Teil 2 – Das Festival

Und damit wären wir dann auch beim zweiten Teil meines Berichts, in dem das Deichbrand-Festival einmal gegen den Strich gebürstet wird: Mir fällt es in diesem Jahr noch etwas schwer, Kritik anzubringen, da die Situation rund um Corona plus die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen aus dem bitteren Cocktail der Pandemie und des immer noch miesen Krieges russischer Machthaber gegen die Ukraine sicherlich das Feiern im Allgemein weiter betäuben, vor allem aber Rahmenbedingungen bieten, die mir zuerst mal ein ehrliches Hutziehen und tiefe Dankbarkeit abverlangen vor allen Menschen, die sich trotzdem trauen ein kulturelles Programm auf die Bühne zu bringen. Das geht nicht nur an die Brandstifter vom Deich, sondern an alle Veranstalter, Booker, Schauspieler, Wirte usw., die letztlich für Leute wie uns trotz großer Ungewissheit einfach immer weiter dranbleiben und durchziehen. Merci!

Und wenn ich gerade dabei bin zu loben, dann liebes Deichbrand habe ich auch im Jahr 2022 etwas zu loben, das für andere Besucher teilweise ein richtiger Dorn im Auge scheint. Euer Line Up bietet eine Genre-Vielfalt, die seines gleichen sucht. Wie ich im ersten Teil bereits erwähnte, habe ich nicht alles gesehen und fand auch nicht alles gut – der Auftritt von Apache 207 lässt mich nach wie vor verwirrt zurück. Dennoch war klar wahrzunehmen, dass ihr auch damit einen Nerv trefft und diese Buchungen sicher auch den Altersdurchschnitt auf eurem Festival senken. Die Bühnen waren bei besagten Auftritten stets rappelvoll und aus dem Grund werden wir hier im Wellenbrecherbereich sicher nicht einfach in das klassisch billige Auto-Tune-Bashing verfallen. Ich habe gesehen, dass viele Leute Bock auf diese Künstler und Künstlerinnen haben und wenn mir das nicht gefällt, dann esse ich halt ein Handbrot und freue mich auf oder über den Auftritt Afrobs oder einer anderen Band.

Gleiches gilt für eure Electronic Island. Optisch übrigens ein absoluter Kracher und musikalisch durchaus hochkarätig besetzt mit DJs, die durchgängig die Party am Laufen hielten. Nicht wenige Besucher haben sich eigens für diese Stage das Festivalticket gekauft. Ich persönlich mag dieses Konzept und bin genau aus diesem Grund auch sehr gerne beim Deichbrand, wenngleich auch ich mir in diesem Jahr noch den einen oder anderen Act aus dem Bereich Rock, Punk oder Alternative mehr gewünscht hätte.

Die explodierenden Preise auf eurem Festivalgelände haben wir ebenfalls versucht, so objektiv wie möglich zu bewerten. Aktuell steigen überall die Preise, so natürlich auch auf den Festivals. Aber leider geht diese Argumentation für mich auch nur zum Teil auf, denn da alles teurer wird, die Löhne aber lange nicht in dem gleichen Verhältnis ansteigen, beißt sich hier die Katze in den Schwanz: Ihr müsst mehr Geld verlangen, weil alles teurer wird – ich kann mir weniger bei euch kaufen, weil alles teurer geworden ist. Die Frage also, ob sich Preiserhöhungen in diesem Ausmaß wirklich lohnen, würde mich tatsächlich sehr interessieren. Für alle Menschen, die ohnehin sehr auf ihre Ausgaben achten müssen, war dieses Jahr sicher eine große Herausforderung. Die meisten aus unserer Gruppe arbeiten in Vollzeit und konnten sich so über die Tage noch etwas auf dem Gelände „gönnen“, aber auch das wesentlich reservierter und bedachter als in den Vorjahren. Wir waren uns allerdings auch einig, dass es dann zumindest in Qualität und Quantität stimmen muss und das war leider nicht überall festzustellen. Als kleiner Eindruck für alle, die nicht vor Ort waren ein Bier 0,5l kostete 6 Euro, Wodka Red Bull 0,3l z.B. 9,50, eine Currywurst mit Pommes 10,-, Bratnudeln 9,50 usw.

Es gab ausreichend Getränkestände und somit auch nur zu Stoßzeiten mal längere Schlangen, allerdings habe ich in diesem Jahr sehr wenig leckeres Fassbier bekommen. Natürlich gibt es zwischen einem Besuch in einem bayrischen Biergarten und einem Fassbier aus dem Plastikbecher auf einem Musikfestival immer einen Unterschied, dieses Jahr war das Bier aber sehr häufig richtig flaps und das fällt bei dem Preis auch mächtig auf.

Leider ist uns auch sehr negativ aufgefallen, dass es an einigen Ständen Methode hatte, sich zu verrechnen. Irgendwie verständlich, weil bei den Gästen auch die Bereitschaft Trinkgeld zu geben litt, aber sicher nicht der richtige Weg, dieses so auszugleichen.

Über die Vielfalt im Essensangebot freue ich mich immer sehr, da so für jeden Geschmack etwas Richtiges angeboten wird und die Zeiten, in denen es neben den Brezeln nur noch Pizzaklumpatsch oder Pommes gab vorbei sind. Aber auch hier gab es in der Qualität an einigen Stellen klare Abstriche. Es tut einfach weh einen Zehner in sehr mittelmäßige Imbissideen zu stecken, da hilft es auch nichts, wenn man den Gerichten tolle Namen verpasst. Das gilt nicht für alle Angebote, insbesondere einige Foodtrucks haben leckere, frische Snacks serviert, ingesamt aber mehr so „meh“.

