Zufall, vielleicht auch nicht – der 11. September 2020.

Auf geht’s:
Direkt im Intro des Openers Red, black and blue fühlte ich mich an Dee Snider’s Strangeland erinnert: Düster, unheilvoll, bizarr – wir hören 100% Manson, keine Marilyn weit und breit. Auch der sich daraus entwickelte Song bleibt dem Schema treu. Purer Drumbeat, harter Basslauf, charakteristisches Manson Gehauche und Geschreie. Gelungener Einstieg.

Anschließend verändert sich die Stimmung mit der titelgebenden Ballade We are Chaos. Dieser Track fasziniert mich. Auf der einen Seite kann ich mir sofort vorstellen, dass die ruhige, melodiöse Nummer auch im Popradio stark rotiert, auf der anderen Seite ist er doch so manson-durchtränkt, melancholisch und speziell, dass sich hier eine schön glänzende Perle in einer unscheinbaren Muschel versteckt. Sollte ich einem Blinden beschreiben müssen, wie ein Betty Boop Striptease aussieht (passiert ja ständig!), ich würde sagen, so wie We are Chaos klingt:

Interessanterweise zieht sich die melancholisch melodiöse Stimmung durch weite Teile des Albums. Der aggressive Manson zieht sich in tiefer Verbeugung und mit gezücktem Zylinder zurück und macht Platz für die zauberhafte Marilyn. So klingen Paint you with my love, Broken Needle oder auch das klavier-getragene (sehr starke!) Half-way & one step forward als träfe Trent Reznor auf The Cure.

Mit Infinite Darkness, das vom Titel her eine unheilvoll düstere Rockexplosion vermuten lässt, klopft man nochmal zaghaft an Mansons Tür, um den Aggressor zurück auf die Scheibe zu holen, aber der macht nicht auf. Und so gehört der Rest der Platte vollends der lieblichen Marilyn. Das Albumcover (siehe oben) ist in meinen Augen deshalb ziemlich irreführend, hätte ich mir eine andere Härte vorgestellt. Gedanklich bin ich immer bei Marcy Playgrounds Single Cover zu Sex and Candy (siehe hier – das hätte gepasst). Vielleicht ist aber gerade das mein „Problem“: Die Erwartungshaltung. Denn die Diskrepanz zwischen Cover und Musik passt in ihrer Ambivalenz wiederum zu Künstler und Band.

Fazit:
Das Album lässt mich ein wenig ratlos zurück, was – zugegeben – schlecht ist für eine Rezension. Die balladesken Lieder sind handwerklich sehr gut umgesetzt, aber auf Dauer war mir das zu wenig. Auf einen Langzeit-Aha-Effekt und einen wütenden Manson warte ich noch immer. Viele Lieder klingen zu ähnlich, zu zahm. Mit We are Chaos macht Marilyn Manson einen großen Schritt in Richtung „künstlerische Freiheit“ und das gefällt mir. Jedoch werden längst nicht alle Facetten der Freiheit ausgeschöpft, die möglich gewesen wären. Free Manson!

6,5/10 Wellenbrechern