Genuary Tipp 12/31 2022

Gina Gleason aus Philadelphia, USA

Die Stoner-Progrock-Combo Baroness um Sänger und Gitarrist John Baizley ist vermutlich vielen Musikfreund*innen ein Begriff, feiert sie im nächsten Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Ich mag ihre staubtrockene Rockbarkeit. Und seit Gina Gleason als neue Leadgitarristin mit an Bord ist, stieg die Band nochmals in meinem Ansehen. Mit Gleasons Spiel und ihrer unterstützenden Stimme werden die Kompositionen um eine weitere, wichtige Nuance bereichert – so wie in Tourniquet vom letzten Album Gold & Grey (2019):

Heute soll es im Rahmen des Genuarys aber mehr um Gina Gleason, als um Baroness gehen. Und ihr Werdegang hat es durchaus in sich: Von 2012 bis 2017 verkörperte sie die Gitarre-spielende Muse im Cirque du Soleil Programm Michael Jackson: One im Mandalay Bay in Las Vegas:

siehe ab 1:00 Minute

Vor ihrer Anstellung im Cirque du Soleil war sie Teil gleich zweier Tribute Bands: Einer All-Female Metallica Coverband und einem King Diamond Tribute. Außerdem musizierte und tourte sie mit den Smashing Pumpkins oder Santana. Um so bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die heute 30-jährige, erst im Alter von 14 mit dem Gitarre spielen begann.

In einem Interview machte Gina vor einiger Zeit Hoffnung, was Frauen in der Musik betrifft: Früher hätten die meisten Menschen auf Tour gedacht, sie sei die Freundin eines Musikers. Heute scheint es aber weitgehend angekommen und „anerkannt“ zu sein, dass auch Frauen Teil einer Band sein können, selbst in den männlich dominierten Genres.

Abschließend könnt ihr Baroness‘ Nummer Borderlines in einem etwas unkonventionellen Live-Video bewundern. Gina Gleason, die drei Songs auf dem aktuellen Album mitgeschrieben hat, harmoniert hier einmal mehr perfekt mit John Baizleys Spiel:

Instagram: Gina Gleason

Genuary Tipp 11/31 2022

Jenny Angelillo von den Neighborhood Brats

Amerikanischer Punk ist für mich nicht ganz so leicht zu durchschauen. Vieles im US-Punk ist sehr künstlich und insgesamt viel kommerzieller. Musikalisch gibt es durchaus eine ganze Reihe überzeugender Bands, aber ich muss zugeben, dass ich mich bei Punkrock lieber klassisch in Großbritannien und Deutschland bediene. Die zum Teil negativen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA in den letzten etwa zehn Jahren haben aber mehr und mehr dazu geführt, dass zumindest ein sozialkritischer Approach etabliert wurde und teilweise Punk-Musik als echter Blitzableiter für Wut und Ärger wurde. Natürlich sind diese Entwicklungen insgesamt höchst bedauerlich, erfordern verstärkt Anklage und sorgen somit auch für eine mögliche Politisierung in der Kunst.

Das letzte Album der Neighborhood Brats ist ein guter Beleg dafür. Jenny Angelillo als Frontfrau der kalifornischen Band singt auf diesem Album über eben diese Entwicklungen. Harvey Weinstein (is a symptom) beschäftigt sich zum Beispiel mit der Wahrnehmung einer noch häufig grundsätzlich männlich-sexistisch geprägten (Arbeits-)Welt, in welcher man nicht den Fehler machen sollte, sich an einem Beispiel (wie dem des Produzenten Weinstein) abzuarbeiten, sondern diese an dem Fall festzumachenden Dynamiken auch an weiteren Stellen aufzudecken und anzuklagen. Der Song endet mit der Zeile This is a symptom of a greater disease Wake the fuck up!

Der Song ist von dem letzten Album Confines of Life aus dem vergangenen Jahr 2021 auf Dirt Cult Records veröffentlicht. Für mich ist es das bisher kompletteste Album der Truppe. Jenny Angelillo verleiht dem dort wirklich guten Punksound mit ihrer markanten Stimme einen letzten Push, auch wenn ein weiteres starkes Stück des Albums im besten Surfpunk-Sound mit dem großartigen Titel All Nazis Must Die ein Instrumentalstück ist. Live zeigt sich die Sängerin und Gründerin der Band mit einer unbändigen Energie. 2019 im letzten Jahr vor dieser Pandemie waren sie unter anderem in Hamburg zu Gast. Hoffentlich sehen wir demnächst wieder mehr davon. Ich wäre definitv dabei.

https://www.instagram.com/neighborhoodbrats/

Genuary Tipp 10/31 2022

Ebow

Die Rapperin erlangte kürzlich weitreichende Bekanntheit, als sie auf dem Ärzte Album Dunkel im Song Kerngeschäft über die Kommerzialisierung von Musik rappte (mehr zu Hell und Dunkel an anderer Stelle). Dem Wellenbrecherbreich ist die Ur-Münchenerin und Wahl-Wienerin mit kurdischen Wurzeln bekannt seit:

Neben der textlichen Message von Punani Power – gegen Sexismus und Intoleranz – legt sich Ebow im Video auch unterschwellig mit dem Hochglanz-Fetisch der Popkultur an. Siehe da, es braucht doch kein Lipgloss oder knappe Kleidung, um Musik zu machen. Trainingsanzug und Gesundheitslatschen reichen. Optik hat keinen Einfluss auf das musikalische Niveau. Wer hätte das gedacht?
Ob nun Solo oder als Teil der Gaddafi Gals mit Sängerin Nalan: Ebow provoziert bewusst und polarisiert damit, wie im Song Schmeck mein Blut (um die eingangs erwähnten Ärzte zu zitieren: Dürfen die das?):

Ebows Mutter, damals ebenfalls aktiv auf der Straße im Kampf gegen Diskriminierung, hat Angst um ihre Tochter, verrät Ebow, gibt es doch mehr als genug Menschen, die mit einer rappenden, muslimischen Queer-Frau nichts anfangen können – diplomatisch formuliert. Für Ebow umso wichtiger, klar Stellung zu beziehen, für sich, für ihre Community. Sich „unsichtbar zu machen“ sei keine Option – so Ebow. Sie hat sich auf beeindruckende Weise für das genaue Gegenteil entschieden.