Auch immer wieder Thema ist die Toilettensituation auf dem Gelände. Insgesamt war das noch in Ordnung und die Putzcrew hat alles gegeben. Moderne Konzepte mit mehr Urinalen für Männer und Frauen, Peefences etc. bieten hier aber noch viele Möglichkeiten der Verbesserung.

Die größtenteils ehrenamtlich tätigen Hilfs- und Sanitätsdienste waren sehr präsent. Ohne diesen bemerkenswerten Einsatz sind solche Feste nur schwer umsetzbar.

Ansonsten gab es noch allerlei Werbegedöns von einigen Märkten, Telefonanbietern, Radiosendern oder Getränkeherstellern. Das brauche ich persönlich nicht, kann es aber im Rahmen der notwendigen Sponsor-Partnerschaften akzeptieren und weitgehend ignorieren.

In Bezug auf das Gelände und die Festival-Organisation möchte ich mit einem Lob abschließen: Ich liebe es nach wie vor, dass ihr beim Deichbrand die beiden Hauptbühnen immer nacheinander bespielt und sich die Überschneidungen lediglich auf Auftritte im Palastzelt (oder ggf, der Electronic Island) beschränken. Bitte behaltet das möglichst bei!

Als letzten Teil möchte ich nochmal einen Blick auf das Campinggelände werfen. Gelobt habe ich ja bereits die Genre-Vielfalt, die es allerdings dann auch mit sich bringt, dass man auf dem Campingplatz häufig Musik hören muss, die einem nicht gefällt. Als mein persönliches Problem resümiere ich dann auch etwas, das andere Besucher gar nicht stört bzw. für sie überhaupt den Reiz großer Festivals ausmacht: Unter dem psychosozialen Druck des Saufdiktats werden über vier Tage nur stumpfer Schlagertechno und sogenannte Party- bzw. Sauflieder aus den Boxen geballert. Nicht selten sexistisch, aber klar – ironisch. Wir haben uns da in der oben bereits verlinkten Podcastfolge schon zu ausgetauscht. Es gibt tatsächlich Leute, die nur wegen der Campingplatz-Action zu einem Festival gehen. Ich finde, dass es die Mischung macht. So wundert es mich allerdings nicht, dass je größer ein Festival wird, das Angebot an sogenannten „Green-Campings“ zunimmt. Sehr ähnlich habe ich diese Entwicklung auch schon vor Jahren beim Hurricane und bei Rock am Ring ohnehin festgestellt.

In puncto Antidiskriminierung, Miteinander oder auch Umweltbewusstsein finden sich beim Deichbrand jedoch von vornherein schon erschreckend wenige Bekenntnisse auf der Homepage oder bei den Infos zu Campingplatz und Sicherheit. Immerhin das „Panama-Konzept“ wurde wieder umgesetzt. Hier sehe ich sehr starken Nachholbedarf, zumindest sofern es das Deichbrand-Team wünscht, dass ihr Festival eine Party für alle ist, auf der keiner Angst haben muss, aus irgendwelchen Gründen ausgegrenzt oder diskriminiert zu werden.

Ich bin gespannt, wie es in den nächsten Jahren weitergeht und bin jetzt schon neugierig auf das neue Line-Up für 2023.

Wer selber einmal am Deichbrand teilnehmen möchte, der Ticketverkauf für 2023 hat bereits begonnen: LINK

Deichbrand Rückblick

von Felix

Einen Festival-Bericht zu schreiben, ist gar nicht so einfach, da es bei einem viertägigen Programm natürlich sehr viele Konzerte gibt, von denen man detailliert berichten könnte und dazu noch viele Ereignisse rund um den Campingplatz passieren, die nicht weniger berichtenswert sind. Daher werde ich mich von vornherein etwas einschränken. Ich werde nicht im Detail auf die gesehenen Konzerte eingehen, sondern werde versuchen, einen allgemeinen Überblick zu geben, über das, was ich an Bands gesehen habe und ggf. empfehlen kann und das, was mir in Anknüpfung an unsere Festival-Folge (Hier!) auf dem diesjährigen Deichbrand als Festival im Allgemeinen auffiel. Ich teile den Bericht somit auf zwei Teile auf. Im ersten Teil geht es um die Musik, im zweiten um das Deichbrand im Allgemeinen.

Vom 21. bis 24.07. fand in diesem Jahr das Deichbrand-Festival in der Nähe der Wurster Nordseeküste statt. Das Festival zählt mit seinen 60Tausend Besuchern schon seit einigen Jahren zu den größeren und etablierten Festivals. Es ist sehr erfreulich, dass sich die Veranstalter bisher über die Zeit der Pandemie gerettet haben und entsprechend groß war die Vorfreude.

In unserer Deichbrand-Gruppe bedeutete dies, dass nach zwei Jahren Deichbrand at home endlich wieder richtig gecampt und gerockt werden konnte. Man muss dazu sagen, dass wir uns 2017 zusammengeschlossen haben, um noch einmal gemeinsam zu einem Festival zu fahren und es danach aus „Altergründen“ endgültig einzustellen. Daraus hat sich allerdings recht schnell das Gegenteil entwickelt und über eine Festival-Rente wird eigentlich seit dem ersten Festivaltag 2017 gar nicht mehr gesprochen. Danke dafür liebes Deichbrand.

