Broilers – Puro Amor (2021)

Ich habe lange gewartet, einen Text zu diesem Album zu verfassen. Ein ganzes Jahr – Warum? Ich war nach dem ersten Hören ziemlich enttäuscht von der Platte. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches. Je höher die Vorfreude, desto größer kann die Ernüchterung sein, wenn endlich eine neue Platte einer Band rotiert, die man lange erwartet hat und die man direkt nach der Ankündigung vorbestellte.

Sehr häufig muss man sich erstmal auf dem neuen Werk zurechtfinden. Mir gefällt das mittlerweile, weil es auch bedeutet, dass die Band eine Entwicklung durchläuft, dass sie nicht versucht ein ggf. erfolgreiches Vorgänger-Album zu kopieren, sondern für ihr neues Werk unter Umständen auch einige Änderungen vornimmt, dass sie neue Einflüsse einwirken lässt oder sogar einen ganz neuen Stil wählt.

Ein Stilbruch ist das neue Broilers-Album sicher nicht, aber es klingt in meinen Ohren schon anders als die Vorgänger bzw. setzt den Entwicklungstrend der letzten Platten fort. Und hier liegt der Grund, warum ich so lange mit dem Schreiben des Textes gewartet habe, ich habe mich bis jetzt nicht auf der neuen Platte der Düsseldorfer zurechtgefunden, ich finde einige Stücke oder Teile der Songs immer noch richtig grausam. Ich hatte einfach Angst, dass ich in meiner persönlichen Enttäuschung bei einer Rezension über diese Platte der Band und ihrer Absicht nicht gerecht werde. Ich habe mich dann erstmal ein wenig umgesehen und doch eine Menge sehr positive Statements und Rezensionen in (Online-) Magazinen gelesen bzw. in Podcasts oder Radioshows gehört und so fange ich auch mit zwei positiven Teilen an: erstens sind Cover und Artwork für mich eine glatte 1, zweitens sind Die Texte Sammy Amaras nach wie vor sehr gelungen. Ich mag es, dass die Broilers-Lieder sich erstens mit relevanten Themen beschäftigen, zweitens ein klares Statement enthalten und drittens trotzdem textlich nicht plump daherkommen, sondern weit überwiegend dazu animieren – teilweise dazu zwingen – zwischen den Zeilen zu lesen. Das hat mir beim vorab veröffentlichten Gib das Schiff nicht auf (siehe unten) bereits wieder gefallen und zeigt sich z. B. bei Dachbodenepisoden, Alles wird wieder OK oder Alice & Sarah sehr deutlich. Wenngleich es so ist, dass ich dabei inhaltlich gar nicht alle Aussagen der Songs teilen kann, das ist vor allem bei Diktatur der Lerchen und Nicht alles endet irgendwann der Fall.

Was mich insgesamt allerdings stört sind die Songstrukturen und die grundsätzliche Abmischung, die technisch zwar einwandfrei ist, aber offensichtlich mit der Prämisse, den Broilers etwas Härte zu nehmen, erfolgte. So denke ich, dass die gleichen Songs mit etwas weniger Kalkül und Akribie dafür mit mehr Instinkt musikalisch viel direkter, lauter und authentischer wären. Mir wirken viele Teile viel zu durchgeplant und sehr stark nachträglich aufgehübscht.

Auch die Ironie einiger musikalischer Passagen hat mich überhaupt nicht bekommen. Das betrifft das calypsomäßig mit Xylophonsounds angetüderte Lied Trink Mich Doch Schön und auch die in meinen Ohren billige und völlig unpassende Keyboardklimperei im Hintergrund bei An Allen Anderen Tagen Nicht.