Genuary Tipp: 9/31: Pure Reason Revolution (Chloe Alper)

In unserer letzter Veröffentlichung des vergangenen Jahres – dem Dreckigen Dutzend Best of 2022 – hatte ich mir u.a. eine Nummer von dieser Band herausgepickt. Dead Butterfly zählt in seiner natürlich fließenden Struktur und seinem Facettenreichtum zum Besten, was ich in 2022 gehört habe.

Die Band hinter diesem Song kann sich glücklich schätzen, mit Chloe Alper nicht nur eine tolle Sängerin, sondern auch Musikerin in ihren Reihen zu haben (hauptsächlich Keyboard und Bass). 2003 an der Londoner Westminster University gegründet, kristallisierte sich schnell eine aufregende Mischung aus avantgardistisch sphärischem Rock und down to Earth Elektro heraus. Nach vier Alben und einer kurzzeitigen Schaffenspause, kam die dreiköpfige Band 2020 in mit ihrer knapp 48-minütigen Sechs-Track-LP (!) Eupnea fulminant zurück. Und 2022 dann eben Above Cirrus mit Dead Butterfly und anderen progressiven Songs. Der Bandname übrigens passt ideal zu meinem Blogartikel Literatur in der Musik (Link), denn Pure Reason Revolution steht für Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft.

Genuary Tipp 9/31 2022

Chelsea Wolfe

Meine besondere Aufmerksamkeit erhalten Bands und Musiker*Innen immer dann, wenn sie mich überzeugen, obwohl sie sich in einem Genre bewegen, dem ich normalerweise nicht besonders viel abgewinnen kann.

Chelsea Wolfe bedient mit dem Singer / Songwriter und Gothic oder Goth-Rock Genre gleich zwei dieser Felder. Aber da wir uns beim Wellenbrecherbereich ja sehr vielen Musikstilen zuneigen, habe ich auch gelegentlich dafür ein Ohr und das wurde – wenn auch über Umwege – bei den Liedern Chelsea Wolfes voll belohnt. Der Umweg bestand in diesem Fall aus dem gemeinsamen Projekt Wolfes mit Jess Gowrie die als Mrs. Piss teilweise unkonventionell zwischen Punk und Grunge performen.

Über diesen für mich konventionellen Weg näherte ich mich dann ihren Solo-Projekten. Ja, natürlich muss man sich für den eigenwilligen Sound ihrer Platten in einer bestimmten Stimmung befinden, aber letztlich – finde ich – trifft das auf jeden erdenklichen Musikstil zu.

Was mich an den Songs z.B. der Alben Hiss Spun (2017) und Abyss (2015) überzeugt, ist eine gewisse Eigenwilligkeit. Dass Chelsea Wolfe zum Teil im Gothic angesiedelt wird, habe ich da zunächst weniger herausgehört. Das lässt sich vielleicht auch eher an dem Vorgänger Pain is Beauty (2013) festmachen und zum Teil natürlich auch an den Texten und Videos. Ansonsten finde ich die Stücke so überzeugend, weil sie klingen, als kämen sie recht ungefiltert direkt aus der Seele der Künstlerin. Das gelingt natürlich nur, wenn ein gutes Stück Eigenanteil in der Produktion gesichert ist, bzw. wenn man auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zählen kann, so wie Chelsea Wolfe es mit ihrem Partner Ben Chisholm seit jetzt über zehn Jahren kann. Müsste ich erklären, wie die Songs klingen, dann fiel mir nichts Besseres zu sagen ein als, sie klingt wie Goldfrapp, die auf einem Horrotrip auf Sonic Youth trifft und sich an früher erinnert. (Ich meine das sehr positiv)

Das zuletzt (2019) erschiene Album Birth of Violence knüpft wieder eher an den Songwriter Stil an, der z. B. auch auf dem Unknown Rooms Album (2012) zu hören ist. Aber auch hier bleibt der Eindruck, dass sich Chelsea Wolfe in ihrer Kunst wenig von Konventionen leiten lässt, sondern viel aus ihrem eigenen Antrieb entsteht. Ich muss aber zugeben, dass ich mir lieber die etwas düstereren, knarzigen Songs anhöre mit diesen Gesang, der phasenweise sehr dünn und fragil ist, dann aber wieder mit vollem Klang das Kommando übernimmt. Also wir sprechen hier keinesfalls von Barhocker-Akustikgittaren-Mentalität.

Dass sie in ihrem Schaffen viel experimentiert, lässt sich auch an der neuesten Kollaborationen mit den Haudegen von Converge festmachen. Das aus dieser Zusammenarbeit hervorgegangene Album Blood Moon I wird uns in jedem Fall dieses Jahr auch noch in unserem Podcast beschäftigen – so viel sein schon mal verraten.

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