Das Line-Up für 2022 hat mir vorab ein wenig Sorgen bereitet, da ich auf den ersten Blick gar nicht so viele Bands fand, die ich unbedingt live sehen möchte, bzw. viele der bands bereits mehrfach live gesehen habe. Da mir aber auch gar nicht mal wenige Bands bisher nur wenig bis gar nicht bekannt waren, habe ich mich vorher nochmal konsequent durch die Liste durchgehört und so noch ein paar Künstlerinnen und Künstler aufgespürt, die es auf meine erweiterte Besuchs-Liste geschafft haben. Darüber hinaus kam nach Veröffentlichung des Timetables noch dazu, dass einige Acts auf meiner Liste zeitlich recht ungünstig angesetzt waren. Das ist aber eher ein persönliches Problem. Ich hasse z.B. den Festivalsonntag. Ich weiß nicht warum, aber ich will am Sonntag einfach nur noch nach Hause, insbesondere seitdem es normal geworden ist, bereits am Donnerstag mit dem Programm zu starten, was ich wiederum ziemlich gut finde. So sehe ich aber von Donnerstag bis Samstag viele Bands, sammle viele Eindrücke und bin dann in der Regel Sonntags so zufrieden, dass ich gar nicht mehr das Bedürfnis habe, mir weitere Acts anzusehen und mich außerdem auf die Familie zu Hause freue, die man dann ja auch für einen recht langen Zeitraum gar nicht gesehen und nur sehr wenig gesprochen hat. Also, Sonntags hab ich zu, so dass die Liste an verpassten Bands sich auch in der Hauptsache auf den Sonntag beziehen, plus den einen oder anderen Act, den ich verpasst habe, weil dieser zu früh oder zu spät für mich startete, oder weil man feststellte, dass das eine Knäckebrot im Zelt bereits 10 Stunden zurück liegt und man doch noch etwas Richtiges essen sollte und dadurch eine Band verpasst oder nur aus der Ferne wahrnimmt. Großstadtgeflüster, Danko Jones, Enter Shikari, Dropkick Murphys, sind sehr prominente Beispiele auf dieser Liste aber z.B. auch Muff Potter, Massendefekt, Zugezogen Maskulin, Querbeat, Raum27 oder Imminence habe ich aus unterschiedlichsten Gründen nicht besucht.

Was habe ich denn dann überhaupt gesehen? Ich möchte das wie gesagt ohne große Kommentierung der einzelnen Auftritte versuchen einmal in ein paar Kategorien meiner Fantasie zusammenzufassen.

Teil 1 – Konzerte

Da wäre als Erstes und ganz ehrlich mein persönliches Highlight Der beste Festival-Opener 2022: Clowns – Punkrock aus Australien. Die ersten Takte habe ich verpasst, aber als ich am sogenannten Palastzelt ankam, liefen die drei Leute vor mir los, ich lief ihnen hinterher direkt in den Moshpit und Abfahrt. Die Band hat so viel Energie und Witz, dass ich wirklich jedem, der die Gelegenheit hat, empfehlen kann, ein Konzert dieser Truppe zu besuchen. Vor einigen Tagen habe ich erfreut zur Kenntnis genommen, dass die Bassistin Hanny J Tee jetzt auch Teil der sehr lobenswerten Bassists against Racists Kampagne ist.

Ebenfalls im Palastzelt gab es am Samstag den besten schlechtbesuchtesten Auftritt 2022: The Lytics – Hip Hop aus UK. Überschneidungen gibt es immer irgendwie bei Festivals, zum Glück entschied ich mich dieses Jahr, nach ein paar Takten der Mighty Oaks rüber in das Zelt zu gehen, um eine sehr straighte nach modernem Old-School klingende Formation zu sehen, die leider (quantitativ) nicht das Publikum hatte, welches sie verdient gehabt hätten, aber dieses (qualitativ) durchaus die Songs der Band würdigte und die Lytics auch nie den Anschein erweckten, als hätten sie kein Bock vor so wenig Leuten zu spielen, sie haben sehr sympathisch abgeliefert und sind ein neuer fester Bestandteil meiner Hip Hop Playlists.

Den besten mit Entspannungsbier im Liegen den Texten zuhören Auftritt 2022 lieferten: OK Kid – Kategorie weiß ich nicht – Pop-Post-Elektro-Hip-Hop, Alternativ-Pop oder so?! Im jeden Fall eine der vielleicht-mal-reingucken-Bands, die mich durch ihren Auftritt ein ganzes Stück näher an sich heranholen konnten. Ich war gelegentlich etwas an Sperling erinnert, wenngleich das, was bei Sperling rockt, dann bei OK Kid eher pumpt. Aber egal, beides geil und wie gesagt, ich habe gerne den Texten der Band zugehört und mich daran erfreut, dass es auch im populären Musikbereich noch Bands gibt, die nicht nur in der auf die Dauer belanglosen Ich-Perspektive fischen, sondern sich auch gesellschaftspolitischen Themen widmen.

Den besten Headliner-Auftritt 2022 lieferten dann doch: Kraftklub – Muss man nichts zu sagen, kennen alle, haben alle schon mal gesehen. Ich war mir erst gar nicht sicher, ob ich Kraftklub wirklich sehen möchte, da ich sie schon häufiger gesehen habe und ja nun auch nicht viel Neues an Material dazukam. Aber, ich fasse mich kurz, sie haben wieder abgeliefert. Solider Rock zwischen Tanzbar und Circle Pit. Es war auf jeden Fall eine richtige Entscheidung mir Kraftklub erneut anzusehen.

Bester Nostalgie-Auftritt 2022 – Puh ganz schwer, denn das Deichbrand bot für meine Generation gleich eine ganze Reihe alter Haudegen, von denen ich zum Teil nicht mal wusste, dass sie noch unterwegs sind. Für mich gab es da zwei Gewinner: Afrob und die H-Blockx, wobei Afrob ja noch äußerst aktiv ist und der Nostalgie-Faktor somit nur zum Teil zutrifft, aber bei dem Auftritt auch voll bedient wurde. Sehr spät am Abend hat Afrob gezeigt, warum er seit über zwanzig Jahren konsequent im Spiel ist. Der Freitag hat durch den Auftritt einen herrlichen Abschluss gefunden und Afrob bleibt im deutschen Hip Hop einer meiner absoluten Lieblingsrapper.