Das Gesamtpaket klingt für mich nach dem Versuch, durch weniger harte Musik und mit auf Teufel komm raus aufs Mitsingen hingebogenen Refrains ein noch breiteres Publikum zu bedienen. Ich rege mich jetzt fast ein Jahr nach dem Erscheinen bei einigen Liedern immer noch über die zum Teil mit Schlagerschablone gezeichneten Pop-Rock-Songs wie Da Bricht Das Herz auf. An keiner nennenswerten Stelle wird hier auch nur ansatzweise über den Rand gemalt. Puro Amor bleibt für mich eine vertane Chance, die in der Bewertung dennoch nicht komplett durchrasselt, weil ich die Texte mag und sich am Ende dreieinhalb gute Songs finden lassen. Und weil ich die Band natürlich immer noch mag. Ja gut, dann hat mich die Platte halt nicht überzeugen können. Für den Einfluss auf junge und alte Menschen brauchen wir die klar platzierten Broilers auch weiterhin auf Festivals und in der Öffentlichkeit. Und wenn der Plan am Ende war, durch die unverfänglichere Musik mehr Radiozeit zu bekommen und damit mehr Leute mit den Statements zu erreichen, dann kann ich dem ganzen am Ende noch etwas Gutes abgewinnen. Und möchte somit dann schließen mit einem gelungenen Lied der Platte, die von mir trotzdem leider nur vier von zehn Wellenbrechern bekommt.

Terror – Pain into Power (2022)

von Felix

In diesem Now Playing wurden Teile unseres Interviews (WBB) mit Terror-Vocalist Scott Vogel (SV) integriert. Wir belassen die Fragen und die Statements zum Album, zur Szene und der Welt drumherum im Original, da eine Übersetzung den Antworten die Dynamik raubt. Viel Spaß! Thanks for taking your time Scott Vogel! We’re looking forward to seeing Terror live in June.

Ich bin vielen Musikgenres zugeneigt. Dabei gibt es Wellen und Phasen, in denen man den einen oder anderen Stil bevorzugt hört. Hardcore und hier insbesondere der U.S. Hardcore brandete seit meiner Jugend immer wieder auf. Jetzt (am 06. Mai 2022) veröffentlichen Terror ihr neues Album Pain into Power bei End Hits Records. Reden wir nicht groß drum herum: Mit dem neuen Album bügeln Terror im Schnelldurchlauf alles platt, was sich in den letzten Jahren anschickte, einen Platz auf dem Hardcore-Thron zu ergattern.

Ja, zwanzig Minuten sind für das erste Studioalbum seit vier Jahren eine überschaubare Länge und ich persönlich hätte auch drei bis vier weitere neue Songs auf der Platte vertragen, aber andererseits ist nach diesen zwanzig Minuten auch einfach mal alles gesagt. Ich habe direkt nach dem ersten Hören gedacht, dass die Länge tatsächlich ausreicht und musste feststellen, dass genau hier drin eine der Stärken der neuen Scheibe liegt: Die Songauswahl und die jeweilige Kürze geben dem Album eine Dynamik, die mein Hardcore-Herz schneller schlagen und die Vorfreude auf Vollkontakt-Engtanz-Feten im Sommer wachsen lässt.

WBB: The Songs are (very) short, but sound quite self-contained. However, were there any discussions / plans to expand them to a more popular length?

SV: Nope. The discuss was to keep them short. Brutal. As hard hitting as possible and for the songs And record to never let up.  At all 110 percent start to finish. Thinking about a “ popular length “ was the furthest thing from out mind to be honest

WBB: The covid-19 situation is slightly relaxing, will there be any more Tour-Dates for Europe in 2022 / 2023?

SV: Yes there fucking will be!!!!* [siehe unten!]

Nimmt man zum Beispiel direkt den titelgebenden Opener Pain into Power, dann kann man exemplarisch festmachen, wofür das ganze Album steht. Selbst bei Songs unter einer Minute sind durchaus Variationen von Tempo und Takt integriert, der Gesang und die Texte werden so unmissverständlich von Scott Vogel herausgebrüllt, dass am Ende eines jeden Titels einfach keine Fragen offen bleiben. Der „Gesang“ gefällt mir insgesamt sehr gut und damit meine ich sowohl den Vortrag wie auch die Abmischung. Kritiker von Hardcore-Musik betonen häufiger, dass sie die Mucke an sich ganz geil finden, aber bei dem „Gebrülle“ nichts vom Text verstehen. Das ist natürlich auch bei nicht wenigen Hardcore-Bands (zumindest teilweise) zutreffend, bei diesem Album kann man die Lyrics aber hervorragend mithören. Und in meinen Augen lohnt es sich auf dieser Platte mal wieder so richtig, den Worten Gehör zu schenken.

