Smile and Burn – Besser sein als jetzt (2022)

Von Felix

Ich muss zugeben, dass Smile and Burn viele Jahre recht spurlos an mir vorbeigegangen sind. Ich weiß aber gar nicht so genau warum, die Band trifft durchaus meinen Nerv. Ich bin tatsächlich (zu)erst durch das Stück Zubetoniert vom 2020er Album Morgen Anders so richtig auf die Band aufmerksam geworden. So freute ich mich dann auf das neue Album Besser sein als jetzt, was letztlich Mitte Mai 2022 nach zwei Vorab-Veröffentlichungen erschien. Übrigens auch in einer sehr hübschen 10“ Vinyl-Variante. Immerhin beugt das einem „die alten Sachen fand ich besser“ vor.

Die Platte startet mit Egal was gestern war: Das ist gleich ein energiegeladener Opener, der klar die Richtung dieser Platte vorgibt. Smile and Burn sind auf ihrem sechsten Studioalbum so, wie sie musikalisch eh am besten sind: aufgedreht, temporeich, manchmal wütend und fast durchgehend bei einer sehr angenehmen Härte, die auf schweißtreibende Konzerte hoffen lässt. Leider musste der Support-Auftritt für ZSK bedingt durch Corona gecancelt werden, also müssen wir bei Smile and Burn auf die nächste Live-Gelegenheit warten.

Aber zurück zu Titel 1, denn hier gibt es richtig guten modernen Punk. Dafür braucht es bekanntermaßen ja nicht viel, aber auch das muss eben gut sein, damit es auch richtig bumst. Schneller Schlagzeugtakt, schraddelige Gitarren, einfache Melodie, ein anklagender Text, aber alles so abgemischt, dass auch bei diesem Tempo durchaus harmonisch klingt und seine Wirkung nicht verfehlt. Zu viele Punk und Post-Punk-Bands verloren sich zuletzt in zunehmend ruhigen bis melancholischen Tönen und populären oder hart philosophischen Textkompositionen. Daher ist es schön direkt vom Start weg zu hören, dass Smile and Burn hier einen anderen Weg einschlagen.

Dem ersten Song folgt direkt das vorab veröffentlichte In vielen Farben. Schon bei dieser Veröffentlichung hatte ich gehofft, dass der Rest des Albums ähnlich laufen würde und ich wurde absolut nicht enttäuscht.

Die Platte geht durchweg diesen Weg, auch wenn mit Dieses Stück Hoffnung oder auch dem Song Scheißsystem zumindest mal phasenweise etwas ruhigere Töne angeschlagen werden.

Bei mir persönlich wecken diese Passagen in manchen Teilen in Bezug auf Gitarre und Gesang Assoziationen zu den Goldenen Zitronen. Das meine ich selbstverständlich als Kompliment und erklärt auch meine Freude an dieser Platte. Die Zitronen waren zwar musikalisch nie so hart, aber sie standen immer für kluge, ironische Texte, die auch gerne die eigene Szene und die eigene Rolle mit im Blick behielten.

Lieblingstracks auf dieser Platte sind ganz klar die aufeinander folgenden Titel Mensch, das Koks sieht klasse aus und Krätze. Erster ist eine Art Punkrock Coming-of-Age Stück. Kein Thema, das nicht auch schon von anderen Bands gesungen wurde, aber der ironisch-sarkastische Ton des Textes von Sänger Philipp Müller trifft voll meinen Geschmack – früher war ich Punk, jetzt Unternehmensberater – Eine Minute und fünfundfünfzig Sekunden pure Freude.

Das noch zehn Sekunden kürzere Krätze steht hier in nichts nach, wenngleich der Text sich hier eher um lästige Proteste besorgter Bürger dreht. Musikalisch geht es hier zu sogar noch etwas kompromissloser zur Sache. Einfach herrlich.

Hier passt also sehr viel, um mich zufrieden zu stellen. Kommen wir jetzt also noch zu Schwächen: Ein paar Stücken im letzten Drittel der Platte fehlt ein wenig der Biss und sie sind für mich Bierhol-Songs, die ich eher nebenher laufen lasse. Meine besten Ideen und Wir haben Reden gehalten sind keine schlechten Lieder, fallen aber etwas ab, wobei die Texte auch hier hörenswert bleiben.