Die H-Blockx haben mich sehr positiv überrascht und da muss ich mich bei meiner Truppe bedanken, dass sie mich überzeugten, ihnen am Donnerstagabend dorthin zu folgen, denn ich hätte mir das vermutlich gar nicht angesehen, aus Angst mir die Erinnerungen an die Auftritte der Neunziger zu versauen. Aber auch die H-Blockxx haben wirklich überzeugt und die Masse im rappelvollen Zelt war noch sehr textsicher. Hut ab!

Hier zu sehen: https://www.instagram.com/p/CgTtD4wK8D2/

Beste Ein-Mann-Kapelle 2022: Passenger – Liedermacher mit Gitarre. Ich habe immer großen Respekt davor, dass sich einige Künstlerinnen und Künstler nur mit einer Gitarre und ihrer Stimme auf die Bühne trauen. In unserer nächsten Folge im Podcast tauschen wir uns darüber auch etwas intensiver aus. Gerade auf Festivalbühnen ist das ein Konzept, das sehr mutig ist. Passenger hat seine schön poppig-melodiösen Lieder gespielt und mich vor allem in den Ansagen zwischendurch mit seinem ironischem Humor überzeugt. Cooler Typ.

Bester mittelmäßig abgemischter Auftritt im Zelt 2022: Callejon – Metalcore zu später Stunde. Geile Idee und auch insgesamt ein guter Auftritt, allerdings war hier die Abmischung nicht optimal, oder ich stand sehr ungünstig zur Bühne. Sicher ist es eine große Herausforderung für eine Zeltbühne dieser Größe einen vernünftigen Sound hinzubekommen, aber der Hall überlagerte bei Callejons gewohntem Tempo einfach sehr viel, so dass Musik und Gesang doch etwas litten. Die Band hat vor ihrem Auftritt jedenfalls für einen meiner Lieblings awkward-moments des Wochenendes gesorgt, als sie sich in einem Moment vermutlich unbeobachtet fühlten und zum, vom Zelt-DJ aufgelegten Disco-Song von Christian Steifen in ihren Skelett-Suits warm tanzten, herrlich.

Beste Pop-Rock-Performance 2022: Deine Cousine – Pop-Rock aus dem Norden. Sehr eingängige Melodien, live etwas rockiger und vor allem gut im Sound. Der Auftritt der Sängerin Ina Bredehorn, die ihre wirklich guten Texte überzeugend und mitreißend abrockt, war voll Dynamik. Musik dieser Art darf gerne häufiger im Radio laufen.

Bester Frühsport 2022 Le Fly: Sehr fleißige Rap-Reggae-Ska-Dancehall Combo aus Hamburg, die mit ihrem Sound und ihrer positiven Stimmung einfach zum Mittanzen animiert. Nach ihrem Auftritt ist man bereit für den Rest des Tages, der Kreislauf wieder in Schwung und die Nachwirkungen des Vortages (fast) vergessen.

Beste Band, die nächstes Jahr sicher auf größerer Bühne spielt Auftritt: The Struts – Glamrock aus UK und eigentlich auch hinlänglich bekannt. Ich muss zugeben, dass ich mit mehr Andrang rechnete, aber alle die ihren Auftritt im Zelt gesehen haben, dürften ähnlich zufrieden gewesen sein. Etwas alte Rock-Schule in einem neuen Gewand, ein sehr starker Stimmungstransport, eine sehr starke und verdammt gut aufgelegte Live-Band.

Auch hier eine schöne Anekdote: Die Band verschenkte nach dem Auftritt die üblichen Utensilien (Plektrum, Drumsticks, Setlist etc.). Marco griff Millimeter am Plektrum des Gitarristen vorbei, um dann beim Herausgehen aus dem Zelt festzustellen, dass das ersehnte Relikt einfach mal direkt in dem Bierbecher landete, der in der Seitentasche der Cargo-Hose steckte. Glück muss man haben.

Bester Dauerbrenner-Auftritt 2022: Rogers – klassischer deutscher Punkrock und zumindest gefühlt jedes Jahr auf dem Deichbrand zugegen. Und jedes mal, wenn ich sie dort sehe, denke ich, dass ich sie gerne mal auf einer ihrer Clubshows sehen möchte, habe es bis jetzt aber noch nicht geschafft – wird sicher noch nachgeholt.

Bester Trink-schnell-aus-wir-müssen-rüber-Auftritt 2022: Anti-Flag – Punkrock-Veteranen aus den USA, die ebenfalls sehr früh am Nachmittag auf der Hauptbühne spielten, das aber sehr souverän und somit schon mal ordentlich Bewegung in den ersten Wellenbrecherbereich brachten. Anti-Flag sind auch so eine feste Größe auf diversen Festivals, die sich über die Jahre aufgrund ihrer durchaus beachtlichen Diskographie in meinen Augen auch etwas mehr Spielzeit verdient hätten. US Punk ist immer ein spezialgelagerter Sonderfall, aber meiner persönlichen Einschätzung nach sind Anti-Flag durchaus authentisch.

Bester Es muss nicht immer Pogo sein Auftritt 2022: Flogging Molly – Irish Folk Punk und stets allererste Live-Sahne. Diese Band bringt einfach soviel Spielfreude auf die Bühne, dass man kaum glauben kann, dass sie im Sommer an beinahe jedem Tag eine andere Festivalbühne bespielen. Sicher eine der fleißigsten Festivalbands diesen Sommer. Flogging Molly in diesem Jahr ein weiteres persönliches Highlight für mich persönlich. Aktuell ist dieser Auftritt neben einigen anderen noch hier als Re-Live des Streams nachzusehen: Hier klicken!