WBB: In an interview from 2018 you said, it's not hard to find new topics to write lyrics about, it's more hard to find a fresh way to say something / finding fresh terms. Can you tell us something about the process of writing the lyrics for your new record? Was there any struggling finding new terms? Cause for me, the topics aren't new for sure, but it all sounds very fresh and very pure.

SV: I think the times we are all living in and the fucking nightmare the world has become has definitely given me reason to write and to be interceptive. So much is going on in this world and the way it separates and eats people alive is devastating and nothing like I’ve never seen before. Adding the brutal music we wrote was a great recipe for true aggressive hardcore.

WBB: For me Hardcore always stands for the most genuine type of respect. You don't judge people because of their outward appearance, you show respect and you get respect. Still a lot of people are afraid of Hardcore- Music / -artists / -fans or at least misunderstand it / them. Is it possible to live a hardcore attitude without being a real fan of this music?

SV: Hmm. That’s interesting.  I guess it could be. Maybe there are people that would not connect with the music and speed and all out aggressiveness of the music but would love the lyrics and thought process and could read zines and learn all about the hardcore mindset and become part of that while still not loving the music.

WBB: Dylan Slocum (vocalist of Spanish Love Songs) once said during a concert that living in L.A. has nothing to do with the bright and shiny movie version of this city. Everybody's struggling for or worried about money. As one who lived in NY and in LA - is there a difference in the city-society? and do you have to be (or at least had to be) part of this society / (sub-)culture to do true hardcore music? Or is it also possible for young people from the suburbs or the rural area to create a real hardcore sound?

SV:I grew up in a smaller city ( buffalo ny ) and lived way outside the city till I became a teenager. So yes it’s very possible. I lived in Los Angeles for 20 years but recently moved back to Buffalo. I like the small city and not being so trapped in life and all it human insanity.

WBB: What has changed in the scene during the last years / decades? Or what's left from the spirit of the late 1980s / early 1990s?

SV: Hardcore will always have the foundation and spirit from the seeds it grew from.  There will always be people holding on to the traditions kept and respecting  the roots but it has to grow and expand and change and ebb and flow. Just like all of us And everything in the world. For better or for worse the changes come and there is just no way to stop that. The internet and social media was the huge turning point for hc just like it affected all things and again it’s wonderful and terrible at the same time.

Neben klassischen Way of Life-Songs befinden sich auch wieder Texte aus dem Bereich Gesellschaft und Politik unter den zehn Songs. Diese schaffen es anzuklagen, zu schimpfen, zu kritisieren und Fassungslosigkeit über gesellschaftliche Begebenheiten auszudrücken, ohne dass sie dabei zu sehr das Klischee des hilflosen Unterdrückten versprühen, sondern ganz im Sinne des U.S.-amerikanischen old-school-Hardcores ein (ver)zweifelndes, aber kämpferisches Selbstbewusstsein zu verkörpern.

Bestes Beispiel und einer meiner Lieblingssongs auf Pain into Power ist On The Verge of Violence:

Racial tension at an all time high. / Have we learned nothing in these desperate times. / We hate each other – cause we hate ourselves. / So much blood, on our hands,In this man made hell.[…] / Violence -destroying humanity / Violence -it’s taken our sanity / Violence -watch the youth disappear / this is reality- face your fears

WBB: Reading News here in Germany you get the impression, that the society in the US was continuously separated during the last years. Poor people with three or four jobs still have to fear for their existence, super rich people and lobbying keeps holding them down, racism, unjust laws and politics and a deadlocked Democracy that seems like it hasn't developed since decades. Is this a correct image of american society or is it over exaggerated? And if yes - why isn't everybody listening Hardcore Music or living the way? Are there still too many people, who just don't care - who just don't give a fuck as long as they are getting along?

SV: These are my favorite lyrics on the record and I think they are important. I saw people I love choosing opposite side and fully being torn apart by all the things you saw. So many times, I myself was unsure and feeling hopeless and fearing the unknowing. I think we all know the gov is not trying to save us all And doesn’t have our best interest at heart in so many ways. I tried to navigate the best I knew how and focus on finding some hope in such a fucked up time. Hardcore isn’t for everyone but I’m very grateful I found it and never let go. Music has to be your hope and the scene has to be your bridge to the hope.  Lyrics have to make you think and explore and feel. And the scene has to take you in and protect you and teach you and show you some sort of light and reason to believe in life and humanity.

Das auch die kürzesten Songs eine runde Sache sind, zeigt Outside The Lies. Mit 44 Sekunden der kürzeste Track. Mir fällt das beim Hören kaum auf, da ich auf dieser Platte wirklich beeindruckt bin, wie Terror es geschafft haben, jedem Text eine musikalische Struktur im Rahmen des Repertoires einer glasklaren Hardcore-Band zu geben, die jedes einzelne Stück zu einer runden Sache abschließt – egal ob bei 50 oder 150 Sekunden Länge.

 WBB: Very strong lyrics (probably my favorite on the new record): Born on the bottom / United by our shattered dreams /Tested in these damaged times / Don’t you fucking question me

We all have an imagination of what's meant with this lyrics / song, but I'd like to hear what drove or motivated you writing the lyrics of OUTSIDE THE LIES?

SV: During the pandemic and the death of George Floyd I saw everyone I know be tested and made to show who they are.  In these trying times and through all the anger and uncertainty these lyrics came out to say to myself that I will have to decide for myself who I am and what I stand for.

Ähnlich nur ganz anders (Jo, isso) als ich das bei meiner Rezension zu Iron Maidens Senjutsu Album im letzten Jahr schrieb (hier nachzulesen): jeder Song muss je nach Band und Stil den Rahmen bekommen, der nötig ist, um die Geschichte und die beabsichtigten Emotionen zu vermitteln und das geht nicht immer in gewöhnlichen dreieinhalb radioverträglichen Minuten und gewohnten 4/4 Strophe-Chorus-Strophe-Chorus Strukturen.

Das gelingt Terror hervorragend und somit bin ich völlig zufrieden und komme zum Abschluss mit einem genialen Life-Hack: Sind Alben nur 20 Minuten lang, muss man sie einfach drei mal hintereinander hören und schon ist eine Stunde rum. Verrückt oder?!

Ich bin mir allerdings total unsicher, wie ich diese Platte jetzt bewerte, denn wie ihr merkt, feiere ich das (je nach Zählweise) 9. Studioalbum der Amerikaner ziemlich ab. Mein um Objektivität bemühtes Kritiker-Ich denkt aber auch, dass es sich ja „nur“ um Hardcore handelt und hier ja keine handwerklich perfekte Musik-Kunst serviert wird… Aber scheiß drauf: Weil ich wirklich jeden Song geil finde und diese Platte schon etwa hundert mal gehört habe und meine Freude immer weiter daran wächst und ich jetzt wieder weiß, welche Art von Hardcore ich am meisten mag, ist diese Platte unter vielen guten Veröffentlichungen in diesem Jahr bisher mein persönliches Highlight. Ich gebe hier jetzt völlig subjektive und Hardcore-verliebte 9 von 10 Wellenbrecher! Aber so ist das, wenn eine alte Liebe völlig unerwartet wieder zum Leben erweckt wird.

*Pünktlich zum Release wurden erste Tour-Daten für Europa angekündigt:

Bildquelle: Instagram Terror

Cancer Bats – Psychic Jailbreak (2022)

von Felix

Nach 4 Jahren melden sich die sympathischen Kanadier mit einem neuen Album zurück. Vorab gab es bereits einige Singles und Videos, die wie im Falle von Lonely Bong mit einer recht ordentlichen Prise Selbstironie / Humor gedreht wurden. Wie auch bei uns im Podcast schon das eine oder andere mal thematisiert, wird auch hier das Alter der Bandmitglieder aufgegriffen und anhand der Frage, inwieweit Bands vom Format der Cancer Bats versuchen müssen, neue Wege zu gehen, um auch jüngere Menschen verstärkt anzusprechen, spaßig verarbeitet.

Dabei steht die Band keineswegs für altbackene Rockmusik, sondern präsentiert sich auf dem Album zwar durchaus gewohnt im Klang, aber modern im Sound.

Die elf Tracks sind eine angenehm reduzierte, gut arrangierte Auswahl an schnelleren Hardcore- / Alternative-Brettern mit sehr vereinzelten etwas ruhigeren, melodiöseren Parts.

Schon beim Opener Radiate geht es ordentlich nach vorne: Bass und Gitarre voll Distortion in den Strophen, ein einfacher Chorus zum Springen und Mitsingen, Bridges und Soli sorgen für leichte Tempowechsel und der Gesang Liam Corniers auf Anschlag – Das macht direkt Bock auf mehr!

Und es geht auch direkt weiter mit The Hoof, einem Song bei dem sich im Intro der Pit in meinen Gedanken beginnt im Kreis zu bewegen, um dann mit Beginn der ersten Strophe zu explodieren. Auch hier fällt mir auf, dass auf diesem Album die Bässe unglaublich fett wirken und das kann man insgesamt festhalten, hier liegt eine wirklich starke Produktion vor, die in einigen Passagen durch den Bass (Jaye Schwarzer) und die Bass Drum von Mike Peters für einen drückenden Sound sorgt. Wenngleich ich gerade dazu durchaus schon andere Meinungen vernommen habe, die vor allem das Fehlen des ehemaligen Gitarristen Scott Middleton heraushören. Das Gründungsmitglied hatte zweifelsohne großen Einfluss auf den Sound der Vorgänger, aber ich kann für mich feststellen, dass die neue Platte erfreulicherweise auch ohne Scott richtig gut funktioniert. Mir gefällt der Sound auf Psychic Jailbreak wirklich gut.

Aber zurück zu The Hoof: My life was saved by a Skateboard! Die Texte kommen also – wie oben bereits schon mal erwähnt – auch weiter mit einem ironisch-nostalgischen Humor herüber, der aber eben ohne einen ernsten Background wirkungslos bleibt und genau den integriert Liam Cornier beim Songwriting sehr bewusst. In einem Beitrag des Kerrang-Magazins (also hier!) kann man seine direkten, kurzen Statements zu jedem einzelnen Stück der Platte nachlesen.

Das Tempo bleibt ziemlich hoch und hat damit bei mir gerade voll den Nerv getroffen. Kann sein, dass es am eintretenden Frühling liegt und den zunehmenden Öffnungen und Möglichkeiten im Freizeitbereich, ich verspüre gerade jedenfalls eine Menge Bock und dieser Umstand lässt sich durch die zum Teil echt krachenden Stücke des neuen Albums aber mal so richtig anfeuern: Nur ein weiteres Beispiel sei hier der Song Friday Night, in dem es zwar textlich etwas ernster zur Sache geht, der aber der treibenden Eröffnung der Platte in Nichts nachsteht. Der Eindruck soll auch nicht entstehen, Cancer Bats sind bei aller Ironie keine Suppenkasper. Sie haben etwas zu sagen und das transportieren sie auch deutlich. Diese Mischung aus ernsteren und etwas sarkastischen Textpassagen haben die drei hier insgesamt gut angerührt, bei Friday Night ist es am deutlichsten zu spüren. Der Titel des Songs ist einfach entstanden, weil der Bassist diesen an einem einizgen Freitagabend komplett komponierte und hat überhaupt gar nichts mit einem TGIF-Feiersong zu tun.

Aber wie sieht es mit den zumindest etwas ruhigeren oder langsameren Titeln aus? So eine richtig klassische, radiotaugliche Ballade findet sich so schnell gar nicht. Hammering On ist vom Tempo her ein wenig reduziert, behält sich aber auch härtere Parts vor. Der Gesang wird hier passend durch die Sängerin Brooklyn Doran ergänzt. Da würde mich wirklich interessieren, wie es zu der Zusammenarbeit kam, denn Brooklyn Doran ist eine klassische, wenngleich anspruchsvolle Songwriterin, die ich aber – außer der Tatsache, dass sie auch aus Kanada stammt – niemals mit den Cancer Bats in Verbindung gebracht hätte. Aber die Überraschung ist durchaus gelungen. Eigentlich war es das dann aber auch schon mit ruhigeren Songs. Die übrigen Stücke gehen zwar nicht alle so direkt nach vorne (zumindest nicht durchgehend), bringen aber ebenfalls klar zum Ausdruck: Cancer Bats haben Bock zu rocken! Gute Beispiele sind dafür auch die Songs Pressure Mind und Rollin Threes. Bei Pressure Mind gibt es etwas weniger Tempo in den Strophen und Instrumental-Parts, dafür dann im Refrain wieder Gelegenheit zum raumgreifenden Ausdruckstanz, Rollin Threes gefällt mir vom Songkonstrukt her ausgesprochen gut, da er eher eine Geschichte erzählt und so mit längeren Strophen und kurzen Chorusphasen für Abwechslung sorgt.

Ich neige im Podcast ja dazu, Bands bzw. Alben in alltagstaugliche Kategorien zu stecken, bei Psychic Jailbreak fällt mir das etwas schwerer, denn wie gesagt, trifft das Album gerade absolut meinen Geschmack. Deshalb lief es bei mir auch bereits zu vielen Gelegenheiten: beim Putzen, beim Arbeiten, beim Duschen, beim Joggen und beim bewussten Konsumieren im Ohrensessel.

Es kann gut sein, dass ich in anderen Lebensphasen noch stärker bemängelt hätte, dass mir das Album zu wenig Kontraste bietet und der Gesang über die Länge des gesamten Albums zu gleichförmig ist, in meiner aktuellen Verfassung bleiben so aber starke 7,5 von 10 Wellenbrecher. Plattenkritiken sind also nicht einfach nur subjektiv sondern unterliegen auch noch intraindividuellen Schwankungen – und auf meiner aktuellen Schwankung skaten die Cancer Bats stabil in meine Playlists – kannst machen nix…

Oxo 86 – Dabei Sein Ist Alles (2022)

von Felix

Vor Kurzem verfasste ich eine Rezension zu dem neuen Sondaschule Album Unbesiegbar (hier nachlesen). In der Rezension erwähnte ich bereits, dass ich durch die Neuerscheinung der Sondaschule und durch ein weiteres Album wieder etwas zum Ska-Punk zurückfand. Das zweite Album, auf welches ich mich da bezog, ist eben die neue Platte der Dauerbrenner von Oxo 86.

Nach fast vier Jahren bringen die Bernauer / Berliner mit ihrer neuen Platte 13 neue Songs unter die Musikmenschen, die den Weg der bisherigen Oxo – Veröffentlichungen recht konsequent fortsetzen. Das heißt, auch hier gibt es die gewohnte Mischung aus Ska und Punk, wobei man nach wie vor eher ein entweder / oder vorfindet – also zumeist klar getrennte Ska Parts überwiegend ohne verzerrte Gitarren, aber mit Trompete. Oder schnellere punkrockigere Parts ohne Bläser.

Doch jetzt mal zu den wichtigsten Dingen: Die immer schon charakteristische Stimme von King Willi – Wilfried Köhn passt mit den Jahren immer besser zur Musik. Wieder ein Stück rauer, wieder etwas kehliger – manchmal klingt sie sogar so, als ob es für ihn sehr anstrengend sein müsste, in dieser Stimme ein ganzes Konzert durchzuhalten. Ich hoffe, dass es nur so klingt, ich finde das unglaublich geil. Diese Stimme ist eine unverkennbare Visitenkarte und die Texte werden durch sie nochmal doppelt unterstrichen. Denn auch auf diesem Album findet man eine handvoll Themen, die behandelt werden. Der Fokus jedoch bleibt auf einem Anklagen sozialer Verhältnisse und dazu auf Berichten aus dem Leben aus verschiedenen Perspektiven.

Legen Oxo 86 den Finger in die Wunde beim Aufzeigen der Kehrseiten des bürgerlichen Lebens, dann klingen sie so authentisch, wie es viele andere Bands gerne wären. Die Tracks Nimm Mich Mit und Irgendwann sind hervorragende Beispiele dafür:

Die weiteren Texte weisen ein ebenfalls gewohntes Augenzwinkern auf oder sind direkt humorig verpackt. Der Titel Konsum hat in den letzten Wochen ja wieder an Aktualität gewonnen (Im Konsum gibt es Klopapier – auf die Plätze, fertig, los … ) und beim Streckentest geht es um eine alkoholbedingte Bahn-Odyssee durch die City. Da dürfte jeder so seine Anekdoten zu beisteuern können.

Kommen wir zu meinen Highlights, die mir neben durchweg soliden Titeln vom ersten Hören an im Kopf blieben und die seit Erscheinen der Platte Dauerbrenner in meinen Playlists sind. Bemerkenswert: Ausgerechnet die Akustikballade Kein Thema Mehr eroberte meine Gunst im Handumdrehen, weil auch dort einfach diese Stimme so gnadenlos gut eingesetzt wird, um den Umgang mit Liebeskummer, um den es in diesem Text geht, nachvollziehbar werden zu lassen. Es hat bei mir nur eine Zeile gedauert und ich war voll im Lied (Inge, komm, mach‘ mir noch ein‘ – vielleicht tut’s dann nicht mehr weh):

Um an meine Eröffnung anzuknüpfen: Ich habe vor allem einen Titel sehr ins Herz geschlossen, nämlich den Opener Manchmal. Für mich ist dieser Track musikalisch der beste Titel auf der Platte und hat einen Text zu bieten, der wunderbar die Ambivalenz von guten und miesen Zeiten zusammenfasst. Bei allen Höhen und Tiefen, die einem persönlich so widerfahren können, bleibt letztlich nichts anderes übrig, als achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen manchmal ist es so im Leben.

Vielleicht muss man noch erwähnen, dass auch wieder biertaugliche Mitgröl-Songs im Gepäck sind, die vermutlich auch auf Konzerten zurecht ihren Platz bekommen. Hier wären insbesondere Heute Nacht und Doswidanja zu nennen.

Insgesamt muss ich bei meiner abschließenden Bewertung ergänzen, dass sich hier wieder mal zeigt: Musik muss nicht immer hochklassig gespielt und gesungen werden, um im Gedächtnis zu bleiben. Die neue Platte von Oxo 86 hat einfach voll meinen Nerv getroffen und bekommt dadurch am Ende äußerst starke 8 von 10 Wellenbrecher.

Im Hoffen auf zukünftig weniger Ups & Downs und mehr geile Zeiten mit Rückenwind als harte Zeiten mit Gegenwind kommt hier also zum Abschluss das aus meiner Sicht beste Stück einer ohnehin guten Platte:

ZSK im Schlachthof, Bremen, 25.03.2022

Support: Blaufuchs

großartiges Bild von moin.manon via ZSK Instagram

Corona wird uns alle noch lange begleiten. Umso wichtiger also, dass man wieder Möglichkeiten und Räume schafft, in denen Clubs, Kneipen, Theater – einfach alle Kulturschaffenden – wieder Programme stattfinden lassen können.

Hygienekonzepte und Statusüberprüfungen am Einlass werden in nächster Zeit zum Alltag gehören. Das heißt also auch, dass wir uns künftig am Einlass häufiger ans Schlangestehen gewöhnen müssen, also denkt dran, euch zum Wegbier noch ein Schlangenbier einzupacken, wenn ihr künftig zu Konzerten aufbrecht.

Ich nutze das jetzt direkt mal, um der gesamten Schlachthof-Crew ein großes Lob auszusprechen, denn eigentlich verlief am vergangenen Freitag schon ziemlich viel bereits wieder ziemlich gut. Euer Team hat immer eine sehr angenehme und trotzdem verbindliche Art – da könnten sich manch andere Teams gerne etwas abgucken!

Beim ZSK Konzert war leider auch deutlich zu spüren, dass sich viele noch unsicher sind, oder sich bei dem Gedanken in einer größeren Menschenmenge in einem geschlossenen Raum zu sein, unwohl fühlen und die Kesselhalle so leider nur zu etwa einem Drittel gefüllt war. Da hat einfach jeder Mensch aktuell noch sein eigenes Tempo.

Außerdem werden wir wohl auch noch eine Zeit lang mit weiteren Absagen rechnen müssen. So wie an diesem Abend leider mit der Absage von Smile and Burn, die aufgrund positiver Tests absagen mussten, was ich persönlich sehr bedauerlich fand, weil ich sie sehr gerne live erlebt hätte. Aber gut, es wird sicher nicht die letzte Gelegenheit gewesen sein.

Jetzt aber endlich zum Abend: Eröffnet haben den Abend Blaufuchs mit einer Mischung aus Emo und Pop-Punk. Das war ein ordentlicher Einstieg und der Wellenbrecherbereich behält euch auch im Auge. Als Support-Act hat man ja häufig keinen sehr leichten Stand, da man weiß, die weit überwiegende Mehrheit ist wegen einer anderen Band gekommen, trotzdem würde ich dem Sänger Johannes etwas Mut zusprechen: Es ist nicht nötig, sich selbst auf der Bühne so klein zu reden, auch wenn die eigenen Songs nicht straighten Punkrock bieten, sondern gelegentlich etwas ruhiger oder poppiger daherkommen. Am 20. Mai erscheint Blaufuchs‘ Album Daran Wird Es Nicht Scheitern und das darf man auch vor ZSK-Publikum mit breiter Brust repräsentieren. Als Vorgeschmack kann man schon Songs wie Scheitern oder das textlich sehr starke Mauern antesten. Von der EP Ein Teil Von Uns sind mir die Titel Bilder und Paris im Programm besonders aufgefallen – Blaufuchs hat zumindest schon mal Bewegung ins Publikum gebracht.

Dann legten nach einer kurzen Pause ZSK los. Lichter aus, Intro an und ich gebe zu, nach drei Jahren ohne Konzert, war ich doch etwas aufgeregt. Dann Kopfsprung in die Eröffnung: Alles Steht Still, Die Kids Sind Okay, Punkverrat! Was für ein geiler Start – danach waren spätestens alle wach und voll dabei. Zumindest vor der Bühne sah es auch aus wie immer, die Ränge waren, wie oben bereits geschrieben, leider recht leer, doch die Band hat es vorbildlich in den Hintergrund gespielt. ZSK waren gut aufgelegt und haben sympathisch und humorvoll durch den Abend geführt. Gelegentliche Animationen, ein wenig Interaktion mit Menschen aus dem Publikum („Er hat ein Tattoo auf dem Rücken!“). So kann man sagen, dass es ein insgesamt sehr kurzweiliger Konzertbesuch war. Ich persönlich habe auch keinen speziellen Titel vermisst. Logischerweise ist Alerta ZSKs Bett im Kornfeld und kam natürlich auch als abschließende Zugabe – Haltung zum Mitgrölen – geht immer. Etwas schade fand ich, dass das Anstimmen der Alerta-Rufe von Publikumsseite sich durch den ganzen Abend zogen, was ausgerechnet bei Joshis erklärender Ankündigung zum sehr persönlichen Song Stuttgart doch ziemlich deplatziert wirkte. Für mich ein weiteres Highlight des Abends. Genauso wie der im Ska-Rhythmus gespielte Titel Machs Gut und die ebenfalls sehr zum Mitsingen einladenden Stücke Alle Meine Freunde und Unser Herz, die dann wieder viel Bewegung in die Bude brachten.

Es war sehr schön, mal wieder so richtig Livemusik zu erleben und nicht nur sitzend mit Abstand oder gar nur am heimischen Bildschirm via Stream zu konsumieren. ZSK und Blaufuchs hätte ich eine vollere Bude gegönnt und trotzdem bin ich an dem Freitagabend sehr zufrieden nach Hause gegangen (also erst noch auf ein Entspannungsbier in die Kneipe – aber das tut nix zur Sache)

Am Ende noch ein kleiner Hinweis: Die geschätzten Kollegen von Away From Life haben hier das sehr erwähnenswerte Projekt Protest Sounds des Blaufuchs-Sängers Johannes einmal vorgestellt. Auf jeden Fall reinklicken!