Den Abschluss bildet dann das textlich herausragend überflüssige Computer spielen. Ein Song, der ebenfalls bereits veröffentlicht wurde. Wer es nicht kennt, sollte sich die komplette Playlist dazu geben, der gleiche Song in sechs absolut hörenswerten Interpretationen verschiedener befreundeter Bands und Interpreten.

Was bleibt also abschließend festzuhalten: Ich höre dieses Album in weiten Teilen sehr gerne und freue mich über dieses geradlinige und authentische Album, dafür sahnen Smile and Burn hier 7 von 10 Wellenbrecher ab.

Porcupine Tree – Closure/Continuation (2022)

von Alex

Wenn ich in der Vergangenheit die britischen Progrock-Pioniere Porcupine Tree gehört habe, wurde ich binnen Minuten an die Welt der Whiskeys erinnert. Genauer gesagt an die geschmacklichen Unterschiede zwischen einem zarten Einstiegs Single Malt wie Glennfiddich oder Aberfeldy auf der einen Seite und den rauchigen bis torfigen Noten eines Laphroaig oder Ardbeg Uigeadail auf der anderen. Denn vergleicht man einen Aberfeldy mit Bands wie den Foo Fighters, Green Day oder gar Rammstein, die allesamt den Rockgeschmack von unzähligen Menschen punktgenau und spielend leicht treffen, sind Porcupine Tree eher ein Octomore von Bruichladdich – extrem andersartig und wahrlich nicht für jeden Gaumen bzw. für jedes Trommelfell geeignet. Und das meine ich für beide Seiten der Skala überhaupt nicht wertend: Leckere Spirituosen bzw. gute Musik ist alles. Weder das eine, noch das andere ist irgendwie „besser“. Porcupine Tree sind schlicht, wie der Amerikaner so schön sagt, a different kind of animal. Das muss dem Hörer / der Hörerin vorher klar sein.

Nun haben die Engländer knapp 13 Jahre nach dem letzten Album und zwölf Jahre nach ihrer Auflösung überraschend und in Prog-Kreisen viel umjubelt ein neues Album veröffentlicht. Dieses Mal bloß zu dritt: Komponist, Sänger und Gitarrist Steven Wilson, Drummer Gavin Harrison und Keyboarder Richard Barbieri. Bassist Colin Edwin ist nicht dabei. Auf Nachfrage offenbarte er: „Im März 2021 bekam ich eine E-Mail von Steve, in der er mir mitteilte, dass es ein neues Album gibt und da er bereits alle Bassparts eingespielt hatte, gibt es keine Rolle für mich.“ Lassen wir das mal so stehen.

Everybody: „Rock is dead!“ – Steven Wilson: „Hold my beer!”
Das Album beginnt mit der 8-Minuten-Nummer Harridan und diese lässt mich sprachlos zurück. Bereits als Vorab-Single und Appetizer im November 2021 veröffentlicht, ist es, als wären Porcupine Tree nie weg gewesen. So frisch kann Rockmusik heute klingen! Ein sensationell groovendes Bassriff im Up-Tempo ergießt sich ins Nichts, ehe Gavin Harrison sich und sein Instrument als kantigen, aber extrem präzisen Tanzpartner anbietet, akzentuiert durch Barbieris Keys. Die Platte ist erst Sekunden alt und das wilde Kopfnicken zwischen verzweifeltem Taktzählen beginnt. Es folgt Wilsons Stimme, erst im Flüstertüten-Style, später im unnachahmlichen Melodyfinding-Modus. Harridan entwickelt sich zur Audioversion eines atemraubenden Arthouse Krimis – mit Happy End; trotz schließendem Moll-Akkord:

Faszinierend wie nonchalant Wilson und Co. zwischen den musikalischen Welten wandeln – von Depeche Mode-Anleihen in Walk the Plank hin zu treibenden Soundgarden Refrains in Herd Culling -, ohne dabei auch nur ansatzweise die eigene Visitenkarte aus der Hand zu geben:

Und auch in dem neun Minuten Drama Chimeras Wreck – gewissermaßen drei Songs in einem – steckt ganz viel großraumige Detailverliebtheit. Hier wird sich Zeit genommen. Wie eine Blume, die ihre Blüte gen Sonne streckt und öffnet, so entwickelt sich der Song zusehends und der empirische Porcupine Tree Botaniker wird für seine Geduld mehr als belohnt. Nach vier Minuten zieht die Nummer spürbar an, bis schließlich ein schickes Wah Wah Gitarrensolo zum großen Finale wiggelt. Nach 48 Minuten Laufzeit ist dann alles vorbei.

Bonustracks
Alles vorbei? Nicht unbedingt. Denn es gibt – wie inzwischen üblich – nicht nur die Standard Edition des Albums, sondern auch die Deluxe Bonus Edition, die mit drei Songs – und knapp 18 Minuten – mehr aufwartet. Hier sticht vor allem das instrumentale Arrangement Population Three heraus. Das Trio ist hier – wie auf dem gesamten Album – auf natürlichste Weise extrem homogen und spielfreudig. Wilson und Harrison sind die Fliesen, Barbieri der Fugenmörtel.

Wunderbare Lyrics
Allgemein gilt zu konstatieren, dass die Texte – Wilson-typisch – wieder in der Lage sind, Bilder im Kopf zu erzeugen, Geschichten zu erzählen. Und auch heikle Themen anzupacken. Bei der aktuellen Singleauskopplung Rats Return dachte ich zunächst, sie selbst wären die zurückkehrenden Ratten, aber achten wir auf den Text, wird klar, es geht um Politik. Um die Rückkehr der Diktatoren: Namen wie Wladimir Putin, Alexander Lukaschenko, Kim Jong-un, Xi Jinping (oder ihre afrikanischen Pendants) finden alle zwar nicht statt. Dafür aber – wohl als Platzhalter – ein paar „alte Bekannte“: Dschingis Khan, Augusto Pinochet, Mao Tse-tung, Kim Il-sung, die stellvertretend für die neue, unerwähnte Jahrgangsklasse herhalten müssen:

Leave your principles at the door
Spare me
Purge your guilt for the nameless hoards
Thrill me, you clown

Dazu: Heute lebt weniger als die Hälfte der Weltbevölkerung in einer Art Demokratie – und sogar nur 6,4% in einer „vollständigen“ Demokratie (Deutschland zählt nicht dazu!), Tendenz fallend. Über ein Drittel der Erdenbürger lebt inzwischen in einer Diktatur/einem autoritären Regime (Quelle: Economist Intelligence Unit). Deutschland belegt im Demokratieindex “nur“ Platz 15 – zwischen Luxemburg und Südkorea. Ein kleiner Exkurs aus Interesse des Autors, verzeiht.

Zurück zu Arthouse Krimis: Rats Return erinnert musikalisch extrem an einen David Lynch Film: Verstörend, unheimlich, faszinierend. Und das Video unterstreicht diesen Effekt – doppelt:

Was gefällt mir nicht?
Abzüge in der B-Note gibt es von mir, da ich mir die Rückkehr der Progger insgesamt rockiger gewünscht hätte. Die sphärischen und ruhigen Parts bilden zwar einen passenden und vertraut klingenden Spannungsbogen und Kontrast zu den Rockparts, aber sie verschleppen stellenweise das Grundtempo. Selbst wenn ich grundsätzlich ein großer Freund von Wilsons Ansatz der „natürlichen Tempoanpassung“ bin (siehe hier). Auch die vermeintliche Ausbootung von Bassist Colin Edwin, erschließt sich mir (als Außenstehender) nicht. Ab September ist das Trio auf Tour (auch drei Deutschlandtermine stehen auf dem Programm) und da selbst Mastermind Wilson kaum Gitarre und Bass gleichzeitig spielen kann, steht dann eben nicht der altbekannte Edwin, sondern Nate Navarro (nein, nicht Dave Navarro) auf der Bühne. Wer weiß, was dahinter steckt.

Kaufempfehlung?
Am Ende meiner Rezension möchte ich nochmals den Bogen zum Einstieg spannen: Denn dieses Album kann ich uneingeschränkt jedem musikalischen Octomore-Sympathisanten ans Herz legen. Neben Musik, Text und Stimme ist auch die Produktion tadellos und ein Ohrenschmaus, jeder Kuppelschlag ist kristallklar und perfekt gesetzt (Harrisons Leistung ist ohnehin absolutes Toplevel!): 8/10 Wellenbrecher. Komm, schenk mir ein!

Musikalische Aberfeldy-Fans sollten aber die Finger davon lassen.

Silverstein im Tower, Bremen, 11.06.2022

von Alex

die Jungs hatten Bock: Silverstein am Samstag im Tower

Als Felix und ich am Samstag gut gelaunt Richtung Tower schlenderten, hatten wir zwar richtig Bock. Doch befürchteten wir eine des Abends nicht angemessene überschaubare Zuschauerzahl vor der Bühne. Zum einen drehen in den aktuell unsicheren, inflationären Zeiten die meisten Menschen ihre Euro notgedrungen zweimal um und zum anderen brannte schon den ganzen Tag die Sonne vom Himmel. Eher Schlachte- oder Uniseewetter als Club-Wetter also. Und dann ist da ja auch noch dieses Virus…

Gegen 19:30 Uhr trafen wir ein und unsere Befürchtungen schienen sich zu bestätigen. Erstmal zur Theke und zwischen ein paar verlorenen Menschengrüppchen ein Schreckbier verzehrt. Im Laufe der Zeit wurde es aber doch merklich voller, sodass der Bereich vor der Bühne zum Start der Supportband Shoreline gut gefüllt war. Shoreline? Sagt euch was?! Ja, Felix hatte über die aktuelle Platte der Münsteraner mit Namen Growth ein detailliertes Now Playing verfasst (lese und höre hier).

Support
Als die vier Jungs losbretterten, fiel mir als erstes der bemerkenswert dichte und kristallklare Sound auf. Nur die Textzeilen waren – zumindest von unserer Position aus – kaum zu verstehen, was bei den wichtigen Botschaften der Songs etwas schade war. Trotzdem, großen Respekt an Band und Mischer für diesen durchdringenden, satten Livesound. Und apropos Livesound: Schlagzeuger Martin Reckfort konnte mich ziemlich schnell als Fan gewinnen, war er ein verlässlicher Taktgeber auf hohem Niveau, der komplett frei von Theatralik seinen Job erledigte. Ein bisschen wie ein Fußball-Torwart, der einfach den Ball hält, anstatt eine Flugshow abzuziehen und sich danach viermal abzurollen.

Sänger und Gitarrist Hansol Seung war mit Beginn des ersten Taktes sofort da, schrie und sang, hämmerte auf Saiten ein und sprang über die Bühne. Mimik und Gestik verrieten volle Authentizität, Energie und Wut. Sein Shirt mit der Aufschrift „No one is illegal“ und der Regenbogen-Gitarrengurt verrieten die Werte des Mannes mit koreanischen Wurzeln. In einer kurzen Atempause wurde es zwischen zwei Songs gesellschaftskritisch, als Hansol sich fragte, weshalb Hardcore Shows bloß so wenig divers seien, obwohl die Szene selbst doch tolerant und für jede*n offen sei. Im Publikum weiße Männer, wohin das Auge reichte. Passenderweise hatten wir genau diese Frage vor Kurzem auch in unserem Interview mit den Punkern von Mischwald diskutiert (höre u.a. hier oder im Streaming). Wobei ich sagen muss, dass zumindest das Mann / Frau Verhältnis am Samstag nicht so vernichtend ungleich war, wie man(n) es durchaus gewohnt sein mag. Bzgl. BIPoc und Menschen mit Behinderung stimmte es allerdings. Leider.

Aber zurück zur Musik, die einen hörenswerten Mix aus Melodic Punk mit Emo-Einschlägen bereit hielt. Live fand ich die Kompositionen böser, als ich sie vom Album her erwartet hätte. Gut so! Meine persönlichen Highlights waren Distant und der rotzige Opener Sanctuary:

Ach ja, und Meat Free Youth gefällt mir allein schon inhaltlich ausgesprochen gut. Am Merch-Stand gab es das entsprechende Shirt zur Nummer: Meat is for losers!

Shoreline tourt noch bis in den Herbst hinein durch Deutschland (siehe hier). Am 21. Oktober sind sie als Headliner abermals in Bremen, Support: TIED (Location: Bürgerhaus Weserterrassen). Eine dringende Besuchsempfehlung sei hiermit ausgesprochen.

Silverstein
Dann kurz verschnaufen an der frischen Luft, während der Umbaupause. Wetter immer noch gut, Baustelle vorm Tower immer noch unschön, wieder rein. Bierchen geholt, Lob an die Tower-Crew, wie immer schnell und freundlich. Zeit für den Hauptact.

Spätestens als die fünf Kanadier, unterstützt von Queens We Will Rock You Beat die Bühne betraten und die ersten Textzeilen aus Bad Habits, durch den Tower hallten, waren auch die letzten Zweifel, ob der Publikumszahlen beseitigt. Mit etwa 300 Zuschauern war der Tower verdammt nah an seiner Kapazitätsgrenze für Liveshows. Von jetzt auf gleich wurde die Band um Frontmann Shane Told frenetisch gefeiert. Es wurde gepogt, gesprungen, geklatscht und lauthals mitgesungen: Why do I keep chasing bad feelings? I keep breaking down. I never deal with it. Drown ‚cause I don’t wanna swim. I’m good with bad habits! Eindeutig: Die Menge war dankbar, dass Silverstein mal wieder über den großen Teich gekommen war.

hier ein „baugleicher“ Konzertstart aus Anaheim

Es dauerte nicht lange, da gestand auch Shane, wie gut es tut nach so langer Zeit zurück zu sein. Zurück in Deutschland (mit seinen, Zitat: „wertschätzenden Fans“) und überhaupt zurück auf der verdammten Bühne! „Denn dafür machen wir das!“ Und dass die Jungs Bock hatten, war zu erkennen. Musikalisch ging es tight und tief quer durch die elf Studioalben umfassende Diskographie (zählt man den Exoten „Short Songs“ mit).

Ein klares Highlight des Abends war ein ausladendes Medley, bestehend aus Passagen u.a. aus The Artist, Sacrifice, I Am the Arsonist und The Continual Condition. Über Social Media hatten sich während des Lockdowns offenbar sehr viele Fans diese und andere Songs für die nächste Setlist gewünscht und zack, wurde es knackig komprimiert umgesetzt. Hier sieht man: Die Fans werden gehört, selbst wenn sie weit, weit weg sind!

Hauptsächlich wurde jedoch das Anfang Mai frisch erschienene Album Misery Made Me bespielt, welches durchaus metal-lastiger daher kommt, als die Vorgänger. Der Stimmung war es absolut zuträglich. Stellvertretend sei hier Bankrupt genannt:

In meinen Ohren dabei absolut beeindruckend, wie präzise Shanes Stimme nach über 20 Jahren Bandgeschichte live noch immer funktioniert. Sowohl die Cleanvocals saßen – gerade in Verbindung mit der Stimme von Leadgitarrist Paul Marc Rousseau toll anzuhörenund auch die Screams sind weiterhin beeindruckend beängstigend. Hier findet ihr einen kleinen Bericht, wie Shane das Schreien erlernte.

Und da ich gerade im Lobhudelmodus bin: Paul Koehlers Schlagzeugspiel in Your Sword Versus My Dagger war naturgemäß eine unglaubliche Performance und Paul Marc Rousseaus Tapping bringt Smile In Your Sleep in meinen Augen – und Ohren – einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert.

Zwei weitere Highlights offenbarten sich in der Zugabe. Erst kam Shane ganz allein zurück auf die Bühne – eine Akustikgitarre vor dem Bauch – und lieferte eine intime Version von Aquamarine

… ehe Silversteins Musikalität und ihr breit gefächertes Songwriting als gesamte Band in der Akustikversion des Songs Where Are You? vom 2020er Album A Beautiful Place To Drown unterstrichen wurde. Eine moderne Rockballade frei von Pathos und Schmalz:

Zum Rausschmiss wurde es dann nochmal schweißtreibend. Mit dem punkigen Doubleheader My Heroine und The Afterglow gab es ein letztes Mal links wie rechts auf die Fresse. Und nach dem Verklingen der letzten Töne war an jenem Abend vom Circle of Death bis zum Crowdsurfen alles dabei gewesen. Wunderbar!

Nachdem uns Silverstein also glückselig in die lauwarme Bremer Nacht – oder besser into the afterglow – entlassen hatte, folgte unmittelbar der erste Kulturschock: Direkt vor dem Tower zog eine ungesund gut gelaunte Gruppe Menschen vorbei, die aus voller Kehle „Skandal im Sperrbezirk“ mitgrölte. Auf den unerwarteten Schreck schlossen wir das Kapitel im nächsten Irish Pub. Und so endete der Abend, wie er angefangen war: Mit einem gepflegten Schreckbier!
Auf Hardcore! Auf Rosi!
Auf Hardcore Rosi!

Instagram:
@shoreline_band
Silverstein

#33 das dreckige Dutzend (Musikvideos)

Um unser letztes Hauptthema “Musikvideos“ rund zu machen – gerne nochmal reingehört in Folge #32 MT Wie? – Quo vadis, Musikfernsehen? – schießen wir heute unser dreckiges Dutzend nach: Jeder von uns gibt drei Videos preis, die uns auf irgendeine Art besonders berührt, begeistert oder zum Grübeln gebracht haben. Die daraus resultierenden zwölf Songs gibt es ab sofort auf youtube als Playlist zu hören und – für dieses Thema besonders wichtig – auch zu sehen.

Was sind eure All Time Favorite Musikvideos?

Hier findet ihr die komplette Playlist*:

* aus rechtlichen Gründen stand uns das Video zu „This note’s for you“ leider nicht zur Verfügung.

“Look in their eyes, Ma – you’ll see me!” Literatur in der Musik

von Alex

Als Marco in unserem Ärzte Spezial den Song Clown aus dem Hospiz lobpreiste, fragte ich, ob sich der Komponist Bela hier vielleicht an Joey Goebels Roman Torture the Artist aus dem Jahre 2004 erinnert haben mochte (deutsche Übersetzung: Vincent). Es reifte in mir die Idee, mal einen Artikel zu schreiben, wie und zu welchem Grad schriftstellende Literaten die Musikwelt beeinflusst haben und bis heute beeinflussen. Und da die Musik – so viel sei an dieser Stelle schon verraten – nur so von Literaturverweisen wimmelt, ja, gewissermaßen ins Schwingen gerät, bietet sich natürlich der ideale Nährboden für eine solche Betrachtung. Dabei reicht die Bandbreite von ganz offensichtlicher und unwidersprochener Inspiration – wie z.B. in der epischen Progrock-Nummer Tom Sawyer von The Rush

coole Live-Version des Songs – inklusive selbstironischer Parodie von South Park im Intro.

… bis hin zu subtileren Beispielen, auf die ich gleich gerne zu sprechen komme.

Die Symbiose aus Musik und Literatur
Doch bevor es losgeht, steigen wir mit ein paar allgemeinen Worten in das spannende Thema ein. Schon immer galt: Wer in der Kunst etwas Neues schaffen möchte, sollte wissen, was vorher da war. Nichts entsteht aus dem Nichts! Oder um im Bild zu bleiben: Musiker*innen, die sich anschicken, ein neues Kapital zu schreiben, sollten die vorherigen gründlich “gelesen“ haben. Nicht um zu kopieren, sondern um zu verstehen. Und um sich inspirieren zu lassen. So kommt es nicht selten auch zu Überschneidungen mit anderen Künsten (siehe weiter unten), wobei gerade die Literatur der Musik ihre einzigartige Stimme (ver)leiht.

Die Reise der Familie Joad
Die Textzeile aus der Artikelüberschrift stammt ebenfalls aus so einem Song, dessen im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Buchvorlage sogar verfilmt wurde und in meinem Now Playing über Fin the Chaefs Album Spaß war gestern kurz Erwähnung findet.
Der Roman Früchte des Zorns von John Steinbeck (erschienen 1939) ist auch heute aktueller denn je, beschreibt er den Leidensweg der Amerikanischen Farmerfamilie Joad, die in den 1930er Jahren aufgrund einer ökologischen Katastrophe (menschengemachte Dürren in Oklahoma und Arkansas) und ökonomischen Krise (die Große Depression) ihr Hab und Gut an die Bank verliert. In der Hoffnung auf Arbeit und ein menschenwürdiges Leben zieht die Familie um den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Tom Joad in Richtung Westen. Dort erleben sie Ausbeutung, Fremdenfeindlichkeit, Erniedrigung. Die Parallelen zu heutigen Gesellschaften sind frappierend.
Bruce Springsteen greift in seinem Song The Ghost of Tom Joad die Thematik des Buches und die Mentalität des Hauptprotagonisten in eindrücklicher Weise auf:

Kurzer Textauszug:
Now Tom said; „Ma, whenever ya see a cop beatin‘ a guy
Wherever a hungry new born baby cries
Wherever there’s a fight against the blood and hatred in the air
Look for me, Ma,
I’ll be there

Wherever somebodies strugglin‘ for a place to stand
For a decent job or a helpin‘ hand
Wherever somebody is strugglin‘ to be free
Look in their eyes, Ma,
You’ll see me!

Die auf dem Album Renegades erschienene Coverversion von Rage against the Machine ist ebenso beeindruckend und explodiert geradezu vor blanker Wut und Leidenschaft:

bei ca. 4:50 Minuten hört ihr für mich eine der wütendsten und aufrüttelndsten Musikpassagen der Geschichte!

Eine Waise ohne Geruch
Doch nicht nur der Boss bediente sich bei Literaten. Auch ein gewisser Kurt Cobain baute einem seiner Lieblingsbücher ein musikalisches Denkmal. 1985 erschien Patrick Süskinds Roman das Parfum – ein Welterfolg. Es war die erste und bis heute einzige Romanveröffentlichung des bayrischen Schriftstellers. Die Handlung spielt im Frankreich des 18. Jahrhunderts.

Das Waisenkind Jean-Baptiste Grenouille ist mit einem extem sensiblen Geruchssinn „gesegnet“, während er selbst keinerlei Körpergeruch verströmt. Mit diesen Besonderheiten ausgestattet, wird Grenouille Lehrling eines Parfümeurs und geht dabei – seinem auffallend komplexen Charakter folgend – auch unkonventionelle Wege der Dufterforschung. Süskinds Beschreibungen des Gestanks zu der Zeit sind atemberaubend. Beinahe glaubt man beim Lesen den Geruch in den Gassen selbst wahrnehmen zu können. Cobain gefiel das Buch so sehr, dass er es auf Touren oft dabei hatte.

Untypischerweise kam nun während einer Bandprobe im Jahr 1992 Dave Grohl mit einem neuen Gitarrenriff um die Ecke, welches Cobain eigentlich zu klischeehaft war. Um seinen Freund aber nicht vor den Kopf zu stoßen, jammte die Band herum, bis die Nummer allen gefiel. Als nur noch ein Text fehlte, erinnerte Cobain sich an sein Lieblingsbuch. Es entstand Scentless Apprentice vom letzten Album In Utero:

Like most babies smell like butter
His smell smelled like no other
He was born scentless and senseless
He was born a scentless apprentice

„Who wants flowers when you’re dead?“ – Holden Caulfield, der Vorbote des Grunge
Doch gibt es in der Musik nicht nur bewusste Literaturanspielungen in einzelnen Songs. Manchmal entwickelt sich gar eine ganze Szene, die sich – natürlich nur aus der Retrospektive ersichtlich – in Büchern bereits ankündigte. Im Jahre 1951 – also vor über 70 Jahren – veröffentlichte der US-amerikanische Autor J.D. Salinger das Buch der Fänger im Roggen. Aufgrund seiner für diese Zeit sehr derben Sprache war es in seinem Heimatland lange verboten.

Der Hauptprotagonist Holden Caulfield ist so sehr grunge, dass es wirklich verblüffend ist. Ich wiederhole: 1951 – etwa 35 Jahre vorm „Seattle-Sound'“! Bei näherer Betrachtung gar nicht verwunderlich, wird die Teenage Angst seit jeher von Generation zu Generation weitergegeben – nur mit neuen Nuancen bestückt.

Die Handlung spielt kurz vor Weihnachten des Jahres 1949. Der im Buch 16-jährige Holden (Ich-Erzähler) ist eine sensible Seele, die sich in den gängien Normen und Gepflogenheiten nicht zurecht finden kann und will. Er flog bereits von mehreren Schulen, raucht und trinkt zu viel. Wie viele Menschen der Generation Grunge hat auch Holden depressive Züge und empfindet die genannten Zukunftsängste. Aus Furcht vor der Reaktion der Eltern, irrt er tage- und nächtelang verloren durch das im wahrsten Sinne des Wortes kalte New York. Er hasst alles, was phony ist – in der deutschen Übersetzung mit dem wunderbaren Wort piefig beschrieben, gemeint sind verlogene, ignorante Menschen, zumeist Erwachsene (höre hierzu: Mr. Moustache, Do the evolution, Blow up the outside world…). Kinder liebt er hingegen sehr, vor allem seine kleine Schwester Phoebe, mit der er über alles reden kann. Kinder sind für ihn das Gegenteil von phony, nämlich unschuldig, pur und beschützenswert (höre hierzu: Polly, Jeremy, Daughter…). Er möchte sie, in Anlehnung an ein Gedicht von Robert Burns, davor bewahren, dieses Echte zu verlieren. In seinen Gedanken ist er der „Fänger im Roggen“, der die ausgelassen in einem Getreidefeld spielenden Kinder bevor beschützt, von einer nahen Klippe zu stürzen.

Im Internet wimmelt es nur so vor Holden Caulfield Playlists. Was würde der junge Mann aus der Nachkriegszeit heute hören? Hier eine Vermutung.

Visualisierung
Doch nicht nur die Textschreiber*innen lassen sich gerne und häufig inspirieren. Auch Musikvideos triefen geradezu vor literarischen Bezügen. Allen voran sei hier der “Erfinder“ des modernen Horrors genannt (neben bzw. chronologisch nach Edgar Allan Poe): Der amerikanische Schriftsteller H.P. Lovecraft. Wer den Mann und dessen Gedankenwelt nicht kennt, schaue einfach mal bei Tool vorbei. Hier werden seine Albträume gewissermaßen zum Leben erweckt:

die Videos zu „Prison Sex“, „Sober“ oder „Schism“ hätten ähnlich gut als Referenz herhalten können

Zu Lebzeiten weitgehend unbekannt, erfreuten sich seine Werke und Kreaturen erst nach Lovecrafts Tod großer Beliebtheit. So wurde das von ihm entworfene Necronomicon von Tocotronic im Song das böse Buch besungen.

Auch gehen unfassbar viele Metal-Texte und -Songtitel auf die Ausgeburten Lovecrafts zurück. Der geschätzte Blog Loudwire hatte vor einigen Jahren mal eine kleine Liste zusammengestellt (siehe hier).

Und sogar TV-Serien wie Stranger Things oder Twin Peaks können Parallelen kaum leugnen. Ebenso wenig wie Zeichentrick-Genie Matt Groening, der bei Charakteren wie Dr. Zoidberg (Futuruma) oder Kang und Kodos, den beiden grünen Außerirdischen aus den Simpsons, Cthulhus Ruf „gehört“ haben wird. Und wer kennt noch Davy Jones aus Fluch der Karibik?
Auch die „neunte Kunst“ – der Comic – verneigt sich vor Lovecraft: Der Ort Arkham (Asylm) aus der Batman-Reihe geht klar auf sein Schaffen zurück.

Bandnamen
Aber genug Exkurs – zurück zur Musik: Denn neben den Songs gibt es auch viele Bandnamen, die ursprünglich den Synapsen eines kreativen Schriftstellers entsprungen sind.

Da wäre zum Beispiel die US-amerikanische Metalcore-Band Atreyu, deren Benennung auf Michael Ende zurückgeht. Atreyu (deutsch: Atréju; „Sohn von allen“) ist der loyale und unerschütterliche Held aus Die Unendliche Geschichte – ein junger Jäger vom Volk der Grünhäute vom Gräsernen Meer.

Oder die Deutschrockband Muff Potter, die sich nach einem wichtigen Charakter aus Die Abenteuer des Tom Sawyer von Mark Twain benannt hat – schon wieder dieser Tom Sawyer. An der Figur des zu unrecht des Mordes angeklagten Muff Potters darf im Roman besichtigt werden, wie wichtig es ist, das Richtige zu tun, auch unter Vernachlässigung der eigenen Unversehrtheit (Stichwort Zivilcourage), wenn Tom und Huck vor Gericht aussagen, was in der Tatnacht wirklich geschah und wer der eigentliche Mörder ist. Falls noch nicht gelesen, unbedingt nachholen.

Bekanntere Beispiele für literarische Bandnamen sind u.a. Steppenwolf (nach dem gleichnamigen Roman von Hermann Hesse) und The Doors (in Anlehung an das Buch The Doors of Perception – dt.: Die Pforten der Warhnehmung – vom britischen Philosophen Aldous Huxley). Hier berichtet Huxley von seinen Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Drogen… Girl, we couldn’t get much higher! Come on, baby, light my fire!

Bandnamen, Musikvideos, Songtexte und -titel… es gibt so viele Beispiele, wie Literatur die Musik bereichert, dass einem schwindelig werden kann. Von daher, bleibt mir abschließend nur zu sagen: To be continued?! #alexliederatursolo