Bester Mag ich selber nicht so, guck ich mi aber trotzdem an Auftritt 2022: Maximo Park – Indie-Pop-Rock, den ich privat nicht so gerne höre, aber wenn Freunde gerne eine Band sehen wollen, die mir nicht so zusagt, nehme ich das gerne als Anlass, etwas über meinen Tellerrand zu gucken. Und ganz knapp zusammengefasst: Maximo Park ist weit mehr als nur Books and Boxes.

Bester Spontan-Auftritt 2022: Madsen – das tröstet sicher jeden Veranstalter, wenn eine Band (Milky Chance) kurzfristig absagen muss und du dafür aber noch kurzfristiger einen Ersatz organisiert bekommst. Für mich war Madsen auch gleichzeitig der Abschluss des Deichbrands 2022, da ich im Anschluss die Rückfahrt angetreten habe. Bei Sonnenuntergang wirkte ihr Konzert aber alles andere als schnell improvisiert – Hut ab und Danke für diese Schlussakkorde: Lass die Musik an!

Es bleiben ein paar Auftritte unerwähnt, die ich zwar (zumindest teilweise) gesehen habe, aber über die ich nicht weiter schreiben möchte, da es auch in der Regel Auftritte von Künstlern waren, die nicht meinem Musikgeschmack entsprechen (Bausa, Apache 207, Rin, Steve Aoki), die ich aus oben schon mal genannten Gründen nur am Rande verfolgt habe (z.B. Bosse, Die Orsons) oder die mich in dem Moment nicht so gepackt haben (z.B. Guano Apes, Drunken Masters). Das gilt im Übrigen auch für die Electronic Island in diesem Jahr. Diese war ebenfalls hochkarätig besetzt, stand aber bei mir in diesem Jahr nicht so hoch im Kurs. Im zweiten Teil möchte ich dann auf das gesamte Drumherum zurückblicken.

Für Musikmenschen wie mich, ist das Deichbrand also auch 2022 absolut einen Besuch wert gewesen.

Smile and Burn – Besser sein als jetzt (2022)

Von Felix

Ich muss zugeben, dass Smile and Burn viele Jahre recht spurlos an mir vorbeigegangen sind. Ich weiß aber gar nicht so genau warum, die Band trifft durchaus meinen Nerv. Ich bin tatsächlich (zu)erst durch das Stück Zubetoniert vom 2020er Album Morgen Anders so richtig auf die Band aufmerksam geworden. So freute ich mich dann auf das neue Album Besser sein als jetzt, was letztlich Mitte Mai 2022 nach zwei Vorab-Veröffentlichungen erschien. Übrigens auch in einer sehr hübschen 10“ Vinyl-Variante. Immerhin beugt das einem „die alten Sachen fand ich besser“ vor.

Die Platte startet mit Egal was gestern war: Das ist gleich ein energiegeladener Opener, der klar die Richtung dieser Platte vorgibt. Smile and Burn sind auf ihrem sechsten Studioalbum so, wie sie musikalisch eh am besten sind: aufgedreht, temporeich, manchmal wütend und fast durchgehend bei einer sehr angenehmen Härte, die auf schweißtreibende Konzerte hoffen lässt. Leider musste der Support-Auftritt für ZSK bedingt durch Corona gecancelt werden, also müssen wir bei Smile and Burn auf die nächste Live-Gelegenheit warten.

Aber zurück zu Titel 1, denn hier gibt es richtig guten modernen Punk. Dafür braucht es bekanntermaßen ja nicht viel, aber auch das muss eben gut sein, damit es auch richtig bumst. Schneller Schlagzeugtakt, schraddelige Gitarren, einfache Melodie, ein anklagender Text, aber alles so abgemischt, dass auch bei diesem Tempo durchaus harmonisch klingt und seine Wirkung nicht verfehlt. Zu viele Punk und Post-Punk-Bands verloren sich zuletzt in zunehmend ruhigen bis melancholischen Tönen und populären oder hart philosophischen Textkompositionen. Daher ist es schön direkt vom Start weg zu hören, dass Smile and Burn hier einen anderen Weg einschlagen.

Dem ersten Song folgt direkt das vorab veröffentlichte In vielen Farben. Schon bei dieser Veröffentlichung hatte ich gehofft, dass der Rest des Albums ähnlich laufen würde und ich wurde absolut nicht enttäuscht.

Die Platte geht durchweg diesen Weg, auch wenn mit Dieses Stück Hoffnung oder auch dem Song Scheißsystem zumindest mal phasenweise etwas ruhigere Töne angeschlagen werden.

Bei mir persönlich wecken diese Passagen in manchen Teilen in Bezug auf Gitarre und Gesang Assoziationen zu den Goldenen Zitronen. Das meine ich selbstverständlich als Kompliment und erklärt auch meine Freude an dieser Platte. Die Zitronen waren zwar musikalisch nie so hart, aber sie standen immer für kluge, ironische Texte, die auch gerne die eigene Szene und die eigene Rolle mit im Blick behielten.

Lieblingstracks auf dieser Platte sind ganz klar die aufeinander folgenden Titel Mensch, das Koks sieht klasse aus und Krätze. Erster ist eine Art Punkrock Coming-of-Age Stück. Kein Thema, das nicht auch schon von anderen Bands gesungen wurde, aber der ironisch-sarkastische Ton des Textes von Sänger Philipp Müller trifft voll meinen Geschmack – früher war ich Punk, jetzt Unternehmensberater – Eine Minute und fünfundfünfzig Sekunden pure Freude.

Das noch zehn Sekunden kürzere Krätze steht hier in nichts nach, wenngleich der Text sich hier eher um lästige Proteste besorgter Bürger dreht. Musikalisch geht es hier zu sogar noch etwas kompromissloser zur Sache. Einfach herrlich.

Hier passt also sehr viel, um mich zufrieden zu stellen. Kommen wir jetzt also noch zu Schwächen: Ein paar Stücken im letzten Drittel der Platte fehlt ein wenig der Biss und sie sind für mich Bierhol-Songs, die ich eher nebenher laufen lasse. Meine besten Ideen und Wir haben Reden gehalten sind keine schlechten Lieder, fallen aber etwas ab, wobei die Texte auch hier hörenswert bleiben.

Den Abschluss bildet dann das textlich herausragend überflüssige Computer spielen. Ein Song, der ebenfalls bereits veröffentlicht wurde. Wer es nicht kennt, sollte sich die komplette Playlist dazu geben, der gleiche Song in sechs absolut hörenswerten Interpretationen verschiedener befreundeter Bands und Interpreten.

Was bleibt also abschließend festzuhalten: Ich höre dieses Album in weiten Teilen sehr gerne und freue mich über dieses geradlinige und authentische Album, dafür sahnen Smile and Burn hier 7 von 10 Wellenbrecher ab.

Broilers – Puro Amor (2021)

Ich habe lange gewartet, einen Text zu diesem Album zu verfassen. Ein ganzes Jahr – Warum? Ich war nach dem ersten Hören ziemlich enttäuscht von der Platte. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches. Je höher die Vorfreude, desto größer kann die Ernüchterung sein, wenn endlich eine neue Platte einer Band rotiert, die man lange erwartet hat und die man direkt nach der Ankündigung vorbestellte.

Sehr häufig muss man sich erstmal auf dem neuen Werk zurechtfinden. Mir gefällt das mittlerweile, weil es auch bedeutet, dass die Band eine Entwicklung durchläuft, dass sie nicht versucht ein ggf. erfolgreiches Vorgänger-Album zu kopieren, sondern für ihr neues Werk unter Umständen auch einige Änderungen vornimmt, dass sie neue Einflüsse einwirken lässt oder sogar einen ganz neuen Stil wählt.

Ein Stilbruch ist das neue Broilers-Album sicher nicht, aber es klingt in meinen Ohren schon anders als die Vorgänger bzw. setzt den Entwicklungstrend der letzten Platten fort. Und hier liegt der Grund, warum ich so lange mit dem Schreiben des Textes gewartet habe, ich habe mich bis jetzt nicht auf der neuen Platte der Düsseldorfer zurechtgefunden, ich finde einige Stücke oder Teile der Songs immer noch richtig grausam. Ich hatte einfach Angst, dass ich in meiner persönlichen Enttäuschung bei einer Rezension über diese Platte der Band und ihrer Absicht nicht gerecht werde. Ich habe mich dann erstmal ein wenig umgesehen und doch eine Menge sehr positive Statements und Rezensionen in (Online-) Magazinen gelesen bzw. in Podcasts oder Radioshows gehört und so fange ich auch mit zwei positiven Teilen an: erstens sind Cover und Artwork für mich eine glatte 1, zweitens sind Die Texte Sammy Amaras nach wie vor sehr gelungen. Ich mag es, dass die Broilers-Lieder sich erstens mit relevanten Themen beschäftigen, zweitens ein klares Statement enthalten und drittens trotzdem textlich nicht plump daherkommen, sondern weit überwiegend dazu animieren – teilweise dazu zwingen – zwischen den Zeilen zu lesen. Das hat mir beim vorab veröffentlichten Gib das Schiff nicht auf (siehe unten) bereits wieder gefallen und zeigt sich z. B. bei Dachbodenepisoden, Alles wird wieder OK oder Alice & Sarah sehr deutlich. Wenngleich es so ist, dass ich dabei inhaltlich gar nicht alle Aussagen der Songs teilen kann, das ist vor allem bei Diktatur der Lerchen und Nicht alles endet irgendwann der Fall.

Was mich insgesamt allerdings stört sind die Songstrukturen und die grundsätzliche Abmischung, die technisch zwar einwandfrei ist, aber offensichtlich mit der Prämisse, den Broilers etwas Härte zu nehmen, erfolgte. So denke ich, dass die gleichen Songs mit etwas weniger Kalkül und Akribie dafür mit mehr Instinkt musikalisch viel direkter, lauter und authentischer wären. Mir wirken viele Teile viel zu durchgeplant und sehr stark nachträglich aufgehübscht.

Auch die Ironie einiger musikalischer Passagen hat mich überhaupt nicht bekommen. Das betrifft das calypsomäßig mit Xylophonsounds angetüderte Lied Trink Mich Doch Schön und auch die in meinen Ohren billige und völlig unpassende Keyboardklimperei im Hintergrund bei An Allen Anderen Tagen Nicht.

Das Gesamtpaket klingt für mich nach dem Versuch, durch weniger harte Musik und mit auf Teufel komm raus aufs Mitsingen hingebogenen Refrains ein noch breiteres Publikum zu bedienen. Ich rege mich jetzt fast ein Jahr nach dem Erscheinen bei einigen Liedern immer noch über die zum Teil mit Schlagerschablone gezeichneten Pop-Rock-Songs wie Da Bricht Das Herz auf. An keiner nennenswerten Stelle wird hier auch nur ansatzweise über den Rand gemalt. Puro Amor bleibt für mich eine vertane Chance, die in der Bewertung dennoch nicht komplett durchrasselt, weil ich die Texte mag und sich am Ende dreieinhalb gute Songs finden lassen. Und weil ich die Band natürlich immer noch mag. Ja gut, dann hat mich die Platte halt nicht überzeugen können. Für den Einfluss auf junge und alte Menschen brauchen wir die klar platzierten Broilers auch weiterhin auf Festivals und in der Öffentlichkeit. Und wenn der Plan am Ende war, durch die unverfänglichere Musik mehr Radiozeit zu bekommen und damit mehr Leute mit den Statements zu erreichen, dann kann ich dem ganzen am Ende noch etwas Gutes abgewinnen. Und möchte somit dann schließen mit einem gelungenen Lied der Platte, die von mir trotzdem leider nur vier von zehn Wellenbrechern bekommt.

Terror – Pain into Power (2022)

von Felix

In diesem Now Playing wurden Teile unseres Interviews (WBB) mit Terror-Vocalist Scott Vogel (SV) integriert. Wir belassen die Fragen und die Statements zum Album, zur Szene und der Welt drumherum im Original, da eine Übersetzung den Antworten die Dynamik raubt. Viel Spaß! Thanks for taking your time Scott Vogel! We’re looking forward to seeing Terror live in June.

Ich bin vielen Musikgenres zugeneigt. Dabei gibt es Wellen und Phasen, in denen man den einen oder anderen Stil bevorzugt hört. Hardcore und hier insbesondere der U.S. Hardcore brandete seit meiner Jugend immer wieder auf. Jetzt (am 06. Mai 2022) veröffentlichen Terror ihr neues Album Pain into Power bei End Hits Records. Reden wir nicht groß drum herum: Mit dem neuen Album bügeln Terror im Schnelldurchlauf alles platt, was sich in den letzten Jahren anschickte, einen Platz auf dem Hardcore-Thron zu ergattern.

Ja, zwanzig Minuten sind für das erste Studioalbum seit vier Jahren eine überschaubare Länge und ich persönlich hätte auch drei bis vier weitere neue Songs auf der Platte vertragen, aber andererseits ist nach diesen zwanzig Minuten auch einfach mal alles gesagt. Ich habe direkt nach dem ersten Hören gedacht, dass die Länge tatsächlich ausreicht und musste feststellen, dass genau hier drin eine der Stärken der neuen Scheibe liegt: Die Songauswahl und die jeweilige Kürze geben dem Album eine Dynamik, die mein Hardcore-Herz schneller schlagen und die Vorfreude auf Vollkontakt-Engtanz-Feten im Sommer wachsen lässt.

WBB: The Songs are (very) short, but sound quite self-contained. However, were there any discussions / plans to expand them to a more popular length?

SV: Nope. The discuss was to keep them short. Brutal. As hard hitting as possible and for the songs And record to never let up.  At all 110 percent start to finish. Thinking about a “ popular length “ was the furthest thing from out mind to be honest

WBB: The covid-19 situation is slightly relaxing, will there be any more Tour-Dates for Europe in 2022 / 2023?

SV: Yes there fucking will be!!!!* [siehe unten!]

Nimmt man zum Beispiel direkt den titelgebenden Opener Pain into Power, dann kann man exemplarisch festmachen, wofür das ganze Album steht. Selbst bei Songs unter einer Minute sind durchaus Variationen von Tempo und Takt integriert, der Gesang und die Texte werden so unmissverständlich von Scott Vogel herausgebrüllt, dass am Ende eines jeden Titels einfach keine Fragen offen bleiben. Der „Gesang“ gefällt mir insgesamt sehr gut und damit meine ich sowohl den Vortrag wie auch die Abmischung. Kritiker von Hardcore-Musik betonen häufiger, dass sie die Mucke an sich ganz geil finden, aber bei dem „Gebrülle“ nichts vom Text verstehen. Das ist natürlich auch bei nicht wenigen Hardcore-Bands (zumindest teilweise) zutreffend, bei diesem Album kann man die Lyrics aber hervorragend mithören. Und in meinen Augen lohnt es sich auf dieser Platte mal wieder so richtig, den Worten Gehör zu schenken.

WBB: In an interview from 2018 you said, it's not hard to find new topics to write lyrics about, it's more hard to find a fresh way to say something / finding fresh terms. Can you tell us something about the process of writing the lyrics for your new record? Was there any struggling finding new terms? Cause for me, the topics aren't new for sure, but it all sounds very fresh and very pure.

SV: I think the times we are all living in and the fucking nightmare the world has become has definitely given me reason to write and to be interceptive. So much is going on in this world and the way it separates and eats people alive is devastating and nothing like I’ve never seen before. Adding the brutal music we wrote was a great recipe for true aggressive hardcore.

WBB: For me Hardcore always stands for the most genuine type of respect. You don't judge people because of their outward appearance, you show respect and you get respect. Still a lot of people are afraid of Hardcore- Music / -artists / -fans or at least misunderstand it / them. Is it possible to live a hardcore attitude without being a real fan of this music?

SV: Hmm. That’s interesting.  I guess it could be. Maybe there are people that would not connect with the music and speed and all out aggressiveness of the music but would love the lyrics and thought process and could read zines and learn all about the hardcore mindset and become part of that while still not loving the music.

WBB: Dylan Slocum (vocalist of Spanish Love Songs) once said during a concert that living in L.A. has nothing to do with the bright and shiny movie version of this city. Everybody's struggling for or worried about money. As one who lived in NY and in LA - is there a difference in the city-society? and do you have to be (or at least had to be) part of this society / (sub-)culture to do true hardcore music? Or is it also possible for young people from the suburbs or the rural area to create a real hardcore sound?

SV:I grew up in a smaller city ( buffalo ny ) and lived way outside the city till I became a teenager. So yes it’s very possible. I lived in Los Angeles for 20 years but recently moved back to Buffalo. I like the small city and not being so trapped in life and all it human insanity.

WBB: What has changed in the scene during the last years / decades? Or what's left from the spirit of the late 1980s / early 1990s?

SV: Hardcore will always have the foundation and spirit from the seeds it grew from.  There will always be people holding on to the traditions kept and respecting  the roots but it has to grow and expand and change and ebb and flow. Just like all of us And everything in the world. For better or for worse the changes come and there is just no way to stop that. The internet and social media was the huge turning point for hc just like it affected all things and again it’s wonderful and terrible at the same time.

Neben klassischen Way of Life-Songs befinden sich auch wieder Texte aus dem Bereich Gesellschaft und Politik unter den zehn Songs. Diese schaffen es anzuklagen, zu schimpfen, zu kritisieren und Fassungslosigkeit über gesellschaftliche Begebenheiten auszudrücken, ohne dass sie dabei zu sehr das Klischee des hilflosen Unterdrückten versprühen, sondern ganz im Sinne des U.S.-amerikanischen old-school-Hardcores ein (ver)zweifelndes, aber kämpferisches Selbstbewusstsein zu verkörpern.

Bestes Beispiel und einer meiner Lieblingssongs auf Pain into Power ist On The Verge of Violence:

Racial tension at an all time high. / Have we learned nothing in these desperate times. / We hate each other – cause we hate ourselves. / So much blood, on our hands,In this man made hell.[…] / Violence -destroying humanity / Violence -it’s taken our sanity / Violence -watch the youth disappear / this is reality- face your fears

WBB: Reading News here in Germany you get the impression, that the society in the US was continuously separated during the last years. Poor people with three or four jobs still have to fear for their existence, super rich people and lobbying keeps holding them down, racism, unjust laws and politics and a deadlocked Democracy that seems like it hasn't developed since decades. Is this a correct image of american society or is it over exaggerated? And if yes - why isn't everybody listening Hardcore Music or living the way? Are there still too many people, who just don't care - who just don't give a fuck as long as they are getting along?

SV: These are my favorite lyrics on the record and I think they are important. I saw people I love choosing opposite side and fully being torn apart by all the things you saw. So many times, I myself was unsure and feeling hopeless and fearing the unknowing. I think we all know the gov is not trying to save us all And doesn’t have our best interest at heart in so many ways. I tried to navigate the best I knew how and focus on finding some hope in such a fucked up time. Hardcore isn’t for everyone but I’m very grateful I found it and never let go. Music has to be your hope and the scene has to be your bridge to the hope.  Lyrics have to make you think and explore and feel. And the scene has to take you in and protect you and teach you and show you some sort of light and reason to believe in life and humanity.

Das auch die kürzesten Songs eine runde Sache sind, zeigt Outside The Lies. Mit 44 Sekunden der kürzeste Track. Mir fällt das beim Hören kaum auf, da ich auf dieser Platte wirklich beeindruckt bin, wie Terror es geschafft haben, jedem Text eine musikalische Struktur im Rahmen des Repertoires einer glasklaren Hardcore-Band zu geben, die jedes einzelne Stück zu einer runden Sache abschließt – egal ob bei 50 oder 150 Sekunden Länge.

 WBB: Very strong lyrics (probably my favorite on the new record): Born on the bottom / United by our shattered dreams /Tested in these damaged times / Don’t you fucking question me

We all have an imagination of what's meant with this lyrics / song, but I'd like to hear what drove or motivated you writing the lyrics of OUTSIDE THE LIES?

SV: During the pandemic and the death of George Floyd I saw everyone I know be tested and made to show who they are.  In these trying times and through all the anger and uncertainty these lyrics came out to say to myself that I will have to decide for myself who I am and what I stand for.

Ähnlich nur ganz anders (Jo, isso) als ich das bei meiner Rezension zu Iron Maidens Senjutsu Album im letzten Jahr schrieb (hier nachzulesen): jeder Song muss je nach Band und Stil den Rahmen bekommen, der nötig ist, um die Geschichte und die beabsichtigten Emotionen zu vermitteln und das geht nicht immer in gewöhnlichen dreieinhalb radioverträglichen Minuten und gewohnten 4/4 Strophe-Chorus-Strophe-Chorus Strukturen.

Das gelingt Terror hervorragend und somit bin ich völlig zufrieden und komme zum Abschluss mit einem genialen Life-Hack: Sind Alben nur 20 Minuten lang, muss man sie einfach drei mal hintereinander hören und schon ist eine Stunde rum. Verrückt oder?!

Ich bin mir allerdings total unsicher, wie ich diese Platte jetzt bewerte, denn wie ihr merkt, feiere ich das (je nach Zählweise) 9. Studioalbum der Amerikaner ziemlich ab. Mein um Objektivität bemühtes Kritiker-Ich denkt aber auch, dass es sich ja „nur“ um Hardcore handelt und hier ja keine handwerklich perfekte Musik-Kunst serviert wird… Aber scheiß drauf: Weil ich wirklich jeden Song geil finde und diese Platte schon etwa hundert mal gehört habe und meine Freude immer weiter daran wächst und ich jetzt wieder weiß, welche Art von Hardcore ich am meisten mag, ist diese Platte unter vielen guten Veröffentlichungen in diesem Jahr bisher mein persönliches Highlight. Ich gebe hier jetzt völlig subjektive und Hardcore-verliebte 9 von 10 Wellenbrecher! Aber so ist das, wenn eine alte Liebe völlig unerwartet wieder zum Leben erweckt wird.

*Pünktlich zum Release wurden erste Tour-Daten für Europa angekündigt:

Bildquelle: Instagram